Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit
Der tapfere Offizier, der sich nicht erinnert
Locke, seine Kritiker und die Frage, was ein Selbst zusammenhält
Thomas Reid ließ 1785 drei Männer auftreten, die derselbe sein sollen. Ein Junge wird in der Schule ausgepeitscht. Jahre später erobert ein junger Offizier eine feindliche Standarte, und in diesem Augenblick erinnert er sich an die Prügel. Wieder Jahrzehnte später ist der Offizier ein alter General; er erinnert die Eroberung der Standarte noch genau, an die Schulstrafe hat er keine Erinnerung mehr.
Reid hielt das für einen Beweis. Wenn eine Person genau so weit reicht wie ihr Rückblick, dann ist der Offizier derselbe wie der Junge und der General derselbe wie der Offizier. Der General aber ist nicht derselbe wie der Junge. Identität lässt sich das nicht bieten: Wenn A gleich B ist und B gleich C, muss A gleich C sein. Ein Kriterium, das an dieser Stelle bricht, kann nicht Identität sein.
Der Einwand hat gesessen. Er wird bis heute nachgedruckt, wenn John Lockes Theorie der Person zur Sprache kommt. Nur ist inzwischen strittig, ob Reid dabei Locke widerlegt hat oder eine Lesart von Locke, die dieser nie vertreten hat.
Was Locke wirklich vorlegte
Das Kapitel, um das gestritten wird, stand in der ersten Auflage von Lockes Essay Concerning Human Understanding noch gar nicht drin. „Of Identity and Diversity“, das siebenundzwanzigste Kapitel des zweiten Buchs, kam erst 1694 in die zweite Auflage — auf Anregung seines Korrespondenten William Molyneux.
Lockes eigentlicher Schnitt liegt vor jeder Antwort, nämlich in der Frage. Er trennt drei Dinge, die die Tradition zusammengeworfen hatte: die Substanz, den Menschen als lebendigen Organismus und die Person. Die Person ist bei ihm kein Stoff und kein Körper, sondern ein denkendes, seiner selbst bewusstes Wesen, das sich als dasselbe über Zeit und Ort hinweg auffassen kann. Persönliche Identität, heißt es in II.xxvii.9, reiche so weit zurück, wie das Bewusstsein eigene vergangene Handlungen erfassen könne.
Wozu diese Trennung gut ist, sagt Locke wenige Seiten später mit bemerkenswerter Nüchternheit. „Person“ sei ein forensischer Begriff:
It is a forensic term, appropriating actions and their merit
Er passe deshalb nur auf Wesen, die einem Gesetz unterliegen und Glück und Elend erfahren können. Die Person ist also kein metaphysisches Fundstück, sondern die Einheit, der man etwas zurechnen kann. Daher auch das berühmte Gedankenexperiment mit dem Prinzen und dem Schuster (II.xxvii.15). Erwacht das Bewusstsein des Prinzen im Körper des Schusters, dann ist der Schuster für alle Welt derselbe Mensch — und für die Zurechnung derselbe Prinz.
Zwei Einwände, die zu Klassikern wurden
Reids tapferer Offizier ist der eine. Der andere ist fast fünfzig Jahre älter und trifft die Sache noch tiefer. Joseph Butler, Bischof und Moralphilosoph, hängte 1736 seiner Analogy of Religion einen kurzen Text über persönliche Identität an. Sein Argument ist ein Zirkel: Bewusstsein von der eigenen Identität setze diese Identität bereits voraus. Damit kann es sie zwar bezeugen, aber nicht begründen. Ich erinnere eine Handlung nur dann als meine, wenn sie meine war; die Erinnerung stellt also fest, was sie erklären sollte.
Beide Einwände teilen eine stillschweigende Annahme. Sie lesen Lockes „Bewusstsein“ als das, was wir heute Erinnerung nennen — als einen Blick zurück in ein Archiv. Genau diese Annahme ist der Streitpunkt.
Der Streit um ein einziges Wort
In der Locke-Forschung stehen sich seit Jahrzehnten zwei Lager gegenüber. Das eine hält an der klassischen Gleichsetzung fest: consciousness meine im Kern Gedächtnis, und Locke habe eine Erinnerungstheorie der Person vorgelegt — mit allen Folgeproblemen, die Reid und Butler benannt haben.
Das andere Lager bestreitet die Gleichsetzung. Margaret Atherton hat 1983 darauf hingewiesen, dass Locke das Vergessen ausführlich behandelt und mit offenen Augen behandelt; ein Autor, der Identität schlicht an Erinnerung bindet, hätte sich diese Passagen kaum leisten können. Kenneth Winkler las Lockes Bewusstsein 1991 als Aneignung: Eine Person reicht so weit, wie sie vergangene Handlungen als die ihren übernimmt — und Übernehmen ist etwas anderes als Abrufen. Udo Thiel und Antonia LoLordo haben diese Linie fortgeführt, Galen Strawson hat das Bewusstsein bei Locke mit dem Begriff des concernment verbunden, also mit dem Umstand, dass mich meine Vergangenheit angeht.
Der Unterschied ist nicht akademische Feinarbeit, sondern entscheidet über die Reichweite der Einwände. Wenn Bewusstsein Aneignung heißt, dann verliert Reids General nicht seine Identität mit dem geprügelten Jungen, sobald ihm die Szene entfällt — er hört nur auf, sie sich in diesem Moment zuzurechnen. Und Butlers Zirkel greift schwächer, weil eine Aneignung nichts feststellt, was sie voraussetzen müsste; sie tut etwas. Wer entscheiden will, ob Locke widerlegt ist, muss zuerst entscheiden, was er behauptet hat. Diese Frage ist offen.
Was die Gedächtnisforschung dazu beiträgt
Von der psychologischen Seite kommt kein Schiedsspruch, aber eine Verschärfung. Elizabeth Loftus hat gezeigt, wie nachträgliche Informationen Erinnerungen verändern; der Fehlinformationseffekt gehört zu den robustesten Befunden des Fachs. Ulric Neisser wiederum verglich, was Menschen am Tag nach der Challenger-Katastrophe von 1986 protokolliert hatten, mit dem, was sie zweieinhalb Jahre später erzählten. Die Berichte wichen oft erheblich ab — die Sicherheit, mit der sie vorgetragen wurden, blieb hoch. Auch die Blitzlichterinnerung, das vermeintlich eingebrannte Bild, ist eine Rekonstruktion.
Für eine strenge Erinnerungstheorie der Person ist das eine schlechte Nachricht. Sie stützt die Identität auf ein Material, das lückenhaft ist, sich in der Gegenwart neu zusammensetzt und Fremdes aufnimmt. Wir erinnern nicht jedes frühere Selbst; wir vergessen die Kindheit fast vollständig, vertauschen Details und übernehmen Erzählungen anderer. Trotzdem behandeln wir uns weiter als dieselbe Person, und die Gerichte tun es auch.
Derek Parfit hat daraus 1984 die radikalste Konsequenz gezogen: Vielleicht braucht Identität überhaupt keine Alles-oder-nichts-Tatsache zu sein. Was zählt, wären überlappende Ketten psychologischer Verbindung — Erinnerungen, Absichten, Charakterzüge, Bindungen, verkörperte Gewohnheiten. Kein einzelnes Glied muss über die ganze Strecke reichen, damit die Kette hält. Reids General wäre dann nicht in einem Punkt widerlegt, sondern in Graden mit dem Jungen verbunden.
Damit schließt sich ein Kreis, den die Debatte selten zieht. Reids Einwand zieht seine Kraft daraus, dass Identität eine strenge Beziehung ist: Was gleich ist, ist ganz gleich, und ein Kriterium, das das nicht durchhält, ist widerlegt. Genau diese Strenge aber verlangt ein forensischer Begriff nicht. Gerichte kennen Grade — Mitverschulden, verminderte Zurechnungsfähigkeit, Verjährung. Wer Lockes Person von Anfang an als Zurechnungseinheit liest, für den ist Parfits Abstufung kein Bruch mit Locke, sondern die Fortsetzung seines Zugs mit anderen Mitteln. Reid und Butler haben dann nicht Locke getroffen, sondern die metaphysische Lesart, die sie ihm unterstellten.
| Position | Jahr | Was sie behauptet | Woran sie hängt |
|---|---|---|---|
| Locke, Essay II.xxvii | 1694 | Person ist ein Begriff der Zurechnung | Bewusstsein reicht so weit wie die Aneignung |
| Butler, Anhang | 1736 | Zirkel: Bewusstsein setzt Identität voraus | Bewusstsein als Rückblick gelesen |
| Reid, Essays III.6 | 1785 | die Kette bricht: A = B, B = C, aber A ≠ C | Bewusstsein als Erinnerung gelesen |
| Atherton | 1983 | Locke behandelt das Vergessen mit offenen Augen | gegen die Gleichsetzung |
| Parfit, Reasons and Persons | 1984 | Identität in Graden statt alles oder nichts | überlappende Ketten |
| Winkler | 1991 | Bewusstsein heißt Aneignung, nicht Abruf | Übernehmen ist kein Abrufen |
| Neisser & Harsch, Challenger | 1992 | Berichte weichen ab, die Sicherheit bleibt | das Material selbst |
Was bleibt
Gesichert ist Lockes Schnitt, nicht seine Antwort. Dass Person, Mensch und Substanz auseinandergehalten gehören und dass „Person“ ein Begriff der Zurechnung ist, hat die Debatte überdauert; hier liegt Lockes bleibende Leistung. Strittig ist bis heute, was er unter Bewusstsein verstand — und wer den Streit übergeht und Locke kurzerhand die Erinnerungstheorie zuschreibt, widerlegt eine Position, deren Urheber unbekannt ist. Von der Psychologie ist dabei kein Freispruch zu erwarten, aber eine belastbare Auskunft über das Material: Das Gedächtnis ist ein Rekonstruktionsapparat, kein Archiv.
Im Alltag merkt man das an einer Asymmetrie, die jeder kennt. Wir verlangen von uns, dass wir für Taten geradestehen, an die wir uns kaum erinnern, und wir erkennen uns in Erzählungen wieder, die wir zur Hälfte von anderen haben. Bei Demenz und Amnesie wird diese Ordnung verletzt, ohne dass eine Person deshalb Würde, Beziehungen oder ihren Anspruch auf die eigene Vergangenheit verlöre. Das ist ein starkes Argument dafür, dass Identität nie allein im Kopf des Einzelnen lag. Andere Menschen bewahren Teile unserer Geschichte für uns. Wir sind fortgesetzte, korrigierbare Zusammenhänge: Geschichten mit einem Körper, einer sozialen Welt und mehr Lücken, als ihre Erzähler gern zugeben.
Quellen und warum sie hier stehen
Locke, J. (1694/1975). An Essay Concerning Human Understanding, II.xxvii — „Of Identity and Diversity“, insbesondere §§ 9, 15 und 26. Das Kapitel kam erst in der zweiten Auflage hinzu.
Der Text, um den gestritten wird. Aus § 26 stammt das Zitat, aus § 9 die Bestimmung der Person, aus § 15 der Prinz im Körper des Schusters.
Butler, J. (1736). Of Personal Identity, Anhang zu The Analogy of Religion.
Der ältere und tiefere der beiden klassischen Einwände: Bewusstsein von der eigenen Identität setzt diese Identität schon voraus — es bezeugt sie, begründet sie aber nicht.
Reid, T. (1785). Essays on the Intellectual Powers of Man, III.6.
Der tapfere Offizier, mit dem der Artikel beginnt. Reids Kette bricht dort, wo Identität eigentlich durchhalten müsste.
Atherton, M. (1983). Locke's theory of personal identity. Midwest Studies in Philosophy, 8, 273–293.
Der Einwand gegen die Gleichsetzung von Bewusstsein und Erinnerung: Locke behandelt das Vergessen ausführlich — was sich ein Autor kaum leisten könnte, der Identität schlicht ans Gedächtnis bindet.
Winkler, K. P. (1991). Locke on personal identity. Journal of the History of Philosophy, 29(2), 201–226.
Die Lesart, an der die Reichweite beider Einwände hängt: Bewusstsein als Aneignung. Übernehmen ist etwas anderes als Abrufen.
Thiel, U. (2011). The Early Modern Subject: Self-Consciousness and Personal Identity from Descartes to Hume. Oxford University Press.
Stellt Locke in seine Zeit und zeigt, dass die Frage nach dem Selbst vor ihm anders gestellt wurde — Lockes eigentliche Neuerung liegt im Schnitt, nicht in der Antwort.
Strawson, G. (2011). Locke on Personal Identity: Consciousness and Concernment. Princeton University Press.
Verbindet Lockes Bewusstsein mit dem <em>concernment</em> — dem Umstand, dass mich meine Vergangenheit angeht. Das ist etwas anderes, als sie zu wissen.
LoLordo, A. (2012). Locke's Moral Man. Oxford University Press.
Führt die forensische Linie aus: Warum Lockes Person von vornherein für Zurechnung gebaut ist und nicht für Metaphysik.
Gordon-Roth, J. (2019). Locke on personal identity. Stanford Encyclopedia of Philosophy.
Die beste Übersicht über den offenen Streit der Lager — nachprüfbar und frei zugänglich, für alle, die den Stand selbst nachlesen wollen.
Parfit, D. (1984). Reasons and Persons. Oxford University Press.
Die radikalste Konsequenz: Identität braucht keine Alles-oder-nichts-Tatsache zu sein. Überlappende Ketten halten auch dann, wenn kein einzelnes Glied über die ganze Strecke reicht.
Loftus, E. F. (2005). Planting misinformation in the human mind: A 30-year investigation of the malleability of memory. Learning & Memory, 12, 361–366.
Der Fehlinformationseffekt — das Material, auf das eine strenge Erinnerungstheorie die Person stützen müsste, nimmt Fremdes auf.
Neisser, U., & Harsch, N. (1992). Phantom flashbulbs: False recollections of hearing the news about Challenger. In E. Winograd & U. Neisser (Hrsg.), Affect and Accuracy in Recall. Cambridge University Press.
Der Vergleich zwischen Protokoll und Erzählung zweieinhalb Jahre später: Die Berichte wichen ab, die Sicherheit blieb. Auch das eingebrannte Bild ist eine Rekonstruktion.
Neisser, U., & Fivush, R. (Hrsg.). (1994). The Remembering Self: Construction and Accuracy in the Self-Narrative. Cambridge University Press.
Der Sammelband, der die psychologische Seite an die philosophische zurückbindet: das Selbst als fortgesetzte, korrigierbare Erzählung.