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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Akte 002 · Psychoanalyse

Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung, Porträt, um 1935, ETH-Bibliothek Zürich
Carl Gustav Jung

Abb. 1 — PDM-owner · Wikimedia Commons


Am Burghölzli in Zürich saß um 1905 ein Patient vor einer Stoppuhr und sollte auf hundert vorgelesene Wörter jeweils mit dem ersten Einfall antworten. Carl Gustav Jung maß, wie lange er zögerte. Wo die Antwort stockte, wo sie sich wiederholte, wo der Puls stieg, vermutete er einen Komplex — eine gefühlsbetonte Gruppe von Vorstellungen, die der Bewusstseinskontrolle entzogen ist. Es war Psychoanalyse mit einer Uhr in der Hand.

Jung wurde am 26. Juli 1875 in Kesswil im Thurgau als Sohn eines reformierten Pfarrers geboren und wuchs in Pfarrhäusern am Rheinfall und bei Basel auf — ein einzelgängerisches Kind, das sich, wie er in seinen Erinnerungen berichtet, ein Männchen aus Holz schnitzte und in einem Federkasten auf dem Dachboden versteckte, samt beschrifteten Steinchen: sein erstes, privates Ritual. Dass er diese Episode siebzig Jahre später für erzählenswert hielt, sagt viel über das Werk — die Überzeugung, dass die Psyche von sich aus Symbole produziert, hat bei ihm ein Kindheitsdatum.

Er studierte Medizin in Basel und trat 1900 als Assistenzarzt bei Eugen Bleuler in die Zürcher Klinik Burghölzli ein — damals eine der wenigen Anstalten, die Psychosen nicht nur verwahrten, sondern erforschten. 1903 heiratete er Emma Rauschenbach, Tochter eines Industriellen; die Ehe machte ihn finanziell unabhängig, was für die Form seiner Karriere nicht nebensächlich ist — Jung konnte es sich leisten, Positionen aufzugeben.

Die Diagnostischen Assoziationsstudien, die er dort ab 1904 gemeinsam mit Franz Riklin durchführte, machten ihn international bekannt. Sie waren auch die Brücke zu Freud: Jung sah in den verzögerten Reaktionen einen messbaren Beleg für Verdrängung. 1907 trafen sich beide in Wien und sprachen, so die überlieferte Darstellung, dreizehn Stunden am Stück. Freud sah in dem sechzehn Jahre Jüngeren den Kronprinzen der Bewegung — und den Beweis, dass die Psychoanalyse keine ausschließlich jüdische Wissenschaft sei, ein Kalkül, das in den Briefen beider Männer unverblümt ausgesprochen wird. 1909 reisten sie gemeinsam zu den Vorlesungen an der Clark University nach Amerika, 1910 wurde Jung erster Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Sechs Jahre später war die Verbindung zerbrochen. Woran genau, darüber gehen die Quellen auseinander — der Steckbrief nennt die Fassungen, die Fallakte prüft sie. 1912 veröffentlichte Jung Wandlungen und Symbole der Libido, das den Libidobegriff entsexualisierte; 1913 endete der Briefwechsel mit Freuds Vorschlag, die persönlichen Beziehungen gänzlich aufzugeben; 1914 trat Jung als Präsident der Vereinigung zurück und gab seine Dozentur in Zürich auf.

Es folgte eine Zeit, die er selbst seine Auseinandersetzung mit dem Unbewussten nannte: Jahre der Krise, in denen er Visionen und innere Stimmen protokollierte, mit Tusche und Blattgold in einen ledergebundenen Folianten übertrug und im Garten Steintürme baute. Das Rote Buch wurde erst 2009 veröffentlicht, fast fünfzig Jahre nach seinem Tod, und veränderte das Bild dieser Jahre: Was die einen als kontrollierten Selbstversuch lesen, lesen andere als dokumentierte Psychose. Aus dieser Phase stammen die Begriffe, für die er heute steht — Archetypus, kollektives Unbewusstes, Individuation — und der Turm von Bollingen am oberen Zürichsee, den er über Jahrzehnte eigenhändig erweiterte, ohne Strom und fließendes Wasser, als gebautes Gegenstück zur Theorie.

1921 erschienen die Psychologischen Typen. Jung baute in Küsnacht eine Praxis auf, die bis zu seinem Tod bestand, lehrte ab 1933 an der ETH Zürich und reiste nach Ostafrika, Indien und zu den Pueblo-Völkern New Mexicos — Expeditionen, die er als Feldforschung zum kollektiven Unbewussten verstand. 1944, nach einem Herzinfarkt, protokollierte er wochenlange Visionen, die er zu den entscheidenden Erfahrungen seines Lebens zählte; das Spätwerk — die Alchemie-Studien, die mit dem Physiker Wolfgang Pauli entwickelte Idee der Synchronizität — ist ohne diese Nähe zum eigenen Grenzbereich nicht zu verstehen. 1948 wurde in Zürich das C. G. Jung-Institut gegründet; die analytische Psychologie hatte nun ihre eigene Schule.

Seine Rolle in den Jahren nach 1933 — Präsidentschaft einer international reorganisierten Ärztegesellschaft, Äußerungen über eine „arische“ und eine „jüdische“ Psychologie — ist bis heute Gegenstand einer eigenen, unerledigten Debatte, und die Akte lässt sie ausdrücklich offen: Es gibt die belastenden Texte, es gibt die Schutzbehauptungen, es gibt jüdische Schüler, die ihn verteidigt haben, und Historiker, die beides für vereinbar halten.

1959 fragte ihn ein BBC-Interviewer, ob er an Gott glaube. Jungs Antwort — er brauche nicht zu glauben, er wisse — wurde sein meistzitierter Satz und ist so doppeldeutig wie das Werk. Er starb am 6. Juni 1961 in Küsnacht am Zürichsee, wenige Tage nachdem er sein letztes Manuskript abgeschlossen hatte: den Eröffnungsessay eines Buches, das das Unbewusste einem Laienpublikum erklären sollte.

Die Frage der Psychologischen Typen von 1921 entstand aus einem Streit. Jung wollte erklären, warum kluge Menschen dieselben Tatsachen unvereinbar deuten — und hatte dafür ein frisches Beispiel: seinen eigenen Bruch mit Freud und dessen Streit mit Alfred Adler. Beide Male war um dieselben Patienten, dieselben Fälle, dieselbe Literatur gerungen worden, und beide Male standen am Ende zwei Systeme, die einander nicht einmal mehr verstanden. Wenn Theorien vom Temperament ihrer Urheber abhängen, dachte Jung, dann braucht die Psychologie zuerst eine Lehre vom Temperament. Der Verdacht richtete sich auch gegen ihn selbst: Die Typenlehre ist das Buch eines Mannes, der begreifen will, warum er nicht Freudianer bleiben konnte.

Er schrieb daran fast ein Jahrzehnt, in den Jahren nach dem Bruch, die er selbst als seine Auseinandersetzung mit dem Unbewussten bezeichnete. Das Ergebnis ist kein Laborbericht, sondern ein Gang durch die Geistesgeschichte: Tertullian gegen Origenes in der Kirchengeschichte, die Nominalisten gegen die Realisten in der Scholastik, Schillers naive gegen die sentimentalische Dichtung, Nietzsches Apollinisches gegen sein Dionysisches. Überall fand Jung dasselbe Paar wieder — zwei Grundhaltungen, die aneinander vorbeireden, weil ihre Energie in entgegengesetzte Richtungen fließt.

Sein Aufbau ist zweistufig. Zuerst die Grundeinstellung: Introversion oder Extraversion, je nachdem, ob die Energie zum Subjekt oder zum Objekt fließt. Darüber vier Funktionen — Denken, Fühlen, Empfinden, Intuieren — von denen eine dominiert und ihre Gegenfunktion ins Unbewusste drängt. Aus der Kombination ergeben sich acht Typen. Die Begriffe Introversion und Extraversion, heute Alltagssprache, sind an dieser Stelle in die Psychologie eingewandert; kaum ein Fachwort des zwanzigsten Jahrhunderts hat eine steilere Karriere gemacht.

Die erste öffentliche Fassung der Idee trug Jung 1913 auf dem Münchner Psychoanalytischen Kongress vor — auf derselben Tagung, auf der er Freud zum letzten Mal begegnete. Damals kannte das Modell nur die zwei Einstellungen, und Jung ordnete sie noch den Lagern des Streits zu: die Hysterie extravertiert, Freuds Sicht; die Dementia praecox introvertiert, seine eigene. Das ausgewachsene System von 1921 hat diese Zuordnung stillschweigend korrigiert und verfeinert — unter anderem um die Regel, dass neben der dominanten Funktion eine zweite als Hilfsfunktion arbeitet, aus der die spätere Testindustrie ihre Buchstabenkombinationen gewann. Ins Englische kam das Buch 1923 in der Übersetzung von H. G. Baynes; es ist diese Ausgabe, über die die Typenlehre ihre eigentliche Weltkarriere begann.

Es gab dazu keine Stichprobe, keine Skala und keine Statistik. Das Material waren Fallbeobachtungen, Literaturgeschichte und Philosophiegeschichte. Was Jung lieferte, war eine Begriffsordnung, kein Messinstrument. Er hat das selbst betont — die Typen seien Orientierungsmarken wie die Striche eines Kompasses, kein Fächerwerk, in das man Menschen einsortiert — und diese Warnung hat das Schicksal aller Warnungen in Vorworten geteilt.

Gemessen hat Jung allerdings durchaus — nur früher und anderes: Die Assoziationsstudien seiner Burghölzli-Jahre arbeiteten mit Stoppuhr, Wortlisten und galvanischer Hautreaktion, und es gehört zu den Ironien dieser Akte, dass der Autor des unmessbaren Typenbuchs der erste Psychoanalytiker mit einem Laborinstrument war.

Schema des Assoziationsversuchs mit Reaktionszeiten
Abb. 2 — Wo die Antwort stockt, liegt ein Komplex — das Schema der Assoziationsstudien. Zeichnung des Archivs

Zum Messinstrument machten es andere. Katharine Cook Briggs hatte Jungs Buch in der englischen Übersetzung von 1923 gelesen und darin ihr eigenes, privat entwickeltes Ordnungssystem für Charaktere wiedererkannt. Gemeinsam mit ihrer Tochter Isabel Briggs Myers — beide ohne psychologische Ausbildung, was die Rezeptionsgeschichte lange verschwiegen hat — baute sie ab den 1940er-Jahren aus Jungs Kategorien den Myers-Briggs-Typenindikator. Der Fragebogen ergänzte Jungs drei Gegensatzpaare um ein viertes und sortiert seither jede Person in einen von sechzehn Buchstabentypen. Er wurde eines der meistverkauften Persönlichkeitsverfahren der Welt, Standardinventar von Personalabteilungen, Karriereberatungen und Managementseminaren. Jung selbst hat daran nicht mitgewirkt.

An dieser Übersetzung lässt sich prüfen, was von der Konstruktion trägt. Und das Ergebnis fällt in zwei Teile auseinander.

Die Dimension hat gehalten — gründlicher, als Jung wissen konnte. Hans Eysenck machte Extraversion ab den 1940er-Jahren zur messbaren Achse seines Persönlichkeitsmodells und suchte ihr eine Physiologie: Introvertierte, so seine Arousal-These, sind von innen heraus stärker erregt und meiden darum zusätzliche Reize — eine Hypothese, die sich in dieser einfachen Form nicht durchgehend bestätigt hat, aber die Achse endgültig aus der Deutungskunst in die Labormessung überführte. In der lexikalischen Tradition, die aus Tausenden von Eigenschaftswörtern die Struktur der Persönlichkeit destillierte, tauchte dieselbe Achse wieder auf; und im heutigen Fünf-Faktoren-Modell ist Extraversion einer der fünf robusten Faktoren, in Faktorenanalysen über Sprachen und Kulturen hinweg reproduziert, mit Belegen für Erblichkeit und Stabilität über Jahrzehnte. Jung hatte die Achse richtig gesehen — als Kontinuum beschrieben hätte sie jeder Prüfung standgehalten. Sogar für die dicht besiedelte Mitte der Verteilung, die sein Raster nicht vorsieht, hat die spätere Forschung ein Wort gefunden, das er vermutlich als Pointe gelten ließe: den Ambivertierten.

Der Typ hat nicht gehalten. Persönlichkeitsmerkmale verteilen sich in Bevölkerungsstichproben eingipflig, nicht zweigipflig — es gibt keine zwei Häufungen von Introvertierten und Extravertierten mit einer Lücke dazwischen, sondern ein Kontinuum, dessen Mitte am dichtesten besiedelt ist. Wer einen Fragebogen an einer solchen Verteilung in der Mitte durchschneidet, teilt Menschen, die einander ähnlicher sind als ihren eigenen Gruppen. Genau das zeigt sich beim Wiederholungstest: Ein erheblicher Teil der Testpersonen erhält innerhalb weniger Wochen einen anderen Typ zugewiesen, ohne dass sich an ihnen etwas geändert hätte. Die methodische Literatur hat das seit den 1990er-Jahren wiederholt vorgerechnet; geändert hat es an der Verbreitung des Verfahrens wenig, denn der Typ hat, was das Kontinuum nicht hat — er erzählt eine Geschichte, und er kränkt niemanden. Sechzehn Arten, in Ordnung zu sein.

Das Netz hat dem Verfahren dann ein zweites Leben gegeben, das größer ist als sein erstes. Online-Ableger der Typenlogik — allen voran die Sechzehn-Typen-Tests, die Jungs Buchstaben mit freundlichen Rollennamen wie „Advokat“ oder „Logiker“ versehen — werden jährlich millionenfach ausgefüllt, und die vier Buchstaben sind in Datingprofilen und Bewerbungsratgebern zu einer Art Sternzeichen mit wissenschaftlichem Anstrich geworden. Die Testindustrie beruft sich dabei auf eine „Typdynamik“ aus dominanten und untergeordneten Funktionen, die in Jungs Buch tatsächlich angelegt ist — für die aber auch ein Jahrhundert später kein empirischer Beleg existiert. Es ist die seltsamste Volte dieser Akte: Je gründlicher die Forschung das Raster verwarf, desto weiter verbreitete es sich.

Warum sich die Beschreibungen so treffend anfühlen, hat die Psychologie selbst untersucht — an einem Nachbarfall aus der Astrologie. Bertram Forer legte 1948 Studierenden eine angeblich persönliche Persönlichkeitsanalyse vor, die er aus einem Horoskopheft zusammengestellt hatte; alle bekamen denselben Text, und fast alle hielten ihn für treffend. Sätze, die auf jeden passen und wie ein Befund klingen, werden als individuelle Erkenntnis erlebt. Die Typenprofile arbeiten mit demselben Material: Sie sind allgemein formuliert, durchweg wohlwollend und lassen dem Leser die Zuordnung. Das erklärt, warum ein Verfahren ohne Wiederholungszuverlässigkeit zufriedene Anwender hat — die Bestätigung stammt nicht aus dem Test, sondern aus dem Lesen.

Für das Archiv hat der Fall damit eine seltene Klarheit: Er zeigt, dass dieselbe Beobachtung zugleich bestätigt und widerlegt werden kann, je nachdem, in welcher Form man sie prüft. Die Rezeption hat aus einer Begriffsordnung ein Geschäftsmodell gemacht und aus dem Kontinuum ein Raster; die Forschung hat das Raster verworfen und das Kontinuum behalten. Beide berufen sich auf dasselbe Buch.

Bleibt das Problem, das die Typenlehre von Anfang an mit sich führte und das Jung offener behandelt hat als seine Nachnutzer: Der Beschreiber der Typen ist selbst einer. Jung rechnete sich, wenn er danach gefragt wurde, dem introvertierten Denken zu — und wer sein Buch mit dieser Auskunft im Kopf liest, erkennt die Handschrift: Die Introvertierten sind darin die Missverstandenen, die Extravertierten die zu laut Geratenen. Eine Lehre vom Temperament, geschrieben aus einem Temperament, kann ihre eigene Herkunft nicht herausrechnen. Das ist keine Widerlegung; es ist die Erinnerung daran, warum das Fach später auf Verfahren bestand, die den Urheber aus der Messung entfernen.

Die Lehrbuchfassung sagt, Jung habe die Persönlichkeitstypen erfunden. Genauer ist: Er hat eine tragfähige Dimension beschrieben und sie in eine Form gebracht, die ihr nicht standhält — und die Warnung, die er dazulegte, ist das am gründlichsten ignorierte Stück des Buches.

Das Wort Komplex stammt nicht von Freud, sondern von Jung — und es ist der einzige seiner Begriffe, der aus einem Messverfahren hervorgegangen ist. Am Burghölzli las er Versuchspersonen Reizwörter vor und stoppte die Zeit bis zur Antwort. Bei den meisten Wörtern kam sie nach knapp zwei Sekunden. Bei einigen zögerte die Person, verhaspelte sich, wiederholte das Reizwort oder antwortete gar nicht.

Jungs Schluss: Um bestimmte Themen gruppieren sich Vorstellungen mit starkem Gefühlston, und diese Gruppen verhalten sich wie kleine Teilpersönlichkeiten. Sie lassen sich nicht willentlich abstellen, sie färben die Wahrnehmung, und sie melden sich körperlich — Jung koppelte den Versuch später an ein Galvanometer und maß die Hautleitfähigkeit mit. Der Komplex war damit kein bloßes Postulat, sondern etwas, das eine Nadel ausschlagen ließ.

Von dort führt eine gerade Linie in die Gegenwart, wenn auch mit anderem Namen. Das Assoziationsexperiment ist ein Vorläufer aller Verfahren, die aus Reaktionszeiten auf innere Zustände schließen — bis hin zum Impliziten Assoziationstest, der seit 1998 in der Vorurteilsforschung eingesetzt wird und dieselbe Grundannahme trägt: dass die Verzögerung mehr verrät als die Antwort. Auch dessen Aussagekraft ist umstritten. Die Idee, Zögern zu messen, ist über hundert Jahre alt und noch immer nicht ausgestritten.

Replikationsstatus: teilweise repliziert.

Der Status trennt die beiden Hälften der Konstruktion. Die Achse Introversion– Extraversion ist unabhängig von Jung immer wieder gefunden worden und steht heute als Extraversion im Fünf-Faktoren-Modell. Die Einteilung in Typen ist nicht bestätigt: Persönlichkeitsmerkmale verteilen sich eingipflig, und die Zuordnung zu einem Typ ist über die Zeit nicht stabil.

Zum Bruch mit Freud ist die Quellenlage uneindeutig, und das gehört in die Akte. Drei Darstellungen stehen nebeneinander: der theoretische Dissens über die Libido, den Jung 1912 in Wandlungen und Symbole der Libido ausformulierte; der institutionelle Konflikt um die Führung der psychoanalytischen Bewegung; und die persönliche Ebene, in der die Beziehung Jungs zu seiner Patientin Sabina Spielrein und der Umgang beider Männer damit eine Rolle spielen. Der veröffentlichte Briefwechsel stützt die ersten beiden Fassungen deutlich, die dritte nur als Nebenstrang. Wer eine der drei als die Ursache erzählt, vereinfacht.

Primärwerk:

  • Jung, C. G. (1921). Psychologische Typen. Rascher, Zürich. — Die Grundeinstellungen und die vier Funktionen.
  • Jung, C. G., & Riklin, F. (1906). Diagnostische Assoziationsstudien. Barth, Leipzig. — Das Assoziationsexperiment; der empirische Teil des Werks.
  • Jung, C. G. (2009). Das Rote Buch — Liber Novus. Patmos. — Die Jahre nach dem Bruch, erstmals zugänglich.

Prüfung der Typenlehre:

  • McCrae, R. R., & Costa, P. T. (1989). Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator from the perspective of the five-factor model of personality. Journal of Personality, 57(1), 17–40. — Zeigt beides: dass die Skalen mit etablierten Faktoren korrelieren und dass die Typeneinteilung keine empirische Grundlage hat.
  • Pittenger, D. J. (1993). Measuring the MBTI… and coming up short. Journal of Career Planning and Employment, 54(1), 48–52. — Die kompakte Bilanz zur Retest-Stabilität.

Zum Bruch:

  • McGuire, W. (Hrsg.) (1974). Sigmund Freud / C. G. Jung: Briefwechsel. S. Fischer, Frankfurt am Main. — Die Primärquelle, in der sich der Bruch Brief für Brief nachvollziehen lässt.
  • Bair, D. (2003). Jung: A Biography. Little, Brown. — Umfassende Biografie, ordnet auch Jungs Rolle nach 1933 ein.

Übersicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung

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