Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit
Der Aufdecker unter Verdacht
Rosenhans eigene Krankenakte widerspricht seiner Darstellung
Ein gesunder Mensch meldet sich in einer psychiatrischen Klinik und sagt, er höre eine Stimme. Sie sage nur drei Wörter: „leer“, „hohl“, „dumpf“. Nach der Aufnahme verhält er sich unauffällig, erklärt die Stimme sei verschwunden und wartet darauf, als gesund erkannt zu werden. So beschrieb der Psychologe David Rosenhan 1973 in Science den Versuch, der ihn berühmt machte.
Was Rosenhan bei seiner eigenen Aufnahme im Haverford State Hospital tatsächlich zu Protokoll gab, steht seit 2019 fest — und es sind nicht drei harmlose Wörter. Er berichtete Stimmen, die seit sechs Monaten zunähmen und die er einem Radio zuschrieb. Er habe sich einen Kupfertopf ans Ohr gehalten, um die Signale abzuschirmen. Er schilderte Beziehungsideen, deutliche Verfolgungsideen und seit zwei Monaten Suizidgedanken. Der zentrale Vorwurf des Aufsatzes — ein triviales Symptom genüge, um in der Psychiatrie zu verschwinden — trägt ausgerechnet für seinen eigenen Fall nicht.
Was der Aufsatz behauptete
Acht Pseudopatienten, so der Bericht, hätten sich in zwölf US-Kliniken vorgestellt und seien ausnahmslos aufgenommen worden. Elf der zwölf Aufnahmen erfolgten unter der Diagnose Schizophrenie, eine unter der einer manisch-depressiven Psychose. Die Aufenthalte dauerten zwischen sieben und 52 Tagen, im Mittel 19 Tage. Keiner der Pseudopatienten sei vom Personal enttarnt worden — wohl aber, so Rosenhan, von Mitpatienten.
Die Wirkung des Aufsatzes lag weniger in dieser Zählung als in seinen Szenen. Gewöhnliches Verhalten erschien in der Akte plötzlich als Symptom: Notizenmachen als zwanghaftes Schreiben, frühes Erscheinen zur Essensausgabe als krankhafte Fixierung auf orale Bedürfnisse. Rosenhans Pointe war nicht nur, dass Diagnosen irren können. Ein Etikett verändert den Rahmen, in dem jede weitere Beobachtung gelesen wird — und in einer geschlossenen Institution schreibt es sich von Beobachter zu Beobachter fort. Sein berühmtester Satz greift denn auch weit über die Anordnung hinaus, die ihn tragen soll:
It is clear that we cannot distinguish the sane from the insane in psychiatric hospitals
Der Aufsatz wurde zu einer der meistzitierten Anklagen gegen psychiatrische Diagnostik und wurde in den Reformdebatten der 1970er-Jahre immer wieder angeführt.
Der Einwand von 1975
Der erste Widerspruch kam nicht von Historikern, sondern aus dem Fach — und er zielte auf die Logik, nicht auf die Daten. Robert Spitzer, der wenige Jahre später das DSM-III verantworten sollte, hielt Rosenhan 1975 entgegen, dass sein Befund etwas anderes zeige, als er behaupte. Wer eine Halluzination schildert, gehört untersucht; dass eine Klinik ihn aufnimmt, ist kein diagnostisches Versagen, sondern das erwartbare Verhalten. Und die Entlassungsdiagnose, die Rosenhan als Beleg für die Unbeirrbarkeit des Etiketts anführte — „Schizophrenie in Remission“ — beweise das Gegenteil: Sie ist eine ungewöhnliche Formulierung, die genau das festhält, was die Ärzte gesehen hatten, nämlich einen Menschen ohne Symptome. Spitzers Diagnose für den Aufsatz lautete spöttisch „Logik in Remission“.
Der Streit lief also lange als Methodenstreit: Was misst dieses Vorgehen überhaupt? Rosenhans Anordnung prüfte nicht, ob Fachleute bei denselben Informationen zu denselben Urteilen kommen. Sie prüfte, ob Fachleute erkennen, dass man sie belügt. Das ist eine andere Frage, und ihre Antwort sagt über die Zuverlässigkeit von Diagnosen wenig aus. Hinzu kam der Zeitrahmen: Die untersuchten Häuser gehörten einer Versorgungsepoche an, deren Kriterien vage, deren Stationen überbelegt und deren Entlassungsentscheidungen von Verwaltungslogik mitbestimmt waren.
Was die Nachprüfung der Unterlagen fand
2019 verschob die Journalistin Susannah Cahalan die Kritik von der Methode auf die Daten. Für The Great Pretender durchsuchte sie Rosenhans Nachlass und versuchte, die anderen Pseudopatienten zu finden. Von den acht ließen sich zwei bestimmen: Rosenhan selbst, der unter dem Namen „David Lurie“ auftrat, und sein Doktorand Wilburn Underwood. Die übrigen sechs blieben nach jahrelanger Suche unauffindbar. Der Psychiatriehistoriker Andrew Scull, der das Material 2023 auswertete, hält es für wahrscheinlich, dass sie nie existiert haben.
Underwoods Fall, der eine überprüfbare, ließ sich mit dem Aufsatz nicht in Deckung bringen. Dort ist von sieben Tagen in einem Haus mit 8000 Betten die Rede; tatsächlich waren es acht Tage in einem Haus mit 1500 Betten. Die Entlassungsdiagnose „Schizophrenie in Remission“, auf der ein erheblicher Teil der Beweisführung ruhte und an der sich auch Spitzers Gegenrede abarbeitete, steht in seiner Akte nicht.
Ein neunter Teilnehmer taucht im Aufsatz gar nicht auf. Harry Lando verbrachte 19 Tage auf einer offenen Station, hatte nach eigenen Angaben täglich weit über eine Stunde Kontakt zum ärztlichen Personal und beschrieb seinen Aufenthalt 1976 in einer eigenen Publikation als überwiegend positiv. Rosenhan strich ihn in einer Fußnote aus der Auswertung, weil er seine Biografie gefälscht habe — was auf jeden Pseudopatienten zutraf und auf Rosenhan selbst am meisten.
Der konkreteste Fälschungsbeleg fand sich in Rosenhans Papieren. Dort liegt eine Manuskriptfassung mit neun Pseudopatienten, deren Tabellen zum Personalkontakt zahlenidentisch sind mit der später publizierten Fassung mit acht. Zwei Stichproben verschiedener Größe können nicht dieselben Mittelwerte ergeben; und da Lando täglich stundenlangen Personalkontakt berichtete, sind beide Datensätze nachweislich frisiert. Hinzu kommt, was fehlt: Das angekündigte Buch blieb Fragment, die vollständige Dokumentation legte Rosenhan nie vor, und die Akten enthalten weder die Identitäten der Pseudopatienten noch die Namen der Kliniken. Auch bei Science sind Manuskript- und Gutachterunterlagen nicht mehr vorhanden.
Scull bezeichnete die Studie 2023 als erfolgreichen wissenschaftlichen Betrug. Das ist ein hartes Urteil, und es beweist nicht, dass jede einzelne Beobachtung erfunden war. Die vorsichtigere Formulierung trägt aber ebenfalls weit genug: Zentrale Teile des Berichts sind heute nicht unabhängig verifizierbar, und die überlieferte Datengrundlage trägt die Sicherheit der berühmten Erzählung nicht.
| Punkt | Was der Aufsatz sagt | Was die Unterlagen sagen |
|---|---|---|
| Pseudopatienten | acht | zwei identifiziert, sechs unauffindbar |
| Rosenhans Angabe bei der Aufnahme | drei Wörter: leer, hohl, dumpf | Stimmen seit sechs Monaten, Kupfertopf am Ohr, Verfolgungs- und Suizidgedanken |
| Underwoods Aufenthalt | sieben Tage, 8.000 Betten | acht Tage, 1.500 Betten |
| Seine Entlassungsdiagnose | Schizophrenie in Remission | steht in seiner Akte nicht |
| Ein neunter Teilnehmer | kommt nicht vor | Lando, 19 Tage, selbst veröffentlicht |
| Zwei Manuskriptfassungen | acht Personen | neun Personen — bei identischen Mittelwerten |
Was die beschädigte Studie nicht ungeschehen macht
Ein zweiter Fehler wäre, mit Rosenhans Glaubwürdigkeit auch die gesamte Kritik an den damaligen Kliniken zu entsorgen. Überbelegung, Zwang, geringe Privatsphäre und eine oft abwertende Behandlung sind durch zahlreiche andere Quellen belegt — dafür brauchte es Rosenhan nie. Ebenso real ist der Etikettierungseffekt als Forschungsfrage: Eine Vorinformation lenkt Aufmerksamkeit, beeinflusst Interpretation und kann sich in Akten fortschreiben. Nur belegt Rosenhans Aufsatz diesen Effekt eben nicht, sondern illustriert ihn.
Die moderne Diagnostik hat auf die Probleme jener Zeit mit expliziteren Kriterien, strukturierten Interviews und Reliabilitätsstudien reagiert — Spitzers eigenes Programm. Unfehlbar ist sie dadurch nicht. Reliabilität bedeutet, dass Beurteilende häufiger zum gleichen Ergebnis kommen; Validität verlangt zusätzlich, dass die Kategorie etwas Wirkliches und Nützliches erfasst. Und wie ein Etikett auf die Person und ihre Umgebung wirkt, ist eine dritte, ethische Frage, die kein Reliabilitätswert erledigt. Rosenhans Erzählung vermischte diese drei Ebenen zu einem einzigen dramatischen Test — das war ihre rhetorische Stärke und ihre wissenschaftliche Schwäche.
Was bleibt
Gesichert ist wenig von dem, was der Aufsatz behauptet, und viel von dem, was er ausgelöst hat. Zwei der acht Pseudopatienten sind identifiziert, sechs nicht; die eine überprüfbare Falldarstellung weicht in Dauer, Klinikgröße und Entlassungsdiagnose vom Text ab; ein neunter, positiv verlaufener Fall wurde mit einer Begründung gestrichen, die für alle galt; und zwei Fassungen desselben Datensatzes zeigen identische Zahlen bei unterschiedlicher Personenzahl. Strittig bleibt allein die Bezeichnung: ob man das Betrug nennt, wie Scull, oder bei „nicht verifizierbar“ stehen bleibt. An der Belastbarkeit der Studie ändert die Wortwahl nichts.
Woran man den Fall im Alltag wiedererkennt: Eine Untersuchung, deren Rohdaten, Orte und Beteiligte nie offengelegt werden, ist auch dann keine Evidenz, wenn ihr Anliegen richtig ist. Rosenhan hatte in der Sache oft recht — über Etiketten, über Anstalten, über die Macht der Akte. Er hat es nur nicht gezeigt, sondern erzählt. Gerade weil psychiatrische Diagnosen über Freiheit, Behandlung und Selbstbild entscheiden, gilt für ihre Kritiker derselbe Maßstab wie für sie selbst: begründet, überprüfbar, revidierbar. Je größer die Konsequenz, desto höher die Schwelle — für die Diagnose wie für die Anklage.
Quellen und warum sie hier stehen
Rosenhan, D. L. (1973). On being sane in insane places. Science, 179(4070), 250–258.
Der Aufsatz selbst, aus dem das Zitat stammt — und der Satz, an dem sich alles entscheidet, weil er weit über die Anordnung hinausgreift, die ihn tragen soll.
Spitzer, R. L. (1975). On pseudoscience in science, logic in remission, and psychiatric diagnosis: A critique of Rosenhan's „On being sane in insane places“. Journal of Abnormal Psychology, 84(5), 442–452.
Der Einwand aus dem Fach, ein halbes Jahrhundert vor den Akten: Rosenhan prüfte nicht die Zuverlässigkeit von Diagnosen, sondern ob Fachleute merken, dass man sie belügt.
Spitzer, R. L. (1976). More on pseudoscience in science and the case for psychiatric diagnosis. Archives of General Psychiatry, 33, 459–470.
Die Fortsetzung des Streits — und das Programm, aus dem das DSM-III wurde: explizitere Kriterien, strukturierte Interviews, Reliabilitätsstudien.
Lando, H. (1976). On being sane in insane places: A supplemental report. Professional Psychology, 7, 47–52.
Der neunte Fall, den der Aufsatz nicht führt. Lando beschrieb seinen Aufenthalt selbst — überwiegend positiv, mit täglich stundenlangem Personalkontakt.
Cahalan, S. (2019). The Great Pretender: The Undercover Mission That Changed Our Understanding of Madness. Grand Central Publishing.
Die Recherche im Nachlass, die die Kritik von der Methode auf die Daten verschob: zwei von acht Pseudopatienten gefunden, sechs nicht.
Scull, A. (2023). Rosenhan revisited: Successful scientific fraud. History of Psychiatry, 34, 180–195.
Die Auswertung des Materials durch einen Psychiatriehistoriker — und das härteste Urteil, das der Artikel wiedergibt, ohne es sich zu eigen zu machen.