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AnamneseArchiv der Psychologie

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Das Journal29. August 202612 Min. Lesezeit

Die Heilung, die es nie gab

Bertha Pappenheim hinter der Gründungslegende der Redekur

Bertha Pappenheim 1882
Bertha Pappenheim 1882, im Jahr ihrer Einweisung nach Kreuzlingen.Unidentified photographer · Public domain · Wikimedia Commons

Am 12. Juli 1882 wird Bertha Pappenheim in das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen eingewiesen. Fünf Wochen zuvor, am 7. Juni, hatte Josef Breuer die Behandlung beendet, die er dreizehn Jahre später mit einem triumphalen Schluss veröffentlichen sollte. Die Aufzeichnungen des Anstaltsleiters Robert Binswanger beschreiben keine geheilte Frau. Pappenheim ist weiter schwer krank, erhält Morphin und Chloralhydrat und entwickelt eine dokumentierte Abhängigkeit. Entlassen wird sie erst Ende Oktober. Albrecht Hirschmüller legte dieses Material 1978 vor — fast hundert Jahre, nachdem die Fallgeschichte zur Ursprungsszene der Psychoanalyse geworden war.

In der Fallgeschichte heißt sie „Anna O.“. Pappenheim stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien; als ihr Vater im Juli 1880 erkrankte, übernahm sie die Pflege. In dieser Zeit begannen die Symptome, die Breuer später beschrieb: Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen, Halluzinationen und wechselnde Bewusstseinszustände. 1895 veröffentlichten Breuer und Sigmund Freud den Fall in den Studien über Hysterie. Aus ihm wurde die Behauptung, mit der ein ganzes Fach begann: dass Erzählen heilen kann.

Seitdem erfreut sie sich vollständiger Gesundheit.

Josef Breuer, Studien über Hysterie (1895), Schlusssatz der Beobachtung „Frl. Anna O…“

Was Breuer behandelte

Breuer war ein angesehener Wiener Arzt und Physiologe. Er behandelte Pappenheim ungewöhnlich intensiv, teils täglich und über lange Sitzungen. Er hörte ihren Erzählungen zu, nutzte Hypnose und versuchte, einzelne Symptome zu ihrem vermuteten Ursprung zurückzuverfolgen. Diese Aufmerksamkeit unterschied sich von einer rein autoritären Behandlung — und sie war selbst Teil dessen, was wirkte.

Der Überlieferung nach nannte Pappenheim die Gespräche auf Englisch „talking cure“ und „chimney sweeping“. Dass der Name von der Patientin kam, ist bedeutsam: Sie war nicht bloß Material, sondern beschrieb eine Methode, die sich in der Beziehung entwickelte. Bekannt ist der Ausdruck allerdings nur durch Breuer. Ein eigener Behandlungsbericht Pappenheims ist nicht erhalten.

Das Verfahren, das später Katharsis hieß, folgte einem klaren Muster: Unter Hypnose sollte die Erinnerung an eine belastende Situation samt zugehörigem Affekt wieder auftauchen, danach verschwand nach Breuers Darstellung jeweils ein Symptom. Klinisch ist das eindrucksvoll, methodisch fragil. Symptome schwanken, Suggestion wirkt, und Behandelnde erkennen passende Episoden leichter als unpassende. Die moderne Gedächtnisforschung beschreibt Erinnern ohnehin als Rekonstruktion: Fragen, Erwartungen und wiederholte Vorstellungen formen, was auftaucht. Hohe subjektive Sicherheit und historische Genauigkeit sind nicht dasselbe.

Das heißt nicht, Pappenheims Berichte seien erfunden. Es heißt, dass eine in Trance erzählte Ursprungsszene nicht unabhängig verifiziert ist. Diese Unterscheidung schützt bis heute Patienten: Behandelnde sollten Erleben ernst nehmen, ohne vermeintlich verdrängte Ereignisse durch suggestive Techniken zu bestätigen. Klinische Bedeutung ist kein forensischer Beweis.

Hinzu kommt der zeitliche Abstand. Die Fallgeschichte erschien dreizehn Jahre nach der Behandlung. Zwischen Begegnung und Text lagen Erinnerung, Notizen und eine sich entwickelnde Theorie. Breuer schrieb kein Protokoll ab; er komponierte einen klinischen Verlauf. Der lesbare Zusammenhang kann daher teilweise Produkt der Darstellung sein — Breuer war am Geschehen beteiligt und bestimmte zugleich, wie es der Nachwelt erschien.

Was die Akten aus Bellevue zeigen

Die veröffentlichte Fallgeschichte endet mit einem dramatischen therapeutischen Abschluss. Die Unterlagen aus Kreuzlingen widersprechen dem. Pappenheims Zustand blieb nach dem Ende der Behandlung ernst; die Erholung verlief über Jahre, nicht über eine Schlussszene.

Zwei Zeitleisten über Juni bis Oktober 1882: oben die geheilte Patientin der Fallgeschichte, unten der Abbruch am 7. Juni, die Aufnahme am 12. Juli und die Entlassung Ende Oktober
Abb. 1 — Dieselben fünf Monate in zwei Quellen: Breuers Schlusssatz von 1895 gegen die Anstaltsakten aus Kreuzlingen, die zwischen dem 12. Juli und Ende Oktober 1882 eine stationär behandelte Patientin verzeichnen. Zeichnung des Archivs

Gegen ihre Schmerzen erhielt sie Morphin und Chloralhydrat. Dosis, Dauer und genaue Wirkung sind nicht in allen Punkten geklärt, die Abhängigkeit ist dokumentiert. Damit wird die Grenze zwischen Erkrankung und Behandlung unscharf. Müdigkeit, Verwirrtheit, Entzug oder Stimmungsschwankung können später als Teil des ursprünglichen Syndroms erscheinen. Moderne Fallanalyse legt deshalb eine Zeitlinie an, die Symptome, Medikamente und Interventionen nebeneinanderstellt.

Die moralische Pointe ist nicht, Breuer habe absichtlich geschadet. Opiate waren damals medizinisch verbreitet und ihre Risiken anders reguliert. Doch guter Wille ersetzt keine Beobachtung der Nebenwirkungen. Auch heutige Therapien müssen iatrogene Folgen als Daten behandeln, nicht als Störung der Erfolgserzählung.

Warum endete die publizierte Fallgeschichte dennoch triumphal? Klinische Texte brauchen einen Bogen. Eine neue Methode überzeugt stärker, wenn Symptome nacheinander verschwinden und der Fall abgeschlossen wird. Offene Verläufe sind wissenschaftlich ehrlicher und rhetorisch schwächer. Das Bellevue-Material macht die Redekur nicht wertlos; es verändert die Wirksamkeitsbehauptung. Kurzfristige Symptomveränderung, therapeutische Einsicht und dauerhafte Genesung sind verschiedene Endpunkte.

Eine Ferndiagnose ist aus den Quellen nicht möglich. „Hysterie“ bündelte im 19. Jahrhundert sehr verschiedene Lähmungen, Anfälle, Schmerzen und Bewusstseinsveränderungen ohne erkennbare organische Erklärung. Der Begriff war weiblich codiert und mit Vorstellungen über Sexualität und Suggestibilität beladen. Manche Fälle würden heute unter funktionellen neurologischen Störungen, Dissoziation oder Epilepsie diskutiert. Für Pappenheim reicht die Akte nicht: Historiker streiten weiterhin über neurologische, medikamentöse und psychische Erklärungen, und keine Seite kann die Frage entscheiden.

AngabeFallgeschichte 1895Anstaltsakten Bellevue
Ende der BehandlungJuni 1882, geheilt7. Juni 1882, Abbruch
Zustand danachvollständige GesundheitAufnahme am 12. Juli 1882
Medikationnicht erwähntMorphin, Chloralhydrat
Entlassung—Ende Oktober 1882

Wie der Fall zur Legende wurde

Zur berühmtesten Szene des Falls gehört eine, die vermutlich nie stattfand. Ernest Jones erzählte 1953, Pappenheim habe am Ende der Behandlung Symptome einer hysterischen Schwangerschaft entwickelt und Breuer habe erschrocken die Beziehung beendet. Freud trug Varianten der Geschichte weiter. Direkte zeitgenössische Belege fehlen; Historiker bewerten die Episode als unsicher oder legendär.

Die Erzählung erfüllte mehrere Zwecke auf einmal. Sie machte Übertragung und Sexualität zum verborgenen Motor, stellte Breuer als jemanden dar, der vor der eigenen Entdeckung zurückschreckte, und bereitete Freud als mutigeren Nachfolger vor. Eine gute Gründungslegende erklärt zugleich die Theorie und den Führungswechsel. Dass eine Geschichte psychologisch passend wirkt, ist jedoch kein Beleg. Gerade eine Disziplin, die verborgene Motive deutet, braucht strenge Quellenkritik — sonst wird Unwiderlegbarkeit zum Stilmittel.

Zur Legende gehört auch eine simple Verwechslung: Freud behandelte Pappenheim nicht. Er kannte den Fall durch Breuer und arbeitete ihn in die gemeinsame Publikation ein. In populären Erzählungen wird „Anna O.“ trotzdem zur ersten Patientin Freuds. Das ist falsch, und der Fehler ist verräterisch. Weil Freud zur zentralen Figur wurde, ordnet die Erinnerung ihm die Vorläufer zu.

Die Studien über Hysterie waren zudem kein einstimmiges Buch. Breuer betonte veränderte Bewusstseinszustände und „hypnoide“ Zustände; Freud rückte Abwehr, Sexualität und psychischen Konflikt in den Vordergrund. Freie Assoziation ist nicht identisch mit Breuers Hypnose, die Triebtheorie kam später. Historisch genauer ist es, von einem wichtigen Knotenpunkt zu sprechen als von einer Geburt.

Das Leben nach der Fallgeschichte

Pappenheim zog nach Frankfurt am Main und wurde etwas, das in Breuers Akte nicht vorkommt: eine öffentliche Akteurin. Sie veröffentlichte Erzählungen, Theaterstücke und sozialpolitische Texte. Sie übersetzte die Memoiren der Glückel von Hameln aus dem Jiddischen und machte eine frühneuzeitliche jüdische Frauenstimme einem neuen Publikum zugänglich.

1904 gründete sie mit anderen den Jüdischen Frauenbund und wurde seine erste Vorsitzende. Die Organisation verband Frauenrechte, Bildung, Wohlfahrt und jüdisches Gemeindeleben. In Neu-Isenburg gründete und leitete sie ein Heim für gefährdete Mädchen, unverheiratete Mütter und ihre Kinder; es sollte Schutz, Bildung und berufliche Perspektiven bieten. Sie reiste nach Osteuropa und in den Nahen Osten, untersuchte die Bedingungen von Migration, Armut und sexueller Ausbeutung und schrieb darüber.

Ihre Positionen waren nicht spannungsfrei. Sie kritisierte Frauenhandel und Prostitution mit moralischen Kategorien, die heutige Debatten anders beurteilen, und blieb in manchen Fragen innerhalb der bürgerlichen und religiösen Normen ihrer Zeit. Auch Reforminstitutionen tragen Macht: Regeln über Sexualität, Mutterschaft und Lebensführung verbinden Fürsorge mit Kontrolle. Historische Anerkennung verlangt weder Heiligsprechung noch Abwertung, sondern den Blick auf Ziele, Mittel und Handlungsspielraum.

Diese Biografie ist keine Fortsetzung der Krankengeschichte mit anderen Mitteln. Ihre spätere Handlungsfähigkeit beweist nicht, dass Breuer sie geheilt habe; ebenso wenig macht die fortgesetzte Erkrankung ihre spätere Leistung unwirklich. Der zeitliche Abstand und die unklare Behandlungskette tragen keine Kausalität in beide Richtungen. Persönlichkeit ist Verlauf, nicht Momentaufnahme.

Häufig heißt es, Pappenheim habe die Psychoanalyse abgelehnt und in ihrem Heim verboten. Die Quellenlage wird unterschiedlich bewertet. Plausibel ist eine distanzierte Haltung; eine ausführliche öffentliche Selbstdeutung ihrer Rolle als „Anna O.“ besitzen wir nicht. Gerade weil sie so schreibmächtig war, fällt ihr Schweigen über den Fall auf. Es kann Schutz, Ablehnung, soziale Norm oder schlicht andere Priorität bedeuten. Mehr lässt sich ohne Beleg nicht sagen.

Wem gehört eine Fallgeschichte?

Zu Lebzeiten wurde Pappenheim nicht öffentlich als Anna O. benannt. Die Identifizierung verbreitete Ernest Jones 1953, siebzehn Jahre nach ihrem Tod. Damit wurde eine anerkannte Sozialreformerin posthum wieder zur psychiatrischen Patientin. Historische Forschung braucht diese Verbindung — ohne sie wäre die Legende nicht zu prüfen. Sie muss aber fragen, wessen Perspektive die Akten bewahren. Wir kennen Breuers Deutung; Pappenheims eigenes Verhältnis zu dieser Fallgeschichte bleibt weitgehend unbekannt.

Das Pseudonym schützte sie zunächst. Nach der Identifizierung wurde jede neue Biografie zur Gelegenheit, intime medizinische Details öffentlich zu verhandeln. Verstorbene besitzen je nach Recht weniger Datenschutz, doch ethische Pflichten gegenüber Würde, Familie und historischer Genauigkeit bleiben. Fallgeschichten sind dabei besonders heikel, weil intime Information mit Interpretation vermischt ist. Leser erkennen oft nicht, welcher Satz aus einer zeitnahen Akte, welcher aus einer späten Erinnerung und welcher aus einer theoretischen Rekonstruktion stammt. Transparente Quellenstufen sind Teil des Persönlichkeitsschutzes. Anonymisierung allein genügt bei einzigartigen Fällen nicht: Biografische Details lassen sich kombinieren, bis eine Person wieder erkennbar ist.

Bleibt die schwierigere Frage, ob eine Erzählung wahr sein kann, ohne genau zu sein. Eine therapeutische Geschichte kann einem Menschen helfen, Erfahrungen zu ordnen, auch wenn sie keine historische Fotografie ist. Die Gefahr entsteht, wenn die Erzählung des Behandelnden die einzige zulässige wird. Breuers Text gab Pappenheims Symptomen Sinn und entzog ihr zugleich die Kontrolle über die spätere Deutung. Medizinische Akte, subjektive Erfahrung, soziale Geschichte und späteres Leben können sich widersprechen, ohne dass eine Ebene die anderen löscht.

Pappenheims Beschwerden begannen in einer hoch belasteten Pflegesituation. Ihr Vater erkrankte schwer, sie wachte an seinem Bett und verlor ihn 1881. Das liefert einen plausiblen Zusammenhang zwischen Trauer, Erschöpfung, familiärer Pflicht und körperlichem Ausdruck. Es beweist aber nicht Breuers spezielle Theorie. Menschen reagieren auf Pflegebelastung mit Schlafmangel, Angst, Depression, körperlichen Symptomen oder gar nicht sichtbar; ein Kontext ist keine eindeutige Ursache.

Im bürgerlichen Wien waren Handlungsspielräume junger Frauen eng. Pappenheims Bildung, Fantasie und Energie trafen auf Erwartungen an Häuslichkeit und Gehorsam. Spätere Autoren lasen ihre Symptome deshalb als verschlüsselte Rebellion. Diese Deutung kann soziale Enge sichtbar machen und bleibt dennoch eine Deutung. Wer jede Lähmung zur politischen Botschaft erklärt, spricht der Betroffenen erneut ab, dass Krankheit auch Widerfahrnis sein kann.

„Hysterie“ war nicht nur Diagnose, sondern kulturelle Bühne. Ärzte beschrieben weibliche Körper als besonders suggestibel; literarische und medizinische Darstellungen beeinflussten einander. Patientinnen lernten, welche Symptome verständlich waren, ohne sie deshalb bewusst zu produzieren. Leiden nimmt die Formen an, für die eine Gesellschaft Sprache, Aufmerksamkeit und Institutionen bereithält. Dieser Gedanke erklärt weder jeden Anfall noch entlarvt er ihn als Schauspiel. Er verbindet Körper, Beziehung und historische Erwartung.

Breuer besuchte Pappenheim über lange Zeit mit außergewöhnlicher Häufigkeit. Die Behandlung bestand deshalb nicht nur aus Hypnose. Sie bot Rhythmus, Aufmerksamkeit und einen Gesprächspartner, der Symptome ernst nahm. Eine Verbesserung könnte aus mehreren Elementen entstanden sein: Erwartung, Entlastung, Struktur, Zuwendung, spontaner Verlauf oder konkretes Erzählen. Der Fall erlaubt nicht, diese Faktoren zu trennen.

Genau diese Untrennbarkeit wurde später theoretisch produktiv. Psychoanalyse machte die Beziehung zwischen Patient und Behandelndem selbst zum Gegenstand. Übertragung bezeichnet nicht bloß romantische Verliebtheit, sondern die Aktualisierung früherer Beziehungsmuster in einer gegenwärtigen Begegnung. Gegenübertragung beschreibt Reaktionen der behandelnden Person. Damit wurde klinisch sichtbar, dass Beobachter nicht außerhalb des Geschehens stehen.

Doch eine Theorie, die jede Reaktion als Material verwendet, kann sich gegen Widerspruch immunisieren. Stimmt eine Patientin zu, bestätigt sie die Deutung; widerspricht sie, gilt der Widerstand als weiterer Beweis. Methodisch braucht Therapie deshalb Auswege aus der geschlossenen Schleife: alternative Hypothesen, gemeinsame Zieldefinition, Verlaufsmessung und die reale Möglichkeit, eine Interpretation abzulehnen.

Auch Macht gehört zur Beziehung. Breuer war älter, Arzt, gesellschaftlich anerkannt und verfügte über medizinische Sprache. Pappenheim war abhängig von Versorgung und familiären Entscheidungen. Dass sie die „talking cure“ benannt haben soll, zeigt Mitgestaltung, hebt das Gefälle aber nicht auf. Kooperation und Asymmetrie können gleichzeitig bestehen.

Eine verantwortliche Rekonstruktion trennt mindestens vier Quellengruppen. Erstens gibt es Breuers publizierten Fall: ausführlich, theoretisch geordnet, aber spät und mit Erfolgsthese. Zweitens existieren zeitnahe medizinische Unterlagen aus Bellevue: näher am weiteren Verlauf, ebenfalls aus der Sicht von Ärzten und nicht vollständig. Drittens stehen Erinnerungen Freuds und späterer Biografen: wichtig für die Legendenbildung, schwach für intime Details. Viertens gibt es Pappenheims öffentliches Werk und dokumentierte Sozialarbeit: reich für ihr späteres Handeln, fast stumm zur Behandlung.

Keine Quelle ist einfach „die Wahrheit“. Die Bellevue-Akte widerlegt den behaupteten glatten Heilungsabschluss, kann aber Pappenheims Innenleben nicht ersetzen. Breuers Text bewahrt Sitzungsdetails und formt sie zugleich. Späte Erinnerungen zeigen, was eine Bewegung über ihre Herkunft erzählen wollte. Das spätere Leben beweist Handlungsfähigkeit, nicht eine rückwirkende Diagnose.

Für journalistische Menschenanalyse folgt daraus eine Belegskala. Ein zeitgenössisches Datum kann als dokumentiert gelten. Ein Motiv, das ein Beteiligter Jahrzehnte später zuschreibt, muss als Behauptung markiert werden. Eine moderne Diagnose aus alten Symptomen bleibt Spekulation. Die Sprache „möglicherweise“, „laut Breuer“ und „nicht belegt“ ist keine stilistische Schwäche, sondern Teil der Genauigkeit.

Die populäre Geschichte kennt zwei Zustände: krank vor der Redekur, geheilt danach. Reale Verläufe bestehen aus Funktionen. Konnte Pappenheim schlafen, lesen, Beziehungen führen, reisen, organisieren? Welche Beschwerden blieben, welche kehrten wieder, welche verloren Bedeutung? Dafür fehlen über lange Strecken systematische Daten.

Eine Person kann weiterhin Symptome haben und ein wirksames Leben führen. Sie kann symptomärmer sein und sich dennoch fremdbestimmt fühlen. In moderner Versorgungsforschung werden daher Symptomlast, soziale Teilhabe, Lebensqualität, Selbstbestimmung und persönliche Ziele getrennt betrachtet. Pappenheims Biografie macht diese Trennung anschaulich, ohne ein modernes Messschema rückwirkend anwenden zu können.

Ihre spätere organisatorische Kraft verführt zu einem zweiten Mythos: der vollkommenen Überwinderin, deren Leid sie für eine Mission vorbereitet habe. Auch diese Erzählung benutzt Krankheit als literarische Vorstufe. Menschen müssen ihrem Leiden keinen höheren Zweck abgewinnen, damit ihr späteres Handeln wertvoll ist. Sinn kann entstehen; er darf nicht als Pflicht verordnet werden.

Als Vorsitzende, Autorin und Heimleiterin bewegte Pappenheim sich in Institutionen und Konflikten. Das korrigiert das passive Bild der Fallakte. Es rechtfertigt aber keine nachträgliche Charakterdiagnose wie „eigentlich immer willensstark“. Persönlichkeit zeigt sich je nach Rolle und Möglichkeit. Eine Frau kann im Krankenzimmer abhängig und in einer Organisation durchsetzungsfähig sein, ohne dass eine der beiden Beobachtungen falsch ist.

Besonders interessant ist die Verschiebung vom privaten Gespräch zur sozialen Reform. Die Redekur individualisierte Leid, Pappenheims Arbeit richtete sich auf Bildung, Armut, Frauenhandel und institutionellen Schutz. Beides sind Antwortebenen. Ein Mensch braucht möglicherweise eine Sprache für innere Konflikte und zugleich veränderte äußere Bedingungen. Psychologie verliert Realität, wenn sie soziale Gewalt nur als Fantasie behandelt; Sozialkritik verliert Personen, wenn sie individuelles Erleben nur als Strukturfolge liest.

Pappenheim vertrat dabei eigene Normen und übte Macht aus. Ihr Heim war Schutzort und Erziehungsinstitution. Eine gerechte historische Darstellung macht sie weder zur makellosen feministischen Ikone noch zur bloßen Agentin bürgerlicher Disziplin. Sie war eine politische Persönlichkeit in den Widersprüchen ihrer Zeit.

Was bleibt

Gut belegt sind vier Dinge: dass Breuer Pappenheim von 1880 bis 1882 behandelte; dass ihre Symptomatik schwer und wechselnd war; dass sie danach stationär versorgt wurde und die publizierte Heilung so nicht stattfand; und dass sie später eine der wirkungsvollsten jüdischen Sozialreformerinnen Deutschlands wurde. Unsicher bleiben die Diagnose und die Scheinschwangerschaft. Unbekannt bleibt, wie sie selbst über den veröffentlichten Fall dachte.

Was daraus für die Praxis folgt, ist nicht die Verwerfung der Redekur, sondern eine Trennung. Zuhören, Beziehung und biografischer Sinn sind klinisch relevant; Symptome stehen in Lebensgeschichten und nicht nur in Organen. Nicht haltbar ist die Gewissheit, hinter jedem Symptom liege eine einzige Szene, die sich mit der richtigen Technik freilegen lässt. Wer eine Therapie beurteilen will, fragt nach dem Verlauf nach der letzten Sitzung, nicht nach der Eleganz der Fallgeschichte.

Im Alltag erkennt man das Muster daran, wie geschlossen eine Erfolgsgeschichte klingt. Fälle, in denen alles aufgeht — Ursache gefunden, Symptom verschwunden, Behandlung beendet —, sind fast immer nachträglich geordnet. „Anna O.“ bezeichnet eine literarisch-medizinische Figur in einem Gründungstext, Bertha Pappenheim eine historische Person, die mehr war als diese Figur. Beide Namen sind verbunden und nicht austauschbar.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Breuer, J., & Freud, S. (1895). Studien über Hysterie. Leipzig und Wien: Deuticke.

    Der Gründungstext selbst — und die Quelle des Schlusssatzes, dem die Anstaltsakten widersprechen.

  2. Hirschmüller, A. (1978). Physiologie und Psychoanalyse in Leben und Werk Josef Breuers. Bern: Huber.

    Legte als Erster die Krankenakten des Sanatoriums Bellevue vor; alle Angaben zu Aufnahme, Medikation und Entlassung stammen von hier.

  3. Ellenberger, H. F. (1970). The Discovery of the Unconscious. New York: Basic Books.

    Ordnet den Fall in die Vorgeschichte der dynamischen Psychiatrie ein und trennt Überlieferung von Beleg.

  4. Borch-Jacobsen, M. (1996). Remembering Anna O.: A Century of Mystification. New York: Routledge.

    Verfolgt, wie aus einer abgebrochenen Behandlung eine Heilungserzählung wurde — die Rezeptionsgeschichte des Falls.

  5. Kaplan, M. A. (1979). The Jewish Feminist Movement in Germany: The Campaigns of the Jüdischer Frauenbund, 1904–1938. Westport: Greenwood.

    Belegt Pappenheims eigenes Werk — Frauenbund, Mädchenheim, Kampf gegen den Mädchenhandel — jenseits der Rolle als Patientin.