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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal30. August 202612 Min. Lesezeit

Achthundert Soldaten und ein neues Fach

Wie Luria aus Kriegsverletzungen die Neuropsychologie baute

Alexander Luria
Alexander Lurija, Aufnahme vermutlich aus den 1940er-Jahren.Unknown (picture taken around 1940s) · Public domain · Wikimedia Commons

Im Sommer 1942 übernahm ein vierzigjähriger Arzt die Leitung eines neurochirurgischen Rehabilitationskrankenhauses in Kisegach im Gebiet Tscheljabinsk, am Ostrand des Urals, weit hinter der Front. Er hatte bis dahin eine psychoanalytische Vereinigung gegründet, Reaktionszeiten gemessen, in usbekischen Dörfern Bauern Syllogismen vorgelegt und erst Mitte dreißig Medizin studiert. In den knapp zwei Jahren, die er blieb, sah Alexander Romanowitsch Luria rund achthundert Männer mit Schuss- und Splitterverletzungen des Kopfes.

Einer von ihnen konnte Buchstaben sehen und sie dennoch nicht zu einem lesbaren Wort verbinden. Ein anderer konnte denken, aber den Gedanken nicht in eine stabile Satzfolge bringen. Eine kleine Läsion, das war die Lehre dieser Jahre, zerstört nicht einfach eine Fähigkeit an einem einzigen Ort. Sie unterbricht ein Gefüge aus Wahrnehmung, Sprache, Handlung und Erfahrung — und wer wissen will, was zerbrochen ist, muss zusehen, wie die Person scheitert, nicht nur, dass sie scheitert.

Aus dieser Arbeit wurde ein Fach. Luria wollte dabei weder das Gehirn gegen die Kultur noch die Kultur gegen das Gehirn ausspielen. Höhere psychische Funktionen entstehen für ihn in sozialen Tätigkeiten, werden durch Sprache und andere Zeichen vermittelt und erhalten eine organisierte neuronale Grundlage. Nach einer Verletzung fragt man deshalb nicht nur, welcher Ort beschädigt ist, sondern welche Tätigkeit zerfällt und welcher Weg sie neu organisieren kann.

It seems surprising that the science of psychology has avoided the idea that many mental processes are social and historical in origin, or that important manifestations of human consciousness have been directly shaped by the basic practices of human activity and the actual forms of culture.

Alexander R. Luria, Cognitive Development: Its Cultural and Social Foundations (1976), Eröffnungssatz des ersten Kapitels „The Problem“; deutsch: [Es überrascht, dass die Psychologie den Gedanken gemieden hat, dass viele psychische Prozesse sozialen und historischen Ursprungs sind und dass wichtige Erscheinungsformen des menschlichen Bewusstseins unmittelbar von den grundlegenden Praktiken menschlicher Tätigkeit und den tatsächlichen Formen der Kultur geprägt wurden.]

Von Kasan zur Moskauer Troika

Luria wurde 1902 in Kasan geboren und starb 1977 in Moskau. Sein Vater Roman Luria war Arzt, später Professor an der Universität Kasan und Gründer des dortigen Instituts für ärztliche Fortbildung. Die Familie gehörte zu einer gebildeten jüdischen Minderheit im Russischen Reich, die rechtliche und institutionelle Einschränkungen kannte. Die Revolution von 1917 öffnete und zerstörte gleichzeitig Strukturen; junge Studierende konnten ungewöhnlich schnell akademische Wege einschlagen.

Luria begann früh mit Psychologie und interessierte sich für Psychoanalyse. Mit wenig formaler Ausbildung gründete er in Kasan eine psychoanalytische Vereinigung, korrespondierte kurz mit Freud und wurde später Sekretär der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung. Die Episode zeigt intellektuelle Energie und die Offenheit einer Übergangszeit. Sie zeigt auch die Gefahr, spätere Größe rückwirkend in jede frühe Initiative zu lesen.

Ab 1923 arbeitete er am Moskauer Institut für Psychologie und entwickelte dort das kombinierte motorische Verfahren: Versuchspersonen reagierten auf Wörter und führten gleichzeitig eine Handbewegung aus. Konflikt oder verborgene emotionale Bedeutung sollte sich in Unregelmäßigkeiten der Bewegung zeigen. Publiziert wurde die Arbeit 1932 auf Englisch als The Nature of Human Conflicts; die russische Fassung erschien erst 2002 im Druck.

Später wurde das Verfahren gelegentlich als Vorläufer des Lügendetektors dargestellt. Der Begriff ist irreführend. Körperliche Erregung zeigt Bedeutung, Stress oder Aufmerksamkeit an, nicht zuverlässig eine Lüge. Eine unschuldige Person kann stark reagieren, eine geübte täuschende Person ruhig bleiben. Was sich hier ankündigt, ist eher Lurias Grundbewegung: eine messbare Spur für etwas suchen, das sich der Messung entzieht — und die Grenze der Spur mitzudenken.

Auf einem psychoneurologischen Kongress begegnete Luria 1924 Lev Vygotsky. Gemeinsam mit Alexei Leontiev bildeten sie eine Arbeitsgruppe, die später als „Troika“ bekannt wurde. Ihr Ziel war eine Psychologie, die biologische Entwicklung, soziale Geschichte und konkrete Tätigkeit verbindet. Die Gruppe war größer als drei Männer; zahlreiche Mitarbeitende trugen bei. Der legendäre Name erleichtert die Erinnerung und verkleinert das Netzwerk.

Vygotsky argumentierte, höhere Funktionen seien zuerst zwischen Menschen und erst später innerhalb der Person organisiert. Ein Kind erinnert zunächst mit Hilfe eines Erwachsenen, eines Knotens oder eines Wortes; später wird das Zeichen Teil innerer Selbststeuerung. Kultur ist in diesem Bild keine Dekoration auf einem fertigen Gehirn, sondern das Medium seiner funktionellen Entwicklung.

Ein physisches Werkzeug verändert die materielle Umwelt, ein Zeichen die Organisation einer Handlung. Eine Einkaufsliste erweitert das Gedächtnis, ein Diagramm ordnet Beziehungen, Sprache ermöglicht Plan und Regel. Wenn ein Mensch mit Kalender zuverlässig plant, ist der Kalender nicht bloß Hilfsmittel für eine isolierte Fähigkeit — er gehört zum realen System des Erinnerns. Moderne Ansätze des erweiterten Geistes formulieren verwandte Gedanken, mit anderen Begriffen und ohne die marxistisch-historische Grundlage der Moskauer Gruppe.

Luria übersetzte das Programm in Experimente. Kinder sprechen beim Lösen von Aufgaben häufig hörbar mit sich; er und Vygotsky verstanden diese private Sprache nicht als unreife Störung, sondern als Übergang von sozialer Anweisung zu eigener Planung. Ein Kind kann eine Regel korrekt wiederholen und dennoch Schwierigkeiten haben, sie handlungsleitend zu nutzen. Zwischen Wissen und Kontrolle liegt Entwicklung. Dieselbe Lücke sah Luria später in der Klinik wieder: Nach frontalen Läsionen kann eine Person die Instruktion aufsagen und im Handeln am alten Muster festhalten.

Usbekistan 1931 und der Einwand Coles

Anfang der 1930er-Jahre leitete Luria zwei Forschungsreisen nach Zentralasien, 1931 und 1932, nach Usbekistan und auf die Bergweiden Kirgisiens. Kollektivierung, Alphabetisierungskampagnen und neue Schulen veränderten das Leben in kurzer Zeit. Das Team verglich Menschen mit unterschiedlicher Schul- und Arbeitserfahrung bei Wahrnehmungs-, Sortier- und Schlussfolgerungsaufgaben.

Berühmt wurden die Antworten auf abstrakte Syllogismen. Manche nicht schulisch gebildete Teilnehmende wollten eine Schlussfolgerung über einen Ort nicht ziehen, den sie nie gesehen hatten. Die kanonische Aufgabe fragt, welche Farbe die Bären in einem hohen Norden haben, in dem aller Schnee weiß ist. Luria deutete die Verweigerung als stärker situationsgebundenes Denken; Schulbildung fördere kategoriale Abstraktion.

Man kann dieselben Antworten anders lesen. Wer sagt, er könne nicht wissen, welche Farbe Bären an einem unbekannten Ort haben, folgt womöglich einer Regel des Gesprächs: Behaupte nichts ohne Erfahrung. Die Testperson beantwortet dann die soziale Situation und nicht den formalen Syllogismus — ein klassischer Fall von Demand Characteristics. Schulische Prüfungen lehren dagegen, Prämissen vorübergehend als wahr zu behandeln und vom Weltwissen zu trennen. Wer diese Kultur des Prüfens kennt, wirkt abstrakter. Das ist eine reale kognitive Praxis, aber nicht das einzige Maß vernünftigen Denkens.

Die Vorlage der Bärenaufgabe, darunter zwei Spalten: mit Schulbesuch der gezogene Schluss, ohne Schulbesuch die Verweigerung des Schlusses
Abb. 1 — Dieselbe Aufgabe, zwei Antworten: Wer zur Schule gegangen war, behandelte die Prämissen vorübergehend als wahr; wer nicht, verweigerte den Schluss über einen nie gesehenen Ort. Luria las darin situationsgebundenes Denken, die Gegenlesart die Regel des Gesprächs. Zeichnung des Archivs

Die Studie war theoretisch innovativ und politisch heikel zugleich. Wenn Bildung psychische Funktionen tief verändert, konnte das als Bestätigung sozialistischer Transformation gelten; ebenso gut konnten die Unterschiede so aussehen, als seien ganze Bevölkerungsgruppen „rückständig“. Die Fragen kamen von sowjetischen Forschern mitten in einer gewaltsamen Modernisierungskampagne. Die Publikation wurde entsprechend lange zurückgehalten: Das russische Original erschien 1974, die englische Ausgabe 1976 — mehr als vierzig Jahre nach der Erhebung.

Herausgeber dieser englischen Ausgabe war Michael Cole, und er hat Lurias Deutung anschließend in einem entscheidenden Punkt eingeschränkt. In The Cultural Context of Learning and Thinking (1971) berichteten Cole, John Gay, Joseph Glick und Donald Sharp Untersuchungen bei den Kpelle in Liberia. Ihr Befund: Ob jemand klassifiziert oder schließt „wie im Test“, hing weniger an einer allgemeinen Denkstufe als an Aufgabenformat, Vertrautheit mit dem Material und der Übung im Prüfungsgespräch.

Den schärferen Schnitt lieferte The Psychology of Literacy von Sylvia Scribner und Michael Cole (1981). Die Vai in Liberia besitzen eine eigene Silbenschrift, die außerhalb der Schule von Verwandten und Nachbarn gelernt wird. Damit ließ sich trennen, was in Zentralasien untrennbar war: Schrift und Schule. Wer nur die Vai-Schrift beherrschte, erwarb eng umgrenzte, an die jeweilige Schriftpraxis gebundene Fertigkeiten. Die allgemeinen Effekte, die Luria beschrieben hatte — kategoriales Sortieren, das Mitgehen mit einer hypothetischen Prämisse, das Begründen der eigenen Antwort — hingen dagegen an der Beschulung.

Damit ist Lurias zentraler Vergleich als konfundiert ausgewiesen. In seinen Stichproben fielen Schriftlichkeit, Schulbesuch, Kollektivierung und Erwerbsform zusammen; was er „Kultur“ nannte, war zu großen Teilen Schule. Das entwertet die Beobachtungen nicht. Es verschiebt nur, worüber sie Auskunft geben: nicht über Denkstufen von Bevölkerungen, sondern über eine Institution, die Menschen beibringt, Fragen auf eine bestimmte Weise zu behandeln.

Vom Dekret 1936 ins Lazarett Kisegach

1936 verbot ein Dekret des Zentralkomitees die Pedologie, jenes Feld, in dem Tests, Entwicklungspsychologie und Bildungsforschung zusammengearbeitet hatten. Wer dort publiziert hatte, war exponiert. Luria begann Medizin zu studieren und schloss 1937 ab. Cole schreibt diesen Wechsel ausdrücklich dem Wunsch zu, sich während der Säuberungen aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Der Schritt war zugleich eine echte theoretische Fortsetzung. Eine Hirnläsion zerlegt genau jene funktionellen Systeme, deren soziale Entwicklung er mit Vygotsky untersucht hatte. Die medizinische Ausbildung gab ihm Anatomie, klinische Verantwortung und Zugang zu Patienten; er verband qualitative Aufgaben mit genauer Läsionsanalyse. Die Frage war nicht mehr nur, ob eine Person einen Testwert erreicht, sondern welche Art von Fehler sie macht und welche Hilfe ihn verändert.

Ein Karrierewechsel kann taktisch und intellektuell produktiv zugleich sein. Menschen handeln selten aus nur einem Motiv, besonders unter politischem Druck. Aus späterer Sicherheit moralische Reinheit zu verlangen ist einfach; ebenso falsch wäre es, die Kompromisse unsichtbar zu machen.

Vygotsky war 1934 mit siebenunddreißig Jahren an Tuberkulose gestorben; Teile seines Werks wurden eingeschränkt oder erst Jahrzehnte später international bekannt. Als der Krieg begann, war Luria der Träger des gemeinsamen Programms — und er trug es in ein Lazarett.

Die achthundert Männer in Kisegach boten eine tragische Fülle fokaler Hirnläsionen. Das Team musste schnell diagnostizieren und Wege zurück zu Sprache, Lesen, Schreiben und Arbeit entwickeln. Krieg erzeugte damit Daten, die niemand ethisch herstellen dürfte. Wissenschaftlicher Gewinn ist keine Rechtfertigung des Leids; die angemessene Formulierung lautet, dass Luria vorhandene Verletzungen nutzte, um die Versorgung zu verbessern. Die Patienten schuldeten der Wissenschaft ihre Wunden nicht.

AngabeWert
Expeditionen nach Usbekistan und Kirgisien1931 und 1932
Russisches Original der zentralasiatischen Daten1974
Englische Ausgabe, herausgegeben von Michael Cole1976
Abschluss des Medizinstudiums1937
Hirnverletzte in Kisegach, ab Sommer 1942rund 800
Dauer der Lazarettarbeitknapp zwei Jahre

Rehabilitation war für ihn zugleich experimentelle Prüfung. Wenn eine gezielte Strategie eine Funktion wiederaufbaute, sagte das etwas über deren Organisation aus. Lautes Selbstsprechen kann eine Handlung führen, Schreiben lässt sich über andere sensorische Hinweise stützen, eine äußere Markierung kann räumliche Orientierung sichern. Kompensation ist in dieser Logik keine minderwertige Trickserei, sondern neue Organisation — ein Gedanke, der heutiger Rehabilitation entspricht, in der Teilhabe zählt und nicht die Rückkehr zum identischen neuronalen Weg.

Die Rede von Plastizität darf trotzdem keine Wunder versprechen. Ausmaß der Verletzung, Alter, Gesundheit, Intensität der Therapie und Umwelt begrenzen die Erholung. Hoffnung wird ethisch, wenn sie Möglichkeiten zeigt und den Verlust nicht beschämt.

Funktionelle Systeme statt kleiner Zentren

Aus den Kriegsjahren stammt Lurias theoretischer Hauptzug. Er wandte sich gegen groben Lokalisationismus — die Idee, eine komplexe Fähigkeit sitze vollständig in einem kleinen Areal — und ebenso gegen einen Holismus, der dem ganzen Gehirn jede Leistung gleichermaßen zuschreibt. Seine Alternative war das funktionelle System.

Schreiben etwa benötigt Sprachlaute, visuelle Buchstabenformen, motorische Programme, räumliche Anordnung, Aufmerksamkeit und Zielkontrolle. Verschiedene Regionen leisten dazu spezifische Beiträge. Deshalb kann eine Läsion dieselbe sichtbare Aufgabe auf ganz unterschiedliche Weise stören, und „kann nicht schreiben“ ist noch keine neuropsychologische Erklärung. Man muss den primären Defekt und die daraus folgenden sekundären Schwierigkeiten trennen.

In The Working Brain (1973) fasste Luria das Gehirn in drei große funktionelle Einheiten: Systeme für Aktivierung und Wachheit, hintere Systeme für Aufnahme und Verarbeitung von Information, frontale Systeme für Programmierung, Regulation und Kontrolle. Das Modell ordnet komplexe Befunde verständlich, ist aber grob. Die heutige Neurowissenschaft kennt feinere Netzwerke und dynamische Verbindungen; dieselbe Region kann je nach Aufgabe verschiedene Beiträge leisten. Der bleibende Wert liegt im Prinzip mehrstufiger Kooperation.

Dazu gehört seine Syndromanalyse. In standardisierten Tests zählt oft die Zahl falscher Antworten; Luria hörte auf die Qualität. Verwechselt jemand ähnliche Laute? Verliert er die räumliche Anordnung? Bleibt er an der ersten Regel haften? Verbessert eine bestimmte Hilfe die Leistung? So unterschied er auch mehrere Aphasieformen nach dem beeinträchtigten funktionellen Faktor, abweichend von den westlichen Broca-Wernicke-Schemata. Nicht alle seine Kategorien werden heute unverändert verwendet, und die Methode verlangt große Expertise, was ihre Zuverlässigkeit begrenzt. Die beste Praxis kombiniert beides: standardisierte Vergleichbarkeit und qualitative Hypothesen über den Fehlerweg.

Zwei Patienten, zwei Bücher

Nach dem Krieg verlangte die sowjetische Wissenschaftspolitik eine stärkere Orientierung an Iwan Pawlows Reflexlehre; die gemeinsame Sitzung der Akademien von 1950 machte das verbindlich. Luria verwendete daraufhin teils pawlowsche Sprache, ohne sein funktionell-kulturelles Programm aufzugeben. In den späten Stalin-Jahren trafen ihn dann die antisemitischen Kampagnen: Er verlor zeitweise seine Position am Institut für Neurochirurgie und arbeitete unter anderem mit Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen. Erst nach Stalins Tod konnte er zur Neuropsychologie zurückkehren. Die beiden Bücher, für die er außerhalb der Fachwelt bekannt wurde, erschienen erst danach.

Lew Zasetsky war ein Soldat, der im März 1943 in der Schlacht bei Smolensk eine schwere linksseitige Hirnverletzung erlitt. Er hatte danach Probleme mit Sehen, Raum, Lesen, Schreiben und Körperorientierung und schrieb über Jahre mühsam Tagebuch. Aus klinischen Beobachtungen und diesen Texten formte Luria The Man with a Shattered World (1972). Das Buch gibt dem Patienten ungewöhnlich viel Stimme; Zasetsky erscheint als handelnder Mensch, der seine zerstückelte Welt zu rekonstruieren versucht. Zugleich hat Luria gewählt, geordnet und kommentiert. Auch eine empathische Fallgeschichte bleibt eine gemeinsame Konstruktion mit ungleicher Autorenschaft.

The Mind of a Mnemonist (1968) beschreibt den Reporter Solomon Shereshevsky, der lange Zahlen- und Wortreihen außergewöhnlich behalten konnte. Er nutzte lebhafte synästhetische Bilder und räumliche Gedächtniswege. Was als Superkraft erscheint, wurde zur Belastung: Unwichtige Details verschwanden nicht, abstraktes Denken und Vergessen fielen schwer. Vergessen ist eben eine Funktion — es filtert, abstrahiert und ermöglicht Gegenwart. Auch hier ist Vorsicht nötig: Shereshevskys Profil war einzigartig, moderne Diagnosebegriffe lassen sich nicht rückwirkend auf ihn anwenden, und eine Anekdote trägt keine Gedächtnistheorie.

Luria nannte dieses Vorgehen romantische Wissenschaft, im Unterschied zu einer klassischen, die allgemeine Gesetze durch Reduktion sucht. „Romantisch“ bedeutet dabei nicht unkritisch oder gefühlvoll, sondern den Versuch, ein einzelnes Phänomen in Biografie und Tätigkeit zu verstehen. Der Preis ist sichtbar: Qualitative Untersuchung kann vom Genie-Narrativ abhängen — der Meister sieht, was andere übersehen —, und Fallgeschichten lassen unklare Verläufe leichter weg als Register.

Was bleibt

Gesichert ist die Denkfigur, nicht jede Karte. Komplexe Fähigkeiten sind Systeme mit mehreren Beiträgen, weshalb dieselbe sichtbare Störung verschiedene Ursachen haben kann und die Qualität eines Fehlers mehr verrät als die Punktzahl. Gesichert ist auch, dass Rehabilitation Theorie prüft: Was sich über einen anderen Weg wieder aufbauen lässt, war nie an einen einzigen Ort gebunden. Einige von Lurias anatomischen Zuordnungen und Aphasiekategorien sind revidiert worden; seine drei funktionellen Einheiten sind eine grobe Ordnung, kein Netzwerkmodell. Strittig geblieben ist vor allem der zentralasiatische Teil seines Werks. Die Einschränkung kam dabei aus dem eigenen Lager: Michael Cole, der Herausgeber seiner englischen Ausgabe, hat gezeigt, dass die Syllogismus-Effekte an der Schule hängen — nicht an Schriftlichkeit oder „Kultur“.

Im Alltag erkennt man das Erbe an einer bestimmten Art zu fragen. Wenn jemand in einer Prüfung, einem Test oder einem Bewerbungsgespräch versagt, lautet die lurianische Frage nicht, wie viele Punkte fehlen, sondern was die Person eigentlich versucht hat und welche Hilfe das Ergebnis verändert. Ein ruhiger Raum, eine Notiz, eine eingeübte Routine können eine Leistung ermöglichen, die im nackten Test fehlt — die Umwelt gehört zur Behinderung wie zur Rehabilitation. Und wo ein Verfahren ganze Gruppen sortiert, lohnt die zweite Frage: Was genau ist hier die Variable? In Usbekistan lautete die Antwort Schule, nicht Kultur. Luria selbst hat den Unterschied nicht gesehen; das Fach, das er gegründet hat, war stark genug, ihn zu finden.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Luria, A. R. (1976). Cognitive Development: Its Cultural and Social Foundations. Cambridge: Harvard University Press.

    Der Bericht über die Expeditionen von 1931 und 1932 — und die Quelle des zitierten Eröffnungssatzes über den sozialen und historischen Ursprung psychischer Prozesse.

  2. Luria, A. R. (1973). The Working Brain: An Introduction to Neuropsychology. Harmondsworth: Penguin.

    Legt die drei funktionellen Einheiten und die Kritik am groben Lokalisationismus in der Fassung vor, auf die sich der Abschnitt zu den funktionellen Systemen stützt.

  3. Luria, A. R. (1972). The Man with a Shattered World: The History of a Brain Wound. New York: Basic Books.

    Die Fallgeschichte Lew Zasetskys, einschließlich der Angaben zu Verwundung, Verlauf und den über Jahre geführten Tagebüchern.

  4. Luria, A. R. (1968). The Mind of a Mnemonist: A Little Book about a Vast Memory. New York: Basic Books.

    Die Fallgeschichte Solomon Shereshevskys; Grundlage für die Beschreibung der synästhetischen Merktechnik und ihrer Kosten.

  5. Cole, M., Gay, J., Glick, J. A., & Sharp, D. W. (1971). The Cultural Context of Learning and Thinking: An Exploration in Experimental Anthropology. New York: Basic Books.

    Die Kpelle-Untersuchungen, die Klassifikations- und Schlussleistungen an Aufgabenformat und Vertrautheit binden statt an eine allgemeine Denkstufe.

  6. Scribner, S., & Cole, M. (1981). The Psychology of Literacy. Cambridge: Harvard University Press.

    Die Vai-Studie, die Schrift und Schule trennt — der Beleg dafür, dass Lurias zentralasiatischer Vergleich konfundiert war.

  7. Cole, M., Levitin, K., & Luria, A. (2006). The Autobiography of Alexander Luria: A Dialogue with The Making of Mind. Mahwah: Lawrence Erlbaum.

    Coles Kommentar zu Lurias Wechsel in die Medizin während der Säuberungen und zur Entstehung der „romantischen Wissenschaft“.

  8. Homskaya, E. D. (2001). Alexander Romanovich Luria: A Scientific Biography. New York: Springer.

    Biografische Eckdaten: Kasan, das Moskauer Institut, der Verlust der Position in den späten Stalin-Jahren und die Rückkehr zur Neuropsychologie.

  9. Akhutina, T., & Pylaeva, N. (2020–2021). Luria in Kisegach, Teile 1–3. Lurian Journal.

    Rekonstruiert die Arbeit im Rehabilitationskrankenhaus Kisegach, Zeitraum, Zahl der Verwundeten und die dort entwickelten Verfahren.

  10. Laboratory of Comparative Human Cognition, UC San Diego: Luria Archive — Biografie und Werkverzeichnis.

    Chronologie der Werke und ihrer verzögerten Veröffentlichung, darunter das 1932 englisch erschienene <em>The Nature of Human Conflicts</em>.