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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 202611 Min. Lesezeit

Dreißig Männer, die niemand unterscheiden konnte

Hookers Test und der lange Weg aus dem Diagnosebuch

Gay-Pride-Marsch 1973
Gay-Pride-Marsch in Minneapolis, Juni 1973 — im Jahr der Streichung aus dem DSM.Jim Chalgren · Public domain · Wikimedia Commons

Auf dem Tisch lagen sechzig anonymisierte Testprotokolle, durcheinander gemischt. Drei erfahrene Beurteiler — Bruno Klopfer, Edwin Shneidman und Mortimer Mayer — sollten zweierlei tun: die psychische Anpassung jedes Mannes auf einer Fünf-Punkte-Skala einschätzen und die Protokolle paarweise zuordnen. Welcher Mann war homosexuell, welcher nicht? Keiner der drei kam über das Zufallsniveau. Und in den Anpassungsurteilen fand sich zwischen den Gruppen kein Unterschied.

Zusammengestellt hatte den Stapel die Psychologin Evelyn Hooker. Sie rekrutierte in den 1950er-Jahren 30 homosexuelle und 30 heterosexuelle Männer, die keine psychiatrischen Patienten waren. Wer in Therapie war, in Haft saß oder eine militärische Disziplinarakte hatte, kam nicht in die Studie. Die Männer wurden paarweise nach Alter, Bildung und Intelligenz angeglichen und bearbeiteten Rorschach-Tafeln, den Thematischen Apperzeptionstest und den Make-a-Picture-Story-Test. Erst danach gingen die Protokolle ohne jedes Etikett an die Beurteiler.

Der Anstoß kam nicht aus der Klinik. Ein befreundeter homosexueller Student namens Sam From hatte Hooker herausgefordert, endlich wissenschaftlich zu prüfen, ob Homosexuelle tatsächlich psychisch gestörter seien. Durch ihn lernte sie Männer kennen, die niemand als Patienten rekrutiert hatte. From starb 1956 bei einem Autounfall, kurz bevor die Arbeit erschien.

Warum die Psychiatrie nur Kranke fand

Wenn eine Wissenschaft nur Menschen untersucht, die wegen eines Merkmals verfolgt, eingewiesen oder zur Therapie geschickt werden, findet sie Belastung. Dann kann sie den Verfolgungsgrund mit der Ursache verwechseln. Genau dieses Auswahlproblem prägte frühe psychiatrische Aussagen über Homosexualität.

Die psychoanalytische und psychiatrische Literatur beruhte weitgehend auf Menschen, die wegen Konflikten, Strafverfolgung oder Zwang in Behandlung kamen. Waren sie depressiv, ängstlich oder in ihren Beziehungen belastet, schrieb man das der Orientierung zu. Vergleichbare Menschen außerhalb klinischer Institutionen wurden gar nicht erst befragt.

Statistisch ist das Selektionsbias: Die Aufnahme in die Stichprobe hängt selbst schon mit Leid und sozialem Druck zusammen. Aus einem so ausgewählten Kollektiv lässt sich nicht auf alle Angehörigen der Gruppe schließen. Und Diagnosen bestätigen ihren eigenen Filter. Wer als krank gilt, wird eher überwiesen; die Klinik findet daraufhin besonders viele Kranke.

Der Fehler ist allgemein. Wer Kriminalität nur bei Festgenommenen, Arbeitsfähigkeit nur bei Arbeitslosen oder Persönlichkeit nur bei Therapiesuchenden untersucht, verwechselt Institutionen mit Populationen. Hookers entscheidender Schritt war deshalb keine neue Testtechnik, sondern eine neue Tür zur Stichprobe. Zugleich war auch ihre Rekrutierung nicht repräsentativ: Männer, die sich in subkulturellen Kreisen bewegten und einer Forscherin vertrauten, standen nicht für alle. Sie löste den klinischen Bias, nicht jede Form von Auswahl.

Wie das Begehren in ein Handbuch geriet

Gleichgeschlechtliches Begehren existierte lange vor modernen Diagnosen, wurde aber in verschiedenen Epochen und Kulturen sehr unterschiedlich verstanden. Im Europa des 19. Jahrhunderts entstand eine medizinische Sprache, die Verhalten zunehmend als Eigenschaft einer Person klassifizierte. Das konnte sich gegen reine Strafmoral richten und zugleich eine neue Pathologisierung schaffen. Richard von Krafft-Ebing katalogisierte sexuelle „Perversionen“, Magnus Hirschfeld kämpfte für Rechte und eine wissenschaftlich informierte Sexualreform. Freud betrachtete Homosexualität nicht als Verbrechen und warnte vor einfachen Heilungsversprechen, hielt heterosexuelle Entwicklung in seinem Modell aber vielfach für normativ. Medizin konnte schützen, erklären, behandeln und kontrollieren — manchmal gleichzeitig.

Als psychiatrische Klassifikationen im 20. Jahrhundert an Einfluss gewannen, verwandelte sich moralische Abweichung in einen administrativen Code. Das 1952 veröffentlichte DSM-I ordnete Homosexualität als sexuelle Abweichung den „sociopathic personality disturbances“ zu und verband sie damit mit einem breiten moralisch-sozialen Störungsbegriff. Im DSM-II von 1968 stand Homosexualität unter den sexuellen Abweichungen, mit eigenem Diagnosecode. Solche Kategorien wirkten objektiv, obwohl klare Daten für Krankheit fehlten; sie spiegelten psychoanalytische Entwicklungsvorstellungen und gesellschaftliche Normen. Die Kriterien waren weniger operationalisiert als in späteren Ausgaben, und klinische Autorität füllte die Lücken.

Der Code wirkte in Kliniken, Versicherungen, Militär, Gerichten und Familien. Eine Diagnose ist deshalb nicht nur ein Satz im Handbuch; sie verteilt Glaubwürdigkeit und Rechte. Sobald ein Merkmal im Manual steht, produzieren Lehrbücher, Kliniken und Prüfungen immer neue Bestätigungen. Die Entfernung erfordert dann mehr als einen Gegenbefund: Die Institution muss ihre eigene Autorität korrigieren.

Entsprechend wurde behandelt. Psychoanalytische Langzeittherapie, aversive Konditionierung, Hormone und in einigen Kontexten chirurgische Eingriffe sollten Orientierung oder Verhalten verändern. Die Erfolgsmeldungen litten unter fehlenden Vergleichsgruppen, unklaren Definitionen und sozialem Druck. Weniger berichtetes Verhalten konnte Verbergen bedeuten, nicht verändertes Begehren. Wer eine Therapie unter Strafandrohung, Familiendruck oder Berufsgefahr beginnt, gibt keine gewöhnlich freie Einwilligung. Auch der Selbstbericht danach ist beeinflusst: Ein Patient weiß, welche Antwort Entlassung oder Anerkennung bringt. Diese Behandlungsgeschichte zeigt, warum Wirksamkeit und Ziellegitimität getrennt geprüft werden müssen. Selbst wenn eine Intervention Verhalten veränderte, wäre damit nicht gezeigt, dass das Ziel medizinisch oder ethisch gerechtfertigt ist.

Was der verblindete Test zeigte — und was nicht

Verblindung war das Herzstück des Designs. Ein Beurteiler, der die Orientierung kennt, kann jedes mehrdeutige Zeichen in ihrem Licht lesen, und projektive Tests bieten dafür besonders viel Spielraum. Wenn selbst erfahrene Kliniker die Gruppen ohne Etikett nicht zuverlässig trennten, verlor die Behauptung einer offensichtlich pathologischen Persönlichkeit ihre Plausibilität.

„Keine zuverlässige Unterscheidung“ beweist allerdings nicht, dass zwei Gruppen in jedem Merkmal identisch sind. Ein Nullbefund kann aus echter Ähnlichkeit entstehen, aus geringer Teststärke oder aus unzuverlässiger Messung. Hookers Stichprobe war klein, sie umfasste nur Männer, und die Validität projektiver Verfahren ist bis heute umstritten. Nach heutigen Standards würde man validere Instrumente, größere und diversere Stichproben sowie vorregistrierte Analysen verlangen. Die Studie kannte auch die heutigen Differenzierungen von Geschlecht und sexueller Identität nicht. Historische Bedeutung ersetzt keine methodische Kritik; und methodische Kritik beseitigt nicht die Bedeutung eines guten Kontrastdesigns.

Für die damalige Krankheitsbehauptung lag die Beweislast jedoch anders. Wenn Homosexualität an sich eine breite Persönlichkeitsstörung wäre, hätte sie in klinischen Beurteilungen konsistent sichtbar werden müssen. Das Ausbleiben des Musters war deshalb theoretisch schädlich, auch ohne universelle Gesundheit zu beweisen. Spätere Forschung mit anderen Methoden trug den Schluss mit, dass gleichgeschlechtliche Orientierung keine psychische Störung ist. Die Wissenschaft änderte sich durch kumulative Evidenz, nicht durch einen magischen Einzelversuch.

Hooker selbst war heterosexuell und arbeitete in einer Zeit hoher persönlicher Risiken mit homosexuellen Communities. Sie gewann Vertrauen, besuchte soziale Zusammenkünfte und behandelte Teilnehmer nicht als exotische Fälle. Anonymisierung war dabei kein Formularpunkt: Ein bekannt gewordenes Bekenntnis konnte Arbeitsplatz, Freiheit oder Familie kosten. Ihre Leistung wird manchmal so heroisiert, dass Aktivisten und Teilnehmer wieder verschwinden. Präziser ist: Sie nutzte ihre Position, um eine aus der Community kommende Kritik in ein überzeugendes Design zu übersetzen.

Die Leute, die die Entscheidung erzwangen

Daten änderten das DSM nicht von selbst. Frank Kameny wurde 1957 wegen seiner Homosexualität aus dem US-Staatsdienst entlassen, aus dem Army Map Service. Er kämpfte juristisch und politisch, gründete 1961 mit anderen die Mattachine Society of Washington und wies die Krankheitsdefinition schlicht zurück. Sein Slogan „Gay is Good“, ab 1968 in Umlauf, kehrte die Beweislast um: Nicht Homosexuelle sollten ihre Normalität beweisen, sondern Institutionen ihre Diskriminierung rechtfertigen. Kameny misstraute der Vorstellung, Ärzte könnten allein über Identität entscheiden. Das stand in gewisser Spannung zu einer Strategie, die mit positiven psychologischen Studien argumentierte. Bürgerrechte dürfen nicht davon abhängen, dass eine Gruppe durchschnittlich gesund, sympathisch oder angepasst erscheint.

Barbara Gittings arbeitete in lesbischen Organisationen, publizierte, protestierte und half, Diskussionen mit der Psychiatrie zu erzwingen. Gemeinsam mit Kameny holte sie offen homosexuelle Fachleute auf Podien. Sie verstand öffentliche Bilder: Protestschilder, Medienarbeit und persönliche Gespräche übersetzten abstrakten Diagnoseschaden in Biografien. Fachleute sahen Betroffene dadurch nicht länger nur als Patientenakten.

Auf der APA-Tagung 1972 sprach der Psychiater John E. Fryer als „Dr. H. Anonymous“. Er trug eine Gummimaske, eine Perücke und einen übergroßen Smoking; ein Mikrofon verzerrte seine Stimme. Er sagte dem Publikum, homosexuelle Psychiater seien längst in Kliniken und Fachgesellschaften tätig, müssten aber schweigen. Fryer hatte berufliche Nachteile erlebt und riskierte mit Offenheit seine Laufbahn. Die Maske war Schutz und Beweis zugleich: Eine Profession, die Homosexualität diagnostizierte, zwang einen kompetenten Kollegen zur Anonymität. Sein Auftritt widerlegte keine Diagnose durch einen Testwert. Er veränderte die epistemische Lage im Saal.

1973 war ein Prozess, kein Schalter

In den internen Debatten spielte der Psychiater Robert Spitzer eine wichtige Rolle. Ein zentrales Argument lautete: Eine Störung sollte subjektives Leiden oder eine allgemeine Beeinträchtigung sozialer Funktion verursachen. Homosexualität an sich erfüllte dieses Kriterium nicht, und Konflikt mit gesellschaftlichen Normen allein definiert keine Krankheit.

Im Dezember 1973 strich der Vorstand der American Psychiatric Association die allgemeine Kategorie aus dem DSM-II — und beschloss zugleich eine Erklärung, die den Grund benennt:

WHEREAS HOMOSEXUALITY per se implies no impairment in judgment, stability, reliability, or general social or vocational capabilities

American Psychiatric Association, Position Statement on Homosexuality and Civil Rights (1973) [Da Homosexualität als solche keine Beeinträchtigung des Urteilsvermögens, der Stabilität, der Zuverlässigkeit oder der allgemeinen sozialen und beruflichen Fähigkeiten mit sich bringt …]

Der Satz beginnt mit einem „da“, weil er die Begründung einer Entschließung ist und nicht deren Ergebnis. Beschlossen wurde also nicht bloß eine Streichung, sondern eine Feststellung mit Gründen. Nach einer Petition kam es 1974 zu einer Mitgliederabstimmung, die die Entscheidung mit 58 % bestätigte. Gegner kritisierten das Verfahren als Politik per Wahl. Doch Klassifikationen werden immer in Gremien beschlossen. Die Frage ist, ob ihre Gründe transparent und belegt sind, nicht ob Menschen an der Entscheidung beteiligt waren.

Verschwunden war die Diagnose damit nicht. An ihre Stelle trat im siebten Druck des DSM-II von 1974 zunächst „sexual orientation disturbance“, 1980 im DSM-III dann „ego-dystonic homosexuality“ — für Menschen, die unter ihrer Orientierung litten. Das schien ein klinischer Kompromiss zu sein. Doch das Leiden konnte gerade aus Ablehnung, Religion, Familie oder Gefahr entstehen. Die Restdiagnose ließ die soziale Ursache erneut im Individuum erscheinen. Erst 1987, im DSM-III-R, verschwand auch sie. Kategorien für Depression, Angst oder Beziehungskonflikte standen weiter zur Verfügung, ohne Orientierung selbst zu pathologisieren.

Eine senkrechte Zeitleiste von 1952 über Hookers Studie 1957 und die Streichung im Dezember 1973 bis zu den Folgefassungen von 1974, 1980 und 1987
Abb. 1 — Der Weg der Kategorie: 1952 im DSM-I, 1957 der verblindete Nullbefund an 30 und 30 Männern, 1968 im DSM-II, im Dezember 1973 gestrichen und 1974 mit 58 % bestätigt — doch erst 1987 stand im DSM-III-R keine Restdiagnose mehr. Zeichnung des Archivs

Spitzer legte Jahrzehnte später eine eigene, methodisch schwache Arbeit zu angeblicher Orientierungsänderung vor: 2001 als Vortrag auf der APA-Tagung, 2003 gedruckt in den Archives of Sexual Behavior. 2012 erklärte er die Hauptkritik für berechtigt, bat um Rückzug der Studie und entschuldigte sich öffentlich. Wissenschaftliche Korrektur verleiht keine dauerhafte Unfehlbarkeit.

Internationale Klassifikationen folgten nicht gleichzeitig. Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedete 1990 eine ICD-Revision, in der Homosexualität nicht mehr als Diagnose geführt wurde; der 17. Mai wird deshalb international als Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit begangen. Die Umsetzung erfolgte in den folgenden Jahren. Das spätere Datum zeigt, dass Evidenz durch nationale, sprachliche und politische Institutionen reist. Eine Entscheidung der APA galt nicht automatisch weltweit; in manchen Ländern bestehen strafrechtliche Verfolgung und medizinischer Zwang bis heute.

Minderheitenstress statt Minderheitenwesen

Sexuelle Orientierung sagt wenig über Persönlichkeit, Bindungsfähigkeit oder Moral. Belastungsunterschiede zwischen Gruppen gibt es dennoch, und sie verlangen eine Erklärung, die nicht in die alte Krankheitsbehauptung zurückfällt. Ilan Meyers Modell des Minderheitenstresses unterscheidet äußere Belastungen wie Diskriminierung von erwarteter Zurückweisung, Verbergen und internalisiertem Stigma. Diese Prozesse können psychische Risiken erhöhen; Gemeinschaft, positive Identität und soziale Unterstützung wirken schützend. Das Modell verlegt die Kausalität von einem angeblichen Defekt der Orientierung zu belastenden sozialen Bedingungen.

Das ist keine Behauptung, jede queere Person sei traumatisiert. Belastungen und Ressourcen variieren, intersektionale Positionen verändern Erfahrungen, und die allgemeinen Ursachen psychischer Störungen bleiben relevant. Der Gewinn liegt darin, erhöhte Gruppenrisiken weder zu leugnen noch als Krankheitsbeweis zu missbrauchen. Eine Population kann stärker leiden, weil sie schlechter behandelt wird.

Praktisch aktuell bleibt die Geschichte, weil Konversionsangebote weiterhin versprechen, Orientierung zu ändern. Belastbare Evidenz für eine sichere, verlässliche Veränderung fehlt; Berichte zeigen Risiken wie Scham, Depression und Suizidalität. Manche Menschen ändern im Lebensverlauf ihre Identitätsbezeichnung oder erleben sexuelle Fluidität. Daraus folgt nicht, dass eine Fachperson eine vorgegebene Richtung herstellen könnte. Affirmative Therapie schreibt umgekehrt ebenfalls keine Identität vor. Sie schafft einen Raum, in dem Klientinnen und Klienten Sicherheit, Beziehungen, Werte und Selbstbezeichnungen erkunden können, ohne dass Heterosexualität als Erfolg feststeht.

Wer definiert eine Störung?

Statistische Seltenheit genügt nicht; Linkshändigkeit ist selten und keine Krankheit. Normverletzung genügt ebenfalls nicht; politischer Widerspruch kann gesund sein. Leid und Funktionsbeeinträchtigung sind wichtige Kriterien, doch auch sie müssen auf ihre Ursache geprüft werden. Eine rassistische Umwelt kann Leiden erzeugen, ohne Hautfarbe zur Diagnose zu machen.

Psychiatrie bewegt sich zwischen biologischen Befunden, subjektiver Erfahrung und sozialen Werten. Vollständig wertfrei kann Klassifikation nicht sein, weil „Funktion“ immer eine Vorstellung gelingenden Lebens enthält. Redlich wird sie durch explizite Kriterien, Evidenz, Betroffenenperspektiven und Menschenrechte. Die Entfernung der Homosexualität zeigt nicht, dass Diagnosen nur Meinungen sind. Sie zeigt, dass Kategorien korrigierbar sein müssen, wenn ihr behaupteter Schaden aus Normen statt aus dem Merkmal selbst stammt.

Für heutige Forschung folgt daraus Handwerkliches. Stichproben müssen außerhalb von Kliniken und Plattformblasen gewonnen werden. Wer misst, sollte unterscheiden, ob er Identität, Verhalten oder Anziehung erfasst; diese Ebenen sind nicht deckungsgleich. Kategorien und Sprache sollten Teilnehmende nicht zu Antworten zwingen, die ihre Erfahrung verfehlen. Datenschutz bleibt besonders wichtig, wo Offenlegung rechtliche oder soziale Gefahr bedeutet. Und internationale Forschung darf Kategorien aus liberaleren Kontexten nicht ungeschützt in Länder übertragen, in denen Daten Personen gefährden.

Vor allem aber braucht Wissenschaft die Kritik der Untersuchten. Betroffene besitzen keine automatische methodische Unfehlbarkeit, wohl aber relevantes Wissen über blinde Flecken, Rekrutierung und Schaden. Hookers Studie wurde besser, weil jemand aus der untersuchten Gruppe die Ausgangsfrage veränderte. Was heute „partizipative Forschung“ heißt, war hier ein Gespräch unter Freunden, Jahrzehnte bevor es dafür ein Verfahren gab.

Was bleibt

Homosexualität verschwand nicht aus dem DSM, weil eine Lobby die Wissenschaft besiegte. Eine unzureichend belegte Krankheitsannahme verlor durch bessere Stichproben, begriffliche Prüfung, ethische Kritik und organisierte Stimmen ihre Legitimität. Politik war dabei nicht neu im Spiel — sie steckte schon in der Aufnahme der Diagnose. Wer heute wissen will, was von Hooker gilt: Ihr Befund war kein geheimer Unterschied im Test, sondern das Ausbleiben des erwarteten Defekts, nachdem sie Menschen dort gesucht hatte, wo sie lebten, statt dort, wo eine Institution sie bereits zu Patienten gemacht hatte. Strittig bleibt der Wert projektiver Verfahren; die Studie überzeugt heute als Kontrastdesign, nicht als Messung.

Im Alltag erkennt man das Muster an einer einzigen Frage: Woher kommen die Menschen, über die hier gesprochen wird? Wer Kriminalität an Häftlingen, Beziehungsfähigkeit an Therapiesuchenden oder das Wesen einer Minderheit an ihren Notfällen studiert, misst die Institution mit, die diese Menschen zusammengeführt hat. Die zweite Frage schließt an: Liegt das Leiden im Merkmal, in Begleiterkrankungen oder in der Reaktion der Umwelt? Die Geschichte des DSM ist kein Freibrief, unbequeme Kategorien per Abstimmung zu streichen. Sie ist eine Prüfregel — und sie gilt auch für die Kategorien, die heute selbstverständlich erscheinen.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Hooker, E. (1957). The adjustment of the male overt homosexual. Journal of Projective Techniques, 21, 18–31.

    Der verblindete Test, der das Fundament wegzog: Erfahrene Beurteilende konnten die Protokolle nicht auseinanderhalten. Was er zeigt und was nicht, führt der Artikel eigens aus.

  2. American Psychiatric Association (1973). Position Statement on Homosexuality and Civil Rights, beschlossen vom Board of Trustees am 14./15. Dezember 1973, vorbereitet von Robert L. Spitzer.

    Das Dokument selbst, aus dem das Zitat stammt — und der Beleg dafür, dass 1973 keine Streichung war, sondern eine ausformulierte Feststellung mit Begründung.

  3. Bayer, R. (1981). Homosexuality and American Psychiatry: The Politics of Diagnosis. Basic Books.

    Die politische Vorgeschichte der Entscheidung — wer sie erzwang, mit welchen Mitteln, und warum sie ein Prozess war und kein Schalter.

  4. Drescher, J. (2015). Out of DSM: Depathologizing homosexuality. Behavioral Sciences, 5(4), 565–575.

    Die Fachgeschichte der Schritte nach 1973 — von der „Sexual Orientation Disturbance“ über die ich-dystone Homosexualität bis zu ihrem endgültigen Verschwinden.

  5. Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations. Psychological Bulletin, 129(5), 674–697.

    Die Erklärung, die an die Stelle der Krankheitslehre trat: Erhöhte Belastung ist Folge der Ablehnung, nicht Eigenschaft der Betroffenen.

  6. American Psychiatric Association Foundation. History of DSM and Homosexuality.

    Die eigene Darstellung der Fachgesellschaft — nützlich, weil sie zeigt, wie eine Institution die eigene Fehlgeschichte führt, wenn sie sie führt.