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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Thema 01

Gehorsam und Autorität

PsychoanalyseSozialpsychologieLernen & Persönlichkeit

Wie aus Beteiligung Selbstverständlichkeit wird, erklärt der Ordner Lernen und Persönlichkeit von einer dritten Seite. Festingers Dissonanz sagt voraus, dass man die eigene Überzeugung dem nachzieht, was man bereits getan hat — wer den ersten Schalter gedrückt hat, findet Gründe für den zweiten. Und Banduras moralische Entkopplung benennt die Handgriffe, mit denen anständige Leute sich die Zuständigkeit vom Hals schaffen: umbenennen, aufteilen, kleinreden, entmenschlichen. Beide Linien erklären nicht den Anfang des Gehorsams, sondern seine Fortsetzung.

Gehorsam und Konformität sehen aus wie dasselbe und sind es nicht. Bei Solomon Asch nennt eine einstimmige Gruppe eine offensichtlich falsche Antwort, und niemand fordert die Versuchsperson auf, mitzumachen — der Druck entsteht allein daraus, dass alle anderen einig sind. Bei Stanley Milgram sitzt eine einzelne Person im Kittel daneben und sagt, das Experiment erfordere, dass man fortfahre. Dort wirkt eine Mehrheit, hier ein Anspruch auf Weisung.

Gehorsam über die Schalterreihe
Kein Abbruch vor 300 Volt; 26 von 40 gehen bis 450. Zeichnung des Archivs

Die Psychoanalyse hatte für dasselbe Feld eine andere Sprache. Anna Freuds Identifizierung mit dem Angreifer beschreibt, wie aus dem Erleiden einer Drohung die Übernahme der drohenden Rolle wird — kein Befehl, keine Mehrheit, sondern eine Verschiebung im Inneren. Drei Zugänge, drei Vokabulare, ein Gegenstand.

Was die experimentellen Akten dieses Themas verbindet, ist ihre Rezeption. Beide werden regelmäßig als Beleg dafür zitiert, dass Menschen leicht formbar sind. Beide Autoren haben etwas Genaueres behauptet: Asch betonte, dass zwei Drittel aller kritischen Antworten korrekt blieben, und bei Milgram führte gerade die befehlsförmigste Aufforderung am häufigsten zum Abbruch.

Der dritte Fall dieses Themas ist der, an dem sich die Rezeption am gründlichsten geirrt hat. Das Stanford Prison Experiment von 1971 hat keine Kontrollgruppe, keine standardisierte Erhebung und einen Versuchsleiter, der zugleich Gefängnisdirektor war. Die Archivarbeit von Thibault Le Texier hat 2018 anhand von Zimbardos eigenen Unterlagen belegt, dass Wärter angeleitet wurden, hart aufzutreten — womit die Deutung, die Rollen allein hätten das Verhalten erzeugt, ihre Grundlage verliert.

Was von den drei Akten übrig bleibt, ist nicht die Lehre von der Formbarkeit, sondern eine genauere Frage: Woran genau liegt es, wenn Menschen tun, was sie für falsch halten? Aschs Antwort ist die Einstimmigkeit — schon ein einziger abweichender Verbündeter ließ die Konformität stark absinken. Milgrams Antwort ist die Nähe: Über acht Variationen hinweg fiel der Gehorsam, sobald das Opfer sichtbar oder der Versuchsleiter abwesend war. Beide Antworten benennen eine Bedingung, keine Eigenschaft.

Für die Praxis folgt daraus etwas anderes als der Satz, jeder könne zum Täter werden. Es folgt, dass Bedingungen gestaltbar sind: eine abweichende Stimme im Raum, eine sichtbare Folge, eine Autorität, die nicht anwesend ist. Genau diese Größen sind es, die in den Replikationen der letzten zwanzig Jahre stabil geblieben sind, während die dramatischen Gesamtdeutungen es nicht wurden.

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