Thema 07
Entwicklung und Bindung
PsychoanalyseEntwicklung
Keine Frage dieses Archivs hat einen weiteren Weg hinter sich als die, was frühe Erfahrung aus einem Menschen macht. Am Anfang stand eine Lehre, die aus dem Behandlungszimmer rückwärts schloss: Was der Erwachsene auf der Couch erzählt, verrät, was dem Kind geschehen sein muss. Am Ende stehen Kodiersysteme, Längsschnitte über Jahrzehnte und ein Laborverfahren von zwanzig Minuten. Der Weg dazwischen führt über Krieg, Diebstahl und einen Bruch mit der eigenen Schule.
Die erste systematische Beobachtung lieferte ausgerechnet die Katastrophe. Anna Freuds Kriegskrippen in London — Karteikarte für Karteikarte, Kind für Kind — hielten fest, dass nicht die Bomben die Kinder zeichneten, sondern die Trennung von der Mutter: Kinder, die mit ihren Familien im Luftschutzkeller saßen, standen besser da als die evakuierten. Die gut gemeinte Rettung erwies sich als die größere Belastung. Es war die erste Trennungsforschung, geführt in einer Einrichtung, die es ohne die Trennungen nicht gegeben hätte.
John Bowlby machte aus dem Befund eine Theorie und bezahlte dafür mit seiner Zunft. Seine Diebe-Studie zählte, was die Analyse deutete; sein WHO-Bericht trug die Trennungsfrage um die Welt; und seine Erklärung holte er sich nicht bei Freud, sondern bei Lorenz und Tinbergen — Bindung als biologisches System, nicht als Trieb-Nebenprodukt. Die Britische Psychoanalytische Gesellschaft behandelte ihn danach als Abtrünnigen. Robertsons Krankenhausfilm von 1952, mit Uhr im Bild gegen den Verdacht der Auswahl, öffnete am Ende die Kinderstationen für die Eltern — die folgenreichste Anwendung dieses Themas.
Prüfbar wurde die Theorie durch eine Beobachterin. Mary Ainsworth saß erst in Uganda, dann in Baltimore in Wohnzimmern und entwickelte aus Hunderten Beobachtungsstunden die Fremde Situation: acht Episoden, zwanzig Minuten, Klassifikation nach dem Verhalten bei der Wiederkehr. Ihre Kodierdisziplin — wochenlanges Training, Driftkontrollen — machte das Verfahren zum Weltstandard und seine Studien zugleich teuer und klein. Die Kategorien sind Strategien, keine Diagnosen: Auch das vermeidende Kind hat etwas Sinnvolles gelernt.
Die Korrekturen kamen und trafen die starken Fassungen. Michael Rutter zerlegte die Monotropie und trennte Trennung von Deprivation; die rumänischen Heimkinder nach 1989 wurden zur Prüfung, die niemand geplant hatte — mit Aufholkurven, die zeigen, wie viel Nachholen möglich ist und wo es Grenzen hat. Und die Taschenbuchfassung des WHO-Berichts, jahrzehntelang gegen erwerbstätige Mütter in Stellung gebracht, gehört zur Wirkungsgeschichte wie die Befunde selbst: Reichweite hat ihren Preis.
Was bleibt, ist eine geschichtete Bilanz. Frühe Erfahrung verschiebt Wahrscheinlichkeiten und besiegelt keine Schicksale; Feinfühligkeit lässt sich fördern, mit kleinen, echten Effekten; die Vorhersagekraft der frühen Klassifikation ist real und bescheiden. Zwischen dem dunklen Säugling der Kleinschen Theorie und dem messbaren Kind der Bindungsforschung liegt der Weg dieses Themas — von der Deutung zur Beobachtung, ohne dass die Frage kleiner geworden wäre.
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Aus dem Journal
- 1900Die Traumdeutung erscheintJeder Traum erfüllt verkleidet einen Wunsch, geformt von der Traumarbeit.Sigmund Freud
- 1906Diagnostische AssoziationsstudienAm Burghölzli wird das Zögern vor dem Reizwort gemessen — die Stelle heißt Komplex.Carl Gustav Jung
- 1932Die Psychoanalyse des KindesDas Spiel des Kindes als Äquivalent der freien Assoziation.Melanie Klein
- 1936Das Ich und die AbwehrmechanismenDie Abwehr des Ichs, geordnet zu einem Katalog, der bis heute Fachsprache ist.Anna Freud
- 1936Die Geburt der Intelligenz beim KindeDrei Kinder, ein Tuch, sechs Stadien — die Objektpermanenz wird beobachtbar.Jean Piaget
- 1944Vierundvierzig jugendliche DiebeUnter den gefühlskalten Dieben häuften sich frühe, lange Trennungen.John Bowlby
- 1945Nähe, Kampf oder RückzugKaren Horney ordnet neurotische Konflikte als starre Bewegungen zu Menschen hin, gegen sie oder von ihnen fort.Karen Horney
- 1960Die visuelle KlippeEleanor Gibson und Richard Walk machen Tiefenwahrnehmung ohne Sturzrisiko untersuchbar.Eleanor J. Gibson
- 1969Attachment erscheintDer erste Band der Trilogie — die Bindung als biologisches System, nicht als Trieb-Nebenprodukt.John Bowlby
- 1978Patterns of Attachment erscheintZwanzig Minuten Labor, drei Muster — und der Schlüssel liegt in der Wiedervereinigung.Mary Ainsworth