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AnamneseArchiv der Psychologie

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Das Journal30. August 202611 Min. Lesezeit

Tausendsiebenunddreißig Kinder, fünfzig Jahre

Was eine Geburtskohorte über Lebensläufe verrät — und was nicht

Blick über Dunedin in Neuseeland
Dunedin vom Signal Hill. Das Foto zeigt die Stadt, nicht die Mitglieder der Studie.Deanpemberton · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Das Einschlusskriterium war eine Kalenderspanne. Wer zwischen dem 1. April 1972 und dem 30. März 1973 in der Queen Mary Maternity Hospital zur Welt kam, damals dem einzigen Geburtskrankenhaus Dunedins, und mit drei Jahren noch in der Region lebte, gehörte dazu. Es waren 1.037 Kinder, 52 Prozent von ihnen Jungen. Sie wurden mit drei, fünf, sieben, neun, elf, dreizehn und fünfzehn Jahren untersucht, dann mit achtzehn, einundzwanzig, sechsundzwanzig, zweiunddreißig, achtunddreißig und fünfundvierzig. Bei der letzten dieser Erhebungen, zwischen 2017 und 2019, kamen 938 von 997 noch lebenden Mitgliedern wieder — 94 Prozent.

Die Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study ist berühmt, weil sie große Fragen mit ungewöhnlich dichten Daten verbindet. Bleiben schwierige Kinder schwierige Erwachsene? Wer gerät dauerhaft in Konflikt mit dem Gesetz? Sagt frühe Selbstkontrolle spätere Gesundheit vorher? Warum altern Gleichaltrige verschieden schnell? Gerade diese Fragen verführen zu voreiligen Menschenurteilen. Die eigentliche Lektion von Dunedin ist anspruchsvoller: Vorhersage ist nicht Bestimmung, Gruppenstatistik ist kein persönliches Urteil, und ein Zusammenhang ist noch keine Ursache.

Die Kohorte und ihre Messsysteme

In den frühen 1970er-Jahren untersuchte Phil Silva in Dunedin Entwicklungsfragen bei Vorschulkindern. Er war früherer Lehrer und Erziehungspsychologe, kein Mediziner — und aus dem zunächst begrenzten Projekt entstand die Idee, eine nahezu vollständige lokale Geburtskohorte weiterzuverfolgen.

Die Zahl 1.037 wirkt groß, ist aber kein Querschnitt der Menschheit. Mit einem Anteil von 7,5 Prozent Māori entsprach die Kohorte der damaligen Bevölkerungsverteilung der Südinsel recht gut; sie bleibt dennoch an Ort, Zeit und historische Verhältnisse gebunden. Wer 1972 in Dunedin geboren wurde, wuchs mit anderen Schulen, Familiennormen, Arbeitsmärkten und Gesundheitsangeboten auf als ein Kind im heutigen Auckland, Lagos oder Berlin. Jede Langzeitstudie gewinnt Tiefe, indem sie einen Ausschnitt hartnäckig verfolgt. Genau dadurch verliert sie Breite.

Silvas entscheidende Leistung war deshalb nicht, die „richtigen“ Menschen zu finden. Er baute eine Forschungsbeziehung auf, die Jahrzehnte überstehen konnte. Denn Langzeitforschung scheitert selten an der Statistik und oft an verschwundenen Teilnehmenden. Menschen ziehen um, verlieren Interesse, sterben oder möchten nicht mehr untersucht werden. Fallen vor allem belastete, arme oder kranke Personen aus, wird die verbliebene Gruppe systematisch zu gesund und zu geordnet. Eine hohe Teilnahmequote ist deshalb keine dekorative Kennzahl, sondern schützt die Aussagekraft.

Ein Band mit dreizehn Erhebungsmarken vom dritten bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahr, darunter ein Balken für 938 von 997 Mitgliedern
Abb. 1 — Dreizehn Erhebungen von 1.037 Kindern: dicht bis fünfzehn, dann immer weiter auseinander. Bei der letzten Welle zwischen 2017 und 2019 kamen 938 von 997 noch lebenden Mitgliedern wieder. Zeichnung des Archivs

Für die Erhebung mit fünfundvierzig reisten Mitglieder aus anderen Ländern zurück. Solche Bindung entsteht nicht durch Mahnungen. Das Team hielt Kontakt, organisierte Reisen, schützte Identitäten und gestaltete die Untersuchungen so, dass niemand sich wie eine auswechselbare Datenquelle behandelt fühlte. In Darstellungen der Studie steht dafür eine schlichte Maxime: Behandle Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Das ist Methode und Ethik zugleich. Respekt senkt Ausfälle, Vertraulichkeit erhöht die Chance ehrlicher Antworten. Zugleich erzeugt die Beziehung Fragen: Wer über Jahrzehnte untersucht wird, kennt die Forschung und kann sein Verhalten daran ausrichten, und Forschende möchten das Vertrauen der Kohorte nicht verspielen. Vollständige Distanz ist eine Fiktion.

We aim to treat our Study members as we ourselves would like to be treated – with respect, care, honesty and kindness, and without judgment.

Richie Poulton, Hayley Guiney, Sandhya Ramrakha und Terrie E. Moffitt, The Dunedin study after half a century (2022), Abschnitt „Study member needs are paramount – the golden rule“ [Wir wollen unsere Studienmitglieder so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten — mit Respekt, Sorgfalt, Ehrlichkeit und Freundlichkeit, und ohne Urteil.]
AngabeWert
Geburtsfenster1. April 1972 bis 30. März 1973
Kohorte1.037 Kinder, 52 Prozent Jungen
Anteil Māori7,5 Prozent
Erhebungen im Kindes- und Jugendaltermit 3, 5, 7, 9, 11, 13 und 15 Jahren
Erhebungen im Erwachsenenaltermit 18, 21, 26, 32, 38 und 45 Jahren
Letzte Erhebung2017–2019, 938 von 997 Lebenden
Teilnahmequote94 Prozent

„Multidisziplinär“ bedeutet in Dunedin mehr als eine lange Liste von Fragebögen. In einzelnen Erhebungsphasen durchliefen die Mitglieder intensive Untersuchungstage: psychologische Interviews, Lungen- und Herz-Kreislauf-Tests, Zahnuntersuchungen, Seh- und Hörprüfungen, kognitive Aufgaben, körperliche Messungen und später Hirnbildgebung. Hinzu kamen Angaben von Eltern, Lehrkräften, Partnern oder Gleichaltrigen sowie administrative Daten, soweit Einwilligung und Regeln das erlaubten.

Diese Mehrperspektivität schützt vor den Schwächen einer einzigen Quelle. Menschen erinnern sich nicht lückenlos. Eltern sehen ein anderes Kind als Lehrkräfte. Ein Polizeieintrag misst nicht alle Regelverletzungen, sondern zugleich Kontrollpraxis und soziale Ungleichheit. Ein Laborwert besitzt Präzision, erzählt aber wenig über Bedeutung. Erst das Nebeneinander zeigt, wo Berichte übereinstimmen und wo das Messinstrument selbst einen blinden Fleck erzeugt.

Mehr Daten bedeuten trotzdem nicht automatisch mehr Wahrheit. Hunderte Variablen eröffnen unzählige mögliche Zusammenhänge, und je mehr Hypothesen geprüft werden, desto größer die Gefahr zufälliger Treffer. Die Stärke einer reichen Kohorte hängt deshalb an vorab begründeten Fragen, an Replikationen in anderen Stichproben, an transparenter Auswertung — und an der Bereitschaft, spektakuläre Ergebnisse später zu korrigieren.

Zwei Wege, Selbstkontrolle und Gene

Die einflussreichste Arbeit aus Dunedin stammt von Terrie Moffitt. Sie schlug 1993 vor, antisoziales Verhalten nicht als einheitliche Eigenschaft zu betrachten. Bei einer kleineren Gruppe beginnt problematisches Verhalten früh, zeigt sich in verschiedenen Lebensbereichen und setzt sich vergleichsweise stabil fort; Moffitt nannte dieses Muster life-course-persistent. Bei einer größeren Gruppe tritt Regelbruch vor allem in der Jugend auf und nimmt mit dem Übergang in Erwachsenenrollen ab: adolescence-limited.

Die Typologie verband zwei scheinbar widersprüchliche Befunde. Kriminalität erreicht statistisch in Jugend und frühem Erwachsenenalter einen Höhepunkt; zugleich zeigen manche Menschen schon als Kinder dauerhafte Probleme. Für die jugendtypische Gruppe beschrieb Moffitt eine „Reifelücke“: Jugendliche erleben biologische Reife, besitzen aber noch nicht alle Rechte und Statussymbole Erwachsener. Regelverletzungen können dann als demonstrierte Autonomie oder als Nachahmung älterer Gleichaltriger funktionieren. Für das dauerhafte Muster nahm sie eine Entwicklungskaskade an: neuropsychologische Verwundbarkeiten, schwieriges Temperament, belastete Erziehung, Schulprobleme und ablehnende Reaktionen der Umwelt verstärken einander. Das ist keine Erzählung vom „geborenen Täter“, sondern eine Transaktionshypothese. Ein Kind wirkt auf seine Umwelt, die Umwelt reagiert, und beide verändern den nächsten Schritt.

Die Unterscheidung hat Forschung und Rechtspolitik beeinflusst und wurde in Debatten über eine weniger strafende Jugendjustiz herangezogen. Ein forensischer Stempel darf sie nicht werden. Reale Verläufe sind vielfältiger als zwei Schubladen, und Messgrenzen, soziale Kontrolle und institutionelle Reaktionen beeinflussen, wer überhaupt als auffällig erscheint. Wer einen Risikoverlauf erkennt, kennt noch nicht das nächste Verhalten einer einzelnen Person.

2011 verband eine Auswertung kindliche Selbstkontrolle mit Gesundheit, finanzieller Lage und Straffälligkeit im Erwachsenenalter. Selbstkontrolle wurde dabei nicht in einem einzigen Test erfasst, sondern aus mehreren Beobachtungen und Zeitpunkten zusammengesetzt. Im Durchschnitt waren geringere Werte mit ungünstigeren späteren Ergebnissen verbunden, auch nachdem andere Merkmale statistisch berücksichtigt worden waren.

Der Befund ist politisch verführerisch: Kinder müssten demnach nur Disziplin lernen. Doch Selbstkontrolle existiert nicht im luftleeren Raum. Armut, Unsicherheit, Schlaf, Stress, schulische Erwartungen und verlässliche Zukunftschancen beeinflussen, ob Aufschub sinnvoll und überhaupt möglich ist. Wer heute verzichten soll, muss darauf vertrauen können, dass es morgen eine Belohnung gibt; ein Kind in instabiler Umgebung lernt kurzfristiges Handeln als vernünftige Anpassung. Hinzu kommt, dass statistische Kontrolle kein Experiment ersetzt. Hält man Einkommen, Intelligenz oder soziale Herkunft rechnerisch konstant, bleiben unbemessene Unterschiede möglich, und ein zusammengesetzter Selbstkontrollwert kann zum Teil frühe Belastungen abbilden.

Ähnlich verlief es mit den Gen-Umwelt-Studien, für die Dunedin ebenfalls berühmt wurde. Eine Arbeit von 2002 berichtete, eine Variante im Zusammenhang mit dem Enzym MAOA verändere den Zusammenhang zwischen Misshandlung in der Kindheit und späterem antisozialem Verhalten. Eine zweite verknüpfte 2003 Varianten des Serotonintransporter-Gens, belastende Lebensereignisse und Depression. Die Grundidee ist wichtig: Biologische Unterschiede können beeinflussen, wie Menschen auf Umwelten reagieren, und die Umwelt entscheidet, ob eine Disposition überhaupt relevant wird. Das widerspricht dem genetischen Schicksalsdenken ebenso wie einer Psychologie ohne Körper.

Die konkreten Befunde hielten unterschiedlich gut. Eine Metaanalyse von Byrd und Manuck stützte 2014 die MAOA-Interaktion. Für die Kandidatengen-Hypothesen zur Depression fand eine große Prüfung von Border und Kollegen 2019 dagegen keine Unterstützung — der Serotonintransporter-Befund gehört zu den prominentesten Fällen der Replikationskrise. Das Lehrstück liegt im Wissenschaftsprozess: Eine plausible biologische Geschichte ist noch kein robuster Effekt. Moderne Genetik arbeitet deshalb mit sehr großen Stichproben und genomweiten Methoden. Für einzelne Menschen verbietet sich die Deutung „Risikogen gleich Täter“ ohnehin.

Der p-Faktor und das Tempo des Alterns

Wer nur an einem Stichtag misst, übersieht frühere Episoden. Als das Dunedin-Team 2010 prospektive und rückblickende Erhebung verglich, zeigte sich, dass die Lebenszeitprävalenz häufiger psychischer Störungen bei fortlaufender Beobachtung etwa doppelt so hoch ausfiel wie bei einmaliger Befragung. Zudem wechseln Diagnosen und Symptome: Menschen mit einer Form von Belastung entwickeln später nicht selten eine andere.

Aus solchen Beobachtungen entstand die Diskussion um einen allgemeinen Psychopathologiefaktor, kurz p-Faktor. Er soll die gemeinsamen Anteile verschiedener psychischer Probleme beschreiben, ähnlich wie ein allgemeiner Faktor in Intelligenzmodellen. Ein hoher Wert bedeutet statistisch eine breitere oder anhaltendere Belastung. Er ist keine neue Krankheit und kein verborgener Stoff im Gehirn. Faktoren sind Modelle für Kovariation; je nach Daten und Theorie können andere Strukturen ebenfalls passen.

Damit rührt die Studie an die Frage, ob Diagnosen natürliche Arten oder praktische Ordnungssysteme sind. Dunedin zeigt beides: wiedererkennbare Muster und fließende Übergänge. Kategorien helfen bei Kommunikation und Versorgung, die Lebensläufe halten sich aber nicht immer an deren Grenzen. Menschen sind mehr als ihre Diagnose, und Diagnosen sind mehr als Erfindungen — sie bündeln reales Leiden, ohne dessen einzige mögliche Beschreibung zu sein.

Weil alle Kohortenmitglieder nahezu gleich alt sind, lässt sich biologisches Altern hier besonders sauber untersuchen. Forschende kombinierten die Veränderungen mehrerer Biomarker zu einer Schätzung, die sie „Pace of Aging“ nannten. Schon mit Ende dreißig unterschieden sich die Gleichaltrigen deutlich in körperlicher Funktion, äußerlich eingeschätztem Alter und weiteren Gesundheitsmerkmalen.

Das Konzept verschiebt den Blick: Altern beginnt nicht erst mit einer Alterskrankheit. Stoffwechsel, Lunge, Nieren, Immunsystem und Herz-Kreislauf verändern sich über Jahrzehnte, und soziale Benachteiligung, Belastungen und Gesundheitsverhalten können sich dabei in den Körper einschreiben. Ein Index ist aber keine biologische Uhr, die ein Todesdatum anzeigt. Er hängt von den gewählten Markern, von Messfehlern und von Modellannahmen ab.

Die moralische Gefahr liegt auf der Hand. Versicherungen, Arbeitgeber oder Wellnessanbieter könnten Forschung über Populationsrisiken in ein Urteil über den Wert eines Körpers verwandeln. Wissenschaftlich vertretbar ist die Suche nach veränderbaren Ursachen und früher Prävention. Nicht vertretbar wäre, Menschen anhand einer unsicheren Alterszahl Chancen zu verweigern.

Was „sagte vorher“ wirklich heißt

Die zeitliche Ordnung ist der große Vorteil einer Kohorte. Wenn ein Merkmal mit fünf Jahren gemessen wurde und ein Ergebnis mit dreißig, kann das spätere Ergebnis die frühe Messung nicht rückwirkend verursacht haben. Bewiesen ist die Ursache damit nicht. Ein dritter Faktor kann beides beeinflussen, frühere Messungen können unvollständig sein, und statistische Modelle hängen an Annahmen. „Sagte vorher“ heißt in einer Beobachtungsstudie meistens: war statistisch mit einem späteren Ergebnis verbunden. Es heißt nicht, dass Forschende das Schicksal einer Person kannten.

Dasselbe gilt für Kontinuität von Persönlichkeit. Temperamentsmerkmale im frühen Kindesalter ließen sich mit späteren Verhaltensmustern verbinden — das spricht für Kontinuität, nicht für einen unveränderlichen Wesenskern. Sie kann mindestens drei Ursachen haben. Erstens können Dispositionen relativ stabil sein. Zweitens suchen Menschen Umwelten, die zu ihnen passen, und verstärken dadurch frühere Tendenzen. Drittens reagiert die Umwelt auf ein Kind: Das „schwierige“ Kind bekommt andere Rückmeldungen als das angepasste. Ein Rangplatz in einem Merkmal kann relativ stabil bleiben, während sich das konkrete Leben stark verändert. Jemand kann verletzlich bleiben und neue Strategien lernen.

Populäre Porträts verkürzen das gern. Aus „eine Gruppe mit bestimmten frühen Merkmalen hatte im Mittel ein erhöhtes Risiko“ wird „mit drei Jahren steht fest, wer du wirst“. Gruppen überlappen: Viele Menschen mit einem Risiko entwickeln das Ergebnis nicht, viele mit dem Ergebnis hatten den vermeintlichen Marker nicht. Wenn ein Risiko sich verdoppelt, klingt das dramatisch; steigt es von einem auf zwei Prozent, bleiben 98 von 100 Personen ohne das Ergebnis. Ohne absolute Zahlen, Verteilungen und Fehlerraten wird Menschenanalyse zur Rhetorik — bei Kriminalprognosen ebenso wie bei Gesundheitstests.

Das ethische Gewicht von fünfzig Jahren

Ein dreijähriges Kind kann nicht in eine lebenslange Studie einwilligen. Zuerst entscheiden Sorgeberechtigte; später müssen die Mitglieder neu und informiert zustimmen können. Einwilligung ist kein einmal unterschriebenes Ticket, zumal neue Technologien neue Informationen erzeugen: Ein 1975 eingelagertes Blutpräparat konnte damals nicht dieselben genetischen Fragen beantworten wie heute. Hirnbilder, Registerdaten und Familieninformationen betreffen zudem mitunter Angehörige.

Hinzu kommt das Wiedererkennungsrisiko. Auch ohne Namen kann eine ungewöhnliche Kombination aus Wohnort, Beruf, Krankheit und Lebensereignis eine Person identifizierbar machen — besonders in einer überschaubaren Stadt. Die Studie veröffentlicht deshalb Gruppenresultate und schützt Einzeldaten streng. „Open Data“ kann hier nicht bedeuten, intime Lebensarchive frei herunterzuladen. Auch die Lasten sind ungleich verteilt: Teilnehmende schenken Zeit, Körperdaten und Erinnerungen, Forschende erhalten Publikationen und Karrieren. Dank, Reisekosten und respektvolle Behandlung mildern diese Asymmetrie, lösen sie aber nicht auf.

Eine weitere Frage stellt sich in Neuseeland besonders scharf. Angesichts der kolonialen Geschichte und der Verpflichtungen gegenüber Māori zählt, wer Kategorien definiert, Daten kontrolliert und Nutzen erhält. Datenhoheit, Partnerschaft und kulturell angemessene Interpretation gehören über die allgemeine Einwilligung hinaus dazu. Eine 1972 begonnene Kohorte kann diese Anforderungen nicht rückwirkend perfekt erfüllen, darf sie aber nicht ignorieren. Und schließlich verändert sich mit den Mitgliedern auch die Welt: Gesetze, Diagnosesysteme, Tabakpolitik, digitale Medien, Arbeitsmärkte und Familienformen sind nicht dieselben wie 1975. Ein Alterseffekt lässt sich deshalb mit einem Periodeneffekt verwechseln, und was für diese Geburtskohorte gilt, muss für eine spätere Generation nicht gelten. Vergleiche mit anderen Kohorten sind unverzichtbar; Unterschiede sind dabei kein Scheitern, sondern können zeigen, dass ein vermeintlich persönlicher Effekt von Politik, Kultur oder Wirtschaft abhängt.

Was bleibt

Gut belegt ist, was eine Kohorte kann. Sie ordnet Ereignisse zeitlich, macht Verläufe statt Momentaufnahmen sichtbar und korrigiert Zahlen, die aus einmaligen Befragungen stammen. Die Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen etwa verdoppelt sich, sobald man Menschen begleitet, statt sie einmal zu fragen. Strittig bleibt fast alles, was aus solchen Verläufen über einzelne Menschen gefolgert wird. Die Verlaufstypologie antisozialen Verhaltens hat sich als Forschungsheuristik bewährt und ist keine Diagnose; der Selbstkontroll-Gradient ist robust und trotzdem kein Beleg dafür, dass Disziplin die Ursache wäre; die Kandidatengen-Befunde haben sich nur teilweise gehalten. Fünfzig Jahre Messungen enthalten eben nicht alle Gespräche, Zufälle, Verluste und Gründe eines Lebens.

Im Alltag erkennt man den Fehlgriff an einer Formulierung. Sobald aus „im Mittel erhöhtes Risiko“ ein Urteil über eine bestimmte Person wird, ist die Gruppenstatistik überdehnt. Die humanste Nutzung von Vorhersage besteht darin, Systeme verlässlicher zu machen: gute frühe Bildung, zugängliche Gesundheitsversorgung, Schutz vor Gewalt, Unterstützung für Familien. Die gefährlichste wäre ein Lebens-Chancen-Score, der Menschen ihre Vergangenheit als Urteil vorhält. Die eigentliche Hauptfigur der Studie ist ohnehin kein berühmter Psychologe. Es sind 1.037 Menschen, ihre Familien und ein Team, das über Generationen Verantwortung weitergab — und ein Lebenslauf ist dabei weder leeres Blatt noch fertiges Programm.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Poulton, R., Moffitt, T. E., & Silva, P. A. (2015). The Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study: overview of the first 40 years, with an eye to the future. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 50(5), 679–693.

    Die Standardübersicht der Studie — Quelle für Einschlusskriterium, Kohortengröße, Erhebungswellen und Zusammensetzung.

  2. Poulton, R., Guiney, H., Ramrakha, S., & Moffitt, T. E. (2022). The Dunedin study after half a century: reflections on the past, and course for the future. Journal of the Royal Society of New Zealand. doi:10.1080/03036758.2022.2114508

    Die Rückschau zum fünfzigsten Jahr; Quelle des Zitats über den Umgang mit den Studienmitgliedern.

  3. Moffitt, T. E. (1993). Adolescence-limited and life-course-persistent antisocial behavior: A developmental taxonomy. Psychological Review, 100(4), 674–701.

    Der Aufsatz, der die beiden Verlaufstypen und die Reifelücke einführte — die einflussreichste Arbeit aus Dunedin.

  4. Moffitt, T. E., Arseneault, L., Belsky, D., et al. (2011). A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. PNAS, 108(7), 2693–2698.

    Die Selbstkontroll-Auswertung, deren Gradient regelmäßig zu einer Erziehungslehre verkürzt wird.

  5. Caspi, A., McClay, J., Moffitt, T. E., et al. (2002). Role of genotype in the cycle of violence in maltreated children. Science, 297(5582), 851–854.

    Der MAOA-Befund — das Musterbeispiel einer Gen-Umwelt-Interaktion.

  6. Byrd, A. L., & Manuck, S. B. (2014). MAOA, childhood maltreatment, and antisocial behavior: Meta-analysis of a gene-environment interaction. Biological Psychiatry, 75(1), 9–17.

    Die Metaanalyse, die den MAOA-Befund stützt; belegt, dass nicht alle Kandidatengen-Arbeiten dasselbe Schicksal hatten.

  7. Caspi, A., Sugden, K., Moffitt, T. E., et al. (2003). Influence of life stress on depression: Moderation by a polymorphism in the 5-HTT gene. Science, 301(5631), 386–389.

    Der Serotonintransporter-Befund, der zum prominentesten Fall der Replikationskrise wurde.

  8. Border, R., Johnson, E. C., Evans, L. M., et al. (2019). No support for historical candidate gene or candidate gene-by-interaction hypotheses for major depression. American Journal of Psychiatry, 176(5), 376–387.

    Die große Prüfung, die den Kandidatengen-Hypothesen zur Depression die Grundlage entzog.

  9. Moffitt, T. E., Caspi, A., Taylor, A., et al. (2010). How common are common mental disorders? Evidence that lifetime prevalence rates are doubled by prospective versus retrospective ascertainment. Psychological Medicine, 40(6), 899–909.

    Belegt die Verdopplung der Lebenszeitprävalenz bei fortlaufender statt einmaliger Erhebung.

  10. Caspi, A., Houts, R. M., Belsky, D. W., et al. (2014). The p factor: One general psychopathology factor in the structure of psychiatric disorders? Clinical Psychological Science, 2(2), 119–137.

    Führt den p-Faktor ein — als Modell für Kovariation, nicht als neue Krankheit.

  11. Belsky, D. W., Caspi, A., Houts, R., et al. (2015). Quantification of biological aging in young adults. PNAS, 112(30), E4104–E4110.

    Quelle des Pace of Aging und der Befunde zum unterschiedlich schnellen Altern Gleichaltriger.

  12. Dunedin Multidisciplinary Health and Development Research Unit, University of Otago: dunedinstudy.otago.ac.nz.

    Die laufende Dokumentation der Studie durch die Forschungseinheit selbst — Erhebungsstand und Teilnahmezahlen.