Akte 031 · Klinik & Therapie
Martin Seligman

Abb. 1 — Public domain · Wikimedia Commons
Ein Garten in Pennsylvania, 1997: Ein frisch gewählter Präsident der American Psychological Association jätet Unkraut mit seiner fünfjährigen Tochter Nikki, wird ungeduldig und fährt sie an. Das Kind antwortet, es habe sich zum fünften Geburtstag vorgenommen, mit dem Jammern aufzuhören, und das sei das Schwerste gewesen, was es je getan habe — wenn es das könne, könne er wohl aufhören, ein Griesgram zu sein. Martin Seligman hat diese Szene zum Gründungsmythos der positiven Psychologie gemacht: der Moment, in dem der Erforscher der Hilflosigkeit beschloss, das Fach solle auch untersuchen, was Menschen trägt.
Seligman wurde am 12. August 1942 in Albany, New York, geboren; der Vater, ein Beamter mit politischen Ambitionen, erlitt drei Schlaganfälle und verbrachte die letzten Jahre gelähmt — ein Bild von Hilflosigkeit, das der Sohn später als prägend beschrieb. Er studierte Philosophie in Princeton, wechselte zur experimentellen Psychologie und promovierte 1967 an der University of Pennsylvania, wo er sein ganzes Berufsleben blieb. Die Triadenexperimente mit Steven Maier, die seine Fallakte füllen, stammen aus der Doktorandenzeit.
Aus dem Tierlabor führte der Weg in die Klinik: das Hilflosigkeitsmodell der Depression, die Attributionsfassung von 1978 mit Lyn Abramson und John Teasdale, der Fragebogen zum Erklärungsstil, Längsschnitte über Schulleistung, Sportergebnisse und Wahlkampfreden. Populär wurde daraus 1990 Learned Optimism — die These, dass sich Erklärungsstile ändern lassen und dass Optimismus lernbar ist. Mit dem Penn Resiliency Program wanderte die Idee in Schulen und später, in großem Maßstab, in die US-Armee.
1998 wurde Seligman Präsident der APA und machte die positive Psychologie zum Programm seiner Amtszeit: Das Fach habe hundert Jahre lang Leiden erforscht und dabei vergessen, was ein gelingendes Leben ausmacht. Es folgten Handbücher, eine Klassifikation der Charakterstärken als Gegenstück zum Diagnosemanual, ein Zentrum in Pennsylvania, ein Master-Studiengang, Bestseller — Authentic Happiness (2002), Flourish (2011) — und eine weltweite Bewegung mit eigenen Zeitschriften und Kongressen.
Die positive Psychologie bekam schnell ein Vokabular. Zusammen mit Christopher Peterson entstand eine Klassifikation von vierundzwanzig Charakterstärken, geordnet unter sechs Tugenden, ausdrücklich als Gegenstück zum Diagnosemanual gedacht: ein Verzeichnis dessen, was an Menschen funktioniert, statt dessen, was ihnen fehlt. Die Theorie dahinter wechselte einmal die Form. Zuerst hieß das Ziel Glück, zerlegt in angenehmes, engagiertes und sinnvolles Leben; 2011 ersetzte Seligman es durch fünf Bestandteile des Gedeihens — positives Gefühl, Vertiefung, Beziehungen, Sinn und Erfolg —, mit der Begründung, Glück sei ein zu enges und zu launenabhängiges Maß für ein gutes Leben.
Kritik gab es von Anfang an, und sie zielte auf zwei Stellen. Die eine ist politisch: Wer Zufriedenheit zur Frage der Haltung macht, entlastet die Verhältnisse — die Publizistin Barbara Ehrenreich hat daraus die schärfste Streitschrift gegen die Bewegung gemacht. Die andere ist methodisch: Ein Teil der bekanntesten Befunde stammt aus kleinen Studien mit Selbstauskünften, und in der Replikationskrise haben mehrere davon nachgegeben. Seligman hat die politische Kritik zurückgewiesen und die methodische in Teilen angenommen.
Genau hier liegt die dunkelste Stelle der Akte, und sie gehört hierher. Seligmans Hilflosigkeitsforschung wurde von Psychologen herangezogen, die für die CIA die Verhörprogramme nach 2001 entwickelten; Seligman hielt 2002 auf Einladung von Regierungsstellen einen Vortrag über erlernte Hilflosigkeit vor einem Publikum, zu dem die späteren Programmarchitekten gehörten. Der unabhängige Hoffman-Bericht von 2015, der die Verstrickung der amerikanischen Psychologenschaft mit den Verhörprogrammen untersuchte, fand keine Belege dafür, dass Seligman von der geplanten Verwendung wusste, und er hat jede Beteiligung stets bestritten. Zugleich ist unstrittig, dass sein Institut vom Militär in beträchtlichem Umfang für Resilienzprogramme finanziert wurde. Die Akte hält beides fest, weil beides belegt ist.
Methodisch hat er dem Fach dabei ein Werkzeug hinterlassen, das über seine Themen hinaus brauchbar ist: ein Verfahren, den Erklärungsstil aus vorliegendem Text zu erschließen, statt ihn zu erfragen. Damit lassen sich Menschen untersuchen, die keinen Fragebogen ausfüllen können oder wollen — Verstorbene, Prominente, Mannschaften. Seine Gruppe hat so Wahlkampfreden, Sportberichterstattung und Pressekonferenzen ausgewertet und Zusammenhänge zwischen pessimistischer Sprache und späterem Abschneiden berichtet. Die Idee ist elegant, die Befunde sind klein, und die Nachprüfungen durch unabhängige Gruppen sind spärlich geblieben.
Seligman lehrt weiterhin an der University of Pennsylvania und veröffentlicht — zuletzt Arbeiten zur Prospektion, der Frage, wie Menschen von der Zukunft her denken. Für dieses Archiv ist er die einzige lebende Person: die letzte Akte, mit offenem Ausgang, und die einzige, deren Autor die eigene Gründungstheorie öffentlich umgeschrieben hat.
Die Frage entstand aus einem Störfall. Im Labor von Richard Solomon in Pennsylvania sollten Hunde in einer Shuttle-Box lernen, einem angekündigten Stromschlag auszuweichen, indem sie über eine niedrige Barriere in die sichere Hälfte springen. Ein Teil der Tiere tat das nicht: Sie legten sich hin und ließen die Schocks über sich ergehen, obwohl der Ausweg offenstand. Für die Lerntheorie war das ein Ärgernis — Verhalten, das sich nicht verstärken ließ, weil es nicht auftrat. Der Doktorand Martin Seligman und sein Kollege Steven Maier vermuteten, dass diese Tiere zuvor etwas anderes gelernt hatten: dass nichts hilft.
Das Design, mit dem sie das 1967 prüften, ist ein Musterstück der Trennschärfe und heißt seither das Triadenexperiment. Drei Gruppen: Die erste erhielt Schocks, die sie durch eine Reaktion abstellen konnte; die zweite bekam exakt dieselben Schocks in derselben Länge — gekoppelt an das Tier der ersten Gruppe —, konnte aber nichts daran ändern; die dritte bekam keine. Entscheidend ist die Kopplung: Beide Gruppen erhielten dieselbe Menge Schmerz, sie unterschieden sich allein in der Kontrolle. Am nächsten Tag kamen alle in die Shuttle-Box, in der Flucht für jedes Tier möglich war. Die Tiere der ersten und dritten Gruppe sprangen. Die Tiere der zweiten blieben überwiegend liegen und nahmen die Schläge hin, obwohl die Barriere niedrig und der Ausweg sichtbar war.
Die Deutung, die daraus wurde, hieß erlernte Hilflosigkeit und war kühn: Die Tiere hätten gelernt, dass ihr Verhalten nichts bewirkt, und diese Erwartung auf eine neue Situation übertragen. Aus dem Tierbefund wurde ein Modell für Depression — Passivität, Antriebsverlust, Aufgeben —, und die Übertragung auf Menschen folgte prompt: In Versuchen mit unlösbaren Aufgaben oder unkontrollierbarem Lärm zeigten Studenten danach schlechtere Leistungen bei lösbaren Aufgaben. Das Modell erklärte in einem Zug, warum Menschen in aussichtslosen Lagen aufhören zu handeln, und lieferte der klinischen Psychologie ihr erstes Labormodell der Depression.
Der erste Umbau kam von innen. Weil nicht alle Menschen unter denselben Umständen hilflos wurden, erweiterten Lyn Abramson, Seligman und John Teasdale das Modell 1978 um die Attribution: Entscheidend sei, wie jemand sich die Unkontrollierbarkeit erklärt — als dauerhaft oder vorübergehend, als allgemein oder auf diesen Bereich beschränkt, als eigenes Versagen oder als Umstand. Aus dieser Fassung wurde der pessimistische Erklärungsstil, ein Fragebogenkonstrukt mit einer eigenen Forschungslinie — und, über die Hoffnungslosigkeitstheorie der Depression, eine Brücke zu Becks kognitivem Modell im selben Ordner.
Die Übertragung auf den Menschen wurde in den 1970er-Jahren mit demselben Bauplan geprüft, nur mit erträglichem Reiz. Statt Schocks gab es lauten Lärm: Eine Gruppe konnte ihn durch Tastendruck abstellen, eine zweite hörte denselben Lärm ohne Einfluss, eine dritte gar keinen. Danach mussten alle an einer Handbox arbeiten, in der ein Handgriff den Ton beendete — und die Teilnehmenden der zweiten Gruppe ließen die Hand häufiger liegen. Weitere Versuche zeigten, dass sich der Effekt zwischen Bereichen übertragen lässt: unlösbare Denkaufgaben machten später beim Lärm passiv und umgekehrt. Damit war das Muster keine Eigenart des Tierlabors mehr.
Zur Akte gehört auch der Einwand, der nicht die Methode betrifft, sondern das Verfahren selbst. Die Hunde der zweiten Gruppe konnten dem Schmerz nicht ausweichen; das war der Zweck der Anordnung und deshalb nicht durch bessere Planung zu vermeiden. Solche Versuche wären unter den heutigen Tierschutzauflagen in dieser Form nicht mehr genehmigt, und Seligman selbst hat später gesagt, er habe die Arbeit mit Hunden aufgegeben, weil er sie nicht länger habe ansehen können. Das Archiv hält das fest, weil die Sätze über erlernte Hilflosigkeit in Ratgebern gern ohne ihre Herkunft zitiert werden.
Die archivische Wendung dieser Akte ist die radikalste des ganzen Bestands, weil sie von den Urhebern selbst stammt. 2016 veröffentlichten Maier und Seligman unter dem Titel Learned helplessness at fifty eine Neubewertung, die die ursprüngliche Deutung umdreht. Die Neurobiologie zeigt: Was auf unkontrollierbaren Stress folgt, ist keine gelernte Passivität — Passivität ist die voreingestellte Reaktion des Hirnstamms auf länger anhaltenden Stress. Gelernt wird das Gegenteil: Erfahrbare Kontrolle bringt den präfrontalen Kortex dazu, diese Grundreaktion aktiv zu hemmen, und diese Hemmung wird auf spätere Lagen übertragen. Nicht die Hilflosigkeit wird gelernt, sondern die Zuversicht. Der Name der Theorie, schreiben die Autoren trocken, sei rückblickend falsch gewählt.
Der Befund, auf den sich die Umkehrung stützt, ist im Gehirn lokalisiert. Anhaltender, unkontrollierbarer Stress erregt eine kleine serotonerge Kernregion im Hirnstamm, und diese Erregung erzeugt die Passivität — unmittelbar, ohne Lernen, ohne Erwartung. Was Kontrolle bewirkt, geschieht eine Etage höher: Ein Bereich des vorderen Stirnhirns erkennt, dass das eigene Handeln den Reiz beendet, und hemmt von dort aus die Kernregion. Diese Hemmung ist die eigentliche Lernleistung, sie ist an die Erfahrung der Kontrolle gebunden, und sie wird auf spätere, ähnliche Lagen übertragen. Die Tiere der zweiten Gruppe hatten also nichts gelernt — sie hatten nur nichts gelernt, was die Grundreaktion abschalten konnte.
Für das Archiv ist das ein Sonderfall in doppelter Hinsicht. Der Befund selbst — Tiere und Menschen, die unkontrollierbaren Stress erfahren haben, verhalten sich danach passiver — ist über fünfzig Jahre und Hunderte Studien hinweg robust; er ist eines der am besten reproduzierten Verhaltensmuster der Psychologie. Umgestürzt ist die Erklärung, und zwar durch Methoden, die es 1967 nicht gab. Und umgestürzt hat sie das Autorenpaar selbst, ein halbes Jahrhundert später, im selben Fachblatt, in dem die Theorie groß geworden war. Wer in diesem Archiv nach einem Beispiel für funktionierende Selbstkorrektur sucht, findet es hier — neben Kahnemans Widerruf der Priming-Kapitel.
Die Anwendungen, die aus der optimistischen Wendung folgten, sind der schwächste Teil der Akte. Aus dem Erklärungsstil wurde ein Schulprogramm zur Vorbeugung von Depression, in Kursform, über Wochen — und die Übersichtsarbeiten dazu finden kleine Effekte, die nach sechs bis zwölf Monaten weitgehend verschwinden und in Studien ohne Beteiligung der Programmentwickler kleiner ausfallen. Dieselbe Idee wurde ab 2009 in großem Maßstab an die US-Armee verkauft: ein Resilienzprogramm für über eine Million Soldatinnen und Soldaten, mit einem Auftragsvolumen in zweistelliger Millionenhöhe, eingeführt ohne vorherige randomisierte Prüfung. Die Kritik daran war deutlich und kam aus dem eigenen Fach — ein Programm dieser Größe, hieß es, hätte man erst prüfen und dann ausrollen müssen, und die späteren Wirksamkeitsangaben stammten von den Beteiligten selbst.
Am besten belegt ist der Teil, der zur Nachbarakte im selben Ordner gehört. Aus der Attributionsfassung wurde die Hoffnungslosigkeitstheorie der Depression, und die prüfte man so, wie man eine Vorhersage prüfen muss: prospektiv. Eine über Jahre angelegte Studie verfolgte Studienanfänger, die vorher nach ihrem Erklärungsstil in eine Hoch- und eine Niedrigrisikogruppe eingeteilt worden waren, und fand in der Hochrisikogruppe deutlich mehr erste depressive Episoden. Das ist der stärkste Beleg dafür, dass die Denkgewohnheit der Störung vorausgeht und nicht bloß ihre Begleitung ist — und zugleich die Stelle, an der Seligmans Linie in Becks kognitives Modell mündet.
Was heute steht, ist deshalb dreigeteilt. Das Verhaltensmuster: repliziert. Die Deutung von 1967: durch die Urheber revidiert. Die klinische Anwendung: gemischt — der pessimistische Erklärungsstil sagt depressive Symptome mäßig vorher, die Interventionen, die daraus abgeleitet wurden, wirken bescheiden, und die daran anschließende positive Psychologie hat in der Replikationskrise erheblich Federn gelassen: Übungen wie Dankbarkeitsbriefe oder das Aufschreiben dreier guter Dinge zeigen in Metaanalysen kleine Effekte, die nach Korrektur für Studienqualität und Publikationsbias weiter schrumpfen. Der Ausgangspunkt der Akte bleibt trotzdem gültig, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wer Kontrolle erfahren hat, hält Belastung besser aus. Das ist eine bessere Nachricht als die, mit der die Theorie berühmt wurde.
In diesem Archiv stehen viele Theorien, die von anderen korrigiert wurden. Zwei wurden von ihren eigenen Urhebern korrigiert, und beide Fälle sind jung: Kahneman erklärte 2017 die Priming-Kapitel seines Bestsellers für nicht belastbar, und Maier und Seligman drehten 2016 die Deutung der erlernten Hilflosigkeit um.
Der zweite Fall ist der radikalere, weil er den Namen der Theorie falsch macht. Fünfzig Jahre lang lautete die Lehre: Tiere und Menschen lernen, dass nichts hilft. Die Neurobiologie zeigt: Die Passivität ist angeboren und wird bei anhaltendem Stress vom Hirnstamm ausgelöst; gelernt wird die Fähigkeit, sie zu unterdrücken — durch die Erfahrung, dass das eigene Handeln etwas ändert. Nicht die Hilflosigkeit ist die Lernleistung, sondern die Kontrolle.
Der Notizzettel hält fest, warum das keine Blamage ist, sondern der Normalbetrieb. Die Verhaltensbefunde von 1967 stehen unverändert; was sich geändert hat, sind die Werkzeuge, mit denen man ins Gehirn sieht. Eine Theorie, die fünfzig Jahre hält und dann von ihren Autoren mit besseren Methoden präzisiert wird, hat funktioniert. Peinlich wird es erst, wenn niemand nachprüft — oder wenn die Korrektur von allen außer den Urhebern kommt.
Replikationsstatus: teilweise. Das Verhaltensmuster ist über fünfzig Jahre robust; die ursprüngliche Deutung wurde 2016 von den Autoren selbst revidiert, und die daraus abgeleiteten Interventionen liefern kleine, teils schrumpfende Effekte.
Primärquellen. Seligman, M. E. P., & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74(1), 1–9. — Das Triadenexperiment. Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P., & Teasdale, J. D. (1978). Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology, 87(1), 49–74. — Die Attributionsfassung.
Die Selbstkorrektur. Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. — Passivität ist die Voreinstellung; gelernt wird Kontrolle.
Die zweite Karriere. Seligman, M. E. P., & Csikszentmihalyi, M. (2000). Positive psychology: An introduction. American Psychologist, 55(1), 5–14. Bolier, L., et al. (2013). Positive psychology interventions: a meta-analysis of randomized controlled studies. BMC Public Health, 13, 119. — Kleine Effekte; spätere Neuanalysen mit strengerer Qualitätsprüfung fallen noch schwächer aus.
Der Untersuchungsbericht. Hoffman, D. H., et al. (2015). Report to the Special Committee of the Board of Directors of the American Psychological Association. Chicago: Sidley Austin. — Zur Verstrickung der Berufsverbände mit den Verhörprogrammen; zu Seligman siehe den Steckbrief dieser Akte.