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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal11. Januar 20267 Min. Lesezeit

Gelernt wird nicht die Hilflosigkeit, sondern die Kontrolle

Wie Seligman seine eigene Theorie nach fünfzig Jahren umdrehte

Derselbe Befund, zwei Erklärungen: Aus der gekoppelten Gruppe versagten sechs von acht Tieren, aus der Gruppe mit abstellbarem Schock keines. 2016 drehten Maier und Seligman die Deutung um — gelernt wird nicht die Hilflosigkeit, sondern die Kontrolle.Zeichnung des Archivs

Es begann mit einem Störfall. Im Labor von Richard Solomon an der University of Pennsylvania sollten Hunde in einer Shuttle-Box lernen, einem angekündigten Schock auszuweichen. Ein Teil der Tiere tat es nicht: Sie legten sich hin und ließen die Schläge über sich ergehen, obwohl der Ausweg offen stand und die Barriere sich mit einem Sprung nehmen ließ. Für die Lerntheorie war das ein Ärgernis, ein Rauschen in den Daten. Für zwei Doktoranden, die 1964 als Erstsemester nach Penn gekommen waren, wurde es die Frage ihres Lebens. Martin Seligman und Steven Maier vermuteten, die Tiere hätten zuvor etwas anderes gelernt: dass nichts hilft.

Wie der Versuch von 1967 die Kontrolle isolierte

Das Triadendesign, in Akte 031 dieses Archivs samt Zeichnung, machte aus der Vermutung ein Musterstück der Trennschärfe. Drei Gruppen zu je acht Tieren: Die erste konnte den Schock durch eine Reaktion abstellen. Die zweite bekam exakt dieselben Schocks, in Dauer und Zeitpunkt an ein Tier der ersten Gruppe gekoppelt, ohne jeden Einfluss darauf. Die dritte blieb verschont. Der Kunstgriff liegt in der Kopplung: Zwischen Gruppe eins und zwei unterscheidet sich nicht die Menge des Schmerzes, sondern ausschließlich, ob das eigene Verhalten etwas ausrichtet.

Vierundzwanzig Stunden später kam die Shuttle-Box mit offenem Ausweg. Die Gruppen eins und drei sprangen. Aus der zweiten Gruppe versagten sechs von acht Tieren in mindestens neun von zehn Durchgängen — sie blieben liegen. In der Gruppe, die den Schock hatte abstellen können, versagte keines. Gleicher Schmerz, ein Unterschied: Kontrolle. Die Deutung hieß gelernte Hilflosigkeit — die Erwartung, dass das eigene Verhalten nichts bewirkt, gelernt und auf neue Lagen übertragen. Sie wurde zum ersten Labormodell der Depression: Passivität, Antriebsverlust, Aufgeben.

Was 1978 hinzukam

Menschen reagierten unter denselben Bedingungen verschieden, und das verlangte eine Erweiterung. Lyn Abramson, Seligman und John Teasdale bauten 1978 die Attribution ein: Entscheidend sei, wie jemand sich die Unkontrollierbarkeit erklärt — als dauerhaft oder vorübergehend, als allgemein oder begrenzt, als eigenes Versagen oder als Umstand. Aus dieser Fassung wurden der pessimistische Erklärungsstil und, über die Hoffnungslosigkeitstheorie, die Brücke zu Becks kognitivem Modell.

Der stärkste Beleg dieser Linie ist prospektiv. Lauren Alloy und Kollegen sortierten 347 Studienanfänger vorab nach ihrem Erklärungsstil und verfolgten sie zweieinhalb Jahre. Die Hochrisikogruppe entwickelte erste depressive Episoden um das Drei- bis Siebenfache häufiger als die Niedrigrisikogruppe. Die Denkgewohnheit geht der Störung voraus; sie begleitet sie nicht bloß.

Die Übertragung ins Menschenlabor lief mit erträglichem Reiz. Donald Hiroto und Seligman setzten 1975 insgesamt 96 Studierende lautem Lärm aus, den eine Gruppe abstellen konnte und die gekoppelte zweite nicht. Unmittelbar danach zeigte sich dieselbe Asymmetrie an einer Handbox. Bemerkenswerter war die Kreuzübertragung: Unlösbare Denkaufgaben machten anschließend beim Lärm passiv, und der unkontrollierbare Lärm machte umgekehrt passiv vor den Denkaufgaben. Das Muster wandert zwischen Sinnesbereichen und Aufgabenarten — es war nie eine Eigenart des Tierlabors.

Was Maier und Seligman 2016 umkehrten

Dann kam das Jahr 2016, und mit ihm der seltenste Vorgang dieses Archivs: Die Urheber widerriefen die Deutung — nicht den Befund. In Learned helplessness at fifty rechneten Maier und Seligman mit der eigenen Theorie ab, auf Basis von fünf Jahrzehnten Neurobiologie. Ihre Zusammenfassung sagt es in sechs Wörtern:

the original theory got it backward

Steven F. Maier & Martin E. P. Seligman, Learned Helplessness at Fifty (2016) [Die ursprüngliche Theorie hatte es genau verkehrt herum.]

Und weiter: Passivität ist die voreingestellte Reaktion des Hirnstamms auf anhaltenden, unkontrollierbaren Stress — unmittelbar, ohne Lernen, ohne Erwartung.

Der Mechanismus, den sie beschreiben, sitzt tief. Anhaltender aversiver Reiz aktiviert eine serotonerge Kernregion des Hirnstamms, den Nucleus raphe dorsalis; deren Aktivität hemmt aktives Fluchtverhalten und erhöht zugleich die Ängstlichkeit. Was gelernt wird, ist das Gegenteil dessen, was der Theoriename behauptet: Erfahrbare Kontrolle bringt den medialen präfrontalen Kortex dazu, diese Grundreaktion zu hemmen — und diese Hemmung überträgt sich auf spätere Lagen. Nicht die Hilflosigkeit wird gelernt, sondern die Zuversicht. Hilflosigkeit, schreiben die Autoren trocken, sei in den Originalversuchen gar nicht gelernt worden — der Name der Theorie hat seine Begründung überlebt.

Abgeschlossen ist die Sache damit nicht, und die Autoren sagen das selbst. Sie diskutieren eine konkurrierende Deutung, die dasselbe Liegenbleiben nicht als gehemmte Flucht liest, sondern als Erstarren — eine eigenständige Angstreaktion mit eigener Schaltung. Welche der beiden Beschreibungen das Tier in der Box besser trifft, ist offen. Was in beiden Fassungen nicht mehr vorkommt, ist die gelernte Erwartung der Wirkungslosigkeit.

Man muss die Pointe zweimal lesen, um ihre Form zu würdigen. Das Verhaltensmuster von 1967 nennen die Autoren selbst gut repliziert; umgestürzt wurde die Erklärung, und zwar durch Methoden, die es 1967 nicht gab. Kein Skandal, keine Enthüllung von außen: Der Widerruf erschien im regulären Fachschrifttum, unterschrieben von denselben beiden Namen wie das Original. Neben Kahnemans Widerruf der Priming-Kapitel ist es der zweite Fall dieses Archivs, in dem eine Berühmtheit die eigene Lehre öffentlich umschrieb — und der radikalere, weil hier der Name der Theorie selbst falsch wurde.

Was die Umkehrung für die Behandlung ändert

Die Revision ist mehr als Kosmetik, denn an ihr hängen Anwendungen. Wenn Hilflosigkeit gelernt würde, müsste Therapie das Verlernen organisieren. Wenn Passivität die Voreinstellung ist und Kontrolle die Lernleistung, verschiebt sich das Ziel: Erfahrungen wirksamen Handelns aufbauen, statt Ohnmacht zu dekonstruieren. Das passt auffällig gut zu einem alten Rätsel der Depressionsbehandlung, das die Beck-Akte verzeichnet. Verhaltensaktivierung allein — wieder handeln, in kleinen, gelingenden Schritten — wirkte in der Vergleichsstudie von Sona Dimidjian und Kollegen ähnlich gut wie das ganze kognitive Paket. Die Neurobiologie der Kontrolle liefert dafür nachträglich einen Mechanismus.

Zugleich zieht die Revision der zweiten Karriere ihres Autors eine Grenze. Die aus dem Erklärungsstil abgeleiteten Präventionsprogramme für Schulen zeigen in der Zusammenschau von Steven Brunwasser und Kollegen kleine Effekte auf depressive Symptome, die über die Nachbeobachtung schwinden. Die positive Psychologie, die Seligman auf die optimistische Wendung baute, hat in der Replikationskrise erheblich Federn gelassen: Schon die günstigste Metaanalyse berichtet kleine Effekte, spätere Reanalysen kleinere. Und das Armee-Resilienzprogramm wurde armeeweit ausgerollt, bevor eine randomisierte Wirksamkeitsprüfung vorlag. Die Ironie ist vollständig: Der haltbarste Teil des Lebenswerks ist der, den sein Autor selbst umgestoßen hat; der wackligste der, den er am lautesten vermarktete.

Was sonst zur Akte gehört

Zwei dunklere Absätze bleiben, und dieses Journal übergeht sie nicht. Die Hunde der zweiten Gruppe konnten dem Schmerz nicht ausweichen — das war der Zweck der Anordnung, nicht ihr Nebeneffekt. Genau deshalb wäre der Versuch unter heutigen Tierschutzauflagen nicht mehr genehmigungsfähig; was ihn methodisch stark machte, macht ihn heute unzulässig.

Und die Forschung wurde nach 2001 von Psychologen herangezogen, die für die CIA Verhörprogramme entwickelten. Der Hoffman-Bericht von 2015 fand keine Belege dafür, dass Seligman von der geplanten Verwendung wusste; die beiden beteiligten Psychologen gaben an, die Verhöre nie mit ihm besprochen zu haben, und Seligman hat jede Beteiligung bestritten. Die Frage, welche Verantwortung ein Forscher für die Anwendung seiner Befunde trägt, beantwortet das nicht. Beides steht in der Akte, weil beides belegt ist.

PrüfungJahrUmfangWas dabei herauskam
Seligman & Maier, Triadendesign1967drei Gruppen zu je acht Hunden6 von 8 der gekoppelten Gruppe blieben liegen, 0 von 8 mit abstellbarem Schock
Hiroto & Seligman197596 Studierendedieselbe Asymmetrie — und sie wandert zwischen Lärm und Denkaufgaben
Abramson, Seligman & Teasdale1978NeufassungAttribution: dauerhaft oder vorübergehend, allgemein oder begrenzt, eigen oder Umstand
Alloy u. a., Längsschnitt2006347 Studienanfänger, 2½ JahreHochrisikogruppe drei- bis siebenmal häufiger eine erste Episode
Brunwasser u. a., Metaanalyse2009Penn Resiliency Programkleine Effekte, die über die Nachbeobachtung schwinden
Maier & Seligman, Widerruf2016fünf Jahrzehnte NeurobiologiePassivität ist die Voreinstellung; gelernt wird ihre Hemmung

Was bleibt

Gesichert ist das Verhaltensmuster: Unkontrollierbare Belastung macht passiv, und zwar bei gleicher Reizmenge stärker als kontrollierbare. Zurückgenommen ist die Erklärung. Die Passivität wird nicht gelernt, sie ist die Voreinstellung; gelernt wird ihre Hemmung durch die Erfahrung, dass eigenes Handeln etwas ausrichtet. Und diese Hemmung wirkt vorbeugend: Wer vorab erfahren hat, dass er den Reiz abstellen kann, hält die spätere unkontrollierbare Belastung besser aus. Das ist eine bessere Nachricht als die, mit der die Theorie berühmt wurde.

Im Alltag erkennt man den Unterschied daran, wo man ansetzt. Die alte Lesart lädt dazu ein, an der Überzeugung zu arbeiten — jemandem auszureden, dass nichts hilft. Die neue Lesart legt nahe, zuerst eine Gelegenheit zu bauen, bei der etwas hilft, und zwar sichtbar und zurechenbar. Für die Methodenlehre bleibt der Fall ein Musterstück: Eine Theorie, die fünfzig Jahre trägt und dann von ihren Urhebern mit besseren Werkzeugen korrigiert wird, hat funktioniert. Peinlich wird es erst, wenn niemand nachprüft — oder wenn die Korrektur von allen außer den Urhebern kommt.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Seligman, M. E. P., & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74, 1–9.

    Das Triadendesign selbst, aus dem beide Zahlen des Artikels stammen: sechs von acht gegen null von acht. Der Befund steht bis heute; umgestürzt wurde nur seine Deutung.

  2. Hiroto, D. S., & Seligman, M. E. P. (1975). Generality of learned helplessness in man. Journal of Personality and Social Psychology, 31, 311–327.

    Die Übertragung auf Menschen mit erträglichem Reiz — und die Kreuzübertragung zwischen Lärm und Denkaufgaben, die zeigt, dass das Muster keine Eigenart des Tierlabors war.

  3. Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P., & Teasdale, J. D. (1978). Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology, 87, 49–74.

    Die attributionale Erweiterung, aus der der pessimistische Erklärungsstil und die Brücke zu Becks Modell hervorgingen.

  4. Alloy, L. B., Abramson, L. Y., Whitehouse, W. G., Hogan, M. E., Panzarella, C., & Rose, D. T. (2006). Prospective incidence of first onsets and recurrences of depression in individuals at high and low cognitive risk for depression. Journal of Abnormal Psychology, 115, 145–156.

    Der stärkste Beleg der attributionalen Linie, weil er vorwärts läuft: 347 Studienanfänger, vorab sortiert, zweieinhalb Jahre verfolgt. Die Denkgewohnheit geht der Störung voraus.

  5. Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367.

    Der Widerruf, um den der ganze Artikel gebaut ist — von denselben beiden Namen wie das Original. Das Zitat steht in der Zusammenfassung, ebenso die Benennung von Nucleus raphe dorsalis und medialem präfrontalem Kortex.

  6. Dimidjian, S., Hollon, S. D., Dobson, K. S., u. a. (2006). Randomized trial of behavioral activation, cognitive therapy, and antidepressant medication in the acute treatment of adults with major depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 74, 658–670.

    Das alte Rätsel, für das die Umkehrung nachträglich einen Mechanismus liefert: Wieder handeln wirkte ähnlich gut wie das ganze kognitive Paket.

  7. Brunwasser, S. M., Gillham, J. E., & Kim, E. S. (2009). A meta-analytic review of the Penn Resiliency Program's effect on depressive symptoms. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 77(6), 1042–1054.

    Die Bilanz der Präventionsprogramme, die aus dem Erklärungsstil abgeleitet wurden: kleine Effekte, die über die Nachbeobachtung schwinden.

  8. Bolier, L., Haverman, M., Westerhof, G. J., Riper, H., Smit, F., & Bohlmeijer, E. (2013). Positive psychology interventions: A meta-analysis of randomized controlled studies. BMC Public Health, 13, 119.

    Die günstigste Zusammenschau der positiven Psychologie — und selbst sie berichtet kleine Effekte. Die weiteren Belege führt die Seligman-Akte dieses Archivs.