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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal15. März 20267 Min. Lesezeit

Die achtunddreißig Zeugen hat es nie gegeben

Wie zwei Klassiker der Sozialpsychologie zu Gleichnissen wurden

Nicht die Masse drückt, sondern die Einstimmigkeit: Ein einziger Verbündeter ließ die Konformität von gut einem Drittel auf einstellige Werte fallen.Zeichnung des Archivs

Am 27. März 1964, vierzehn Tage nach dem Mord an Kitty Genovese in New York, stand über einem Bericht der New York Times:

37 Who Saw Murder Didn't Call the Police Apathy at Stabbing of Queens Woman Shocks Inspector

Martin Gansberg, The New York Times, 27. März 1964 [37, die den Mord sahen, riefen die Polizei nicht. Teilnahmslosigkeit bei Messerangriff auf Frau aus Queens erschüttert Inspektor.]

Die Diagnose stand also schon in der Unterzeile, Jahre bevor irgendjemand sie untersucht hatte. Im Fließtext darunter waren es achtunddreißig. Gemerkt hat sich die Nachwelt die höhere Zahl, und sie hat sie so gründlich behalten, dass sie ein halbes Jahrhundert lang jede Einführung in die Sozialpsychologie eröffnete: achtunddreißig Menschen, die eine halbe Stunde lang zusahen und nichts taten.

Diese Zeugen hat es nie gegeben. Und die zweite Gründungsgeschichte des Fachs, Solomon Aschs Linienversuche, wird ähnlich falsch erzählt — nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Dort steht die Zahl in den Akten, aber die Lehrbücher haben sie umgedreht. Beide Fälle zeigen dasselbe: wie das Fach aus brauchbaren Daten Gleichnisse macht — und wie es sie wieder loswird.

Was in Aschs Zahlen wirklich steht

Die Anordnung steht in Akte 011 dieses Archivs: zwei Karten, eine Standardlinie, drei Vergleichslinien, sieben eingeweihte Vorredner, die einstimmig falsch antworten. Im Mittel schlossen sich die Versuchspersonen in gut einem Drittel der kritischen Durchgänge der falschen Mehrheit an. Die Lehrbuchfassung machte daraus: Der Mensch ist ein Herdentier. Aschs eigene Lesart war die Gegenrichtung — ihn erschütterte, dass es überhaupt so weit kam, aber seine Daten zeigten zuerst die Unabhängigkeit: Zwei Drittel der Antworten blieben korrekt, ein Viertel der Teilnehmer beugte sich nie, und ein einziger Verbündeter, der die Wahrheit sagte, ließ die Konformität einbrechen — auf einstellige Prozentwerte. Asch verstand seine Serie als Studie über die Bedingungen der Unabhängigkeit; die Rezeption las sie als Studie über Anpassung, weil die Anpassung die bessere Schlagzeile war.

Auch die Feinstruktur widerspricht der Herdenthese. Asch variierte in weiteren Serien die Größe der Mehrheit, und der Zusammenhang ist nicht der erwartete: Ein einzelner Gegenredner bewirkte fast nichts, zwei schon einiges, drei nahezu das Maximum. Danach änderte weiteres Personal am Tisch wenig. Nicht die Masse drückt, sondern die Einstimmigkeit — und genau deshalb genügt ein einziger Abweichler, um sie zu brechen. In den Nachbefragungen unterschied Asch außerdem, wer aus echtem Zweifel nachgab, wer aus Höflichkeit, und wer die Wahrnehmung selbst angepasst hatte — die seltenste Gruppe. Deutsch und Gerard trennten 1955 die beiden Motive, die seither jede Einführung lehrt: informativer Einfluss, bei dem die Gruppe als Datenquelle dient, und normativer Einfluss, bei dem sie als Preisgericht auftritt.

Es lohnt, die Aufgabe selbst ernster zu nehmen, als die Schlagzeile es tut. Aschs Vergleich war absichtlich trivial; die Linien unterschieden sich deutlich, und Alleinurteiler in der Kontrollbedingung lagen in weniger als einem Prozent der Fälle daneben. Genau das macht den Befund stark: Wer nachgab, gab nicht mangels Information nach, sondern gegen die eigene Evidenz. Zugleich begrenzt es die Reichweite. Über Urteile unter echter Unsicherheit — den Normalfall des Lebens — sagt die Linienaufgabe wenig; dort ist es oft schlicht rational, der Mehrheit Gewicht zu geben. Sherifs ältere Versuche mit dem scheinbar wandernden Lichtpunkt zeigen, wie aus Gruppenurteilen unter Unsicherheit Normen werden, die bleiben, auch wenn die Gruppe längst auseinander ist. Die Konformitätsforschung handelt von beidem, und nur die Vermischung der beiden Fälle ergibt die Karikatur vom Herdentier.

Wie aus den Daten ein Lehrbuchsatz wurde

Dass diese Vermischung kein Zufall war, haben Ronald Friend, Yvonne Rafferty und Dana Bramel 1990 nachgewiesen. Sie lasen die Asch-Darstellungen in Sozialpsychologie-Lehrbüchern über mehrere Jahrzehnte und fanden eine gerichtete Drift: Je jünger das Buch, desto stärker stand die Anpassung im Vordergrund und desto weniger blieb von Aschs eigener Pointe übrig. Aus einer Untersuchung über die Bedingungen des Standhaltens wurde ein Beleg für Gruppendruck — nicht durch neue Daten, sondern durch Abschreiben.

Und die Wiederholungen? Perrin und Spencer fanden 1980 bei englischen Studierenden praktisch nichts: eine einzige konforme Antwort in 396 kritischen Durchgängen. Sie riefen den Asch-Effekt zum „Kind seiner Zeit“ aus. Die Metaanalyse von Bond und Smith über 133 Studien aus 17 Ländern fand ihn dagegen fast überall, mit sinkender Tendenz über die Jahrzehnte und deutlichen Unterschieden zwischen Kulturen. Der Grundbefund steht; seine Größe ist eine Funktion von Ort und Epoche.

PrüfungJahrUmfangWas dabei herauskam
Asch, Kontrollbedingung1956allein urteilendunter einem Prozent Fehler
Asch, Hauptbedingung1956sieben einstimmige Vorrednergut ein Drittel der Antworten falsch
Asch, ein Verbündeter1956eine abweichende StimmeKonformität fällt auf einstellige Werte
Latané & Darley, Rauch1968allein gegen zwei Passivedrei von vier gegen einen von zehn
Perrin & Spencer1980396 kritische Durchgängeeine einzige konforme Antwort
Bond & Smith, Metaanalyse1996133 Studien, 17 Länderfast überall vorhanden, über die Jahrzehnte sinkend
Fischer u. a., Metaanalyse2011gefährlich gegen ungefährlichje klarer die Gefahr, desto kleiner der Effekt
Philpot u. a., Kameraaufnahmen2020219 Aufnahmen, drei Länderin rund neun von zehn Fällen griff jemand ein

Was von den achtunddreißig Zeugen übrig blieb

Die Genovese-Geschichte wurde zum Symbol der kalten Großstadt und zur Gründungsurkunde der Zuschauerforschung. Die spätere Aktenlage, vor allem die Rekonstruktion von Manning, Levine und Collins aus dem Jahr 2007 und die Recherchen zum Prozess, ließ von ihr wenig übrig. Die meisten „Zeugen“ hatten Schreie gehört, aber nichts gesehen. Der zweite, tödliche Angriff geschah im Treppenhaus, außer Sicht. Mindestens ein Nachbar rief nach eigener Aussage die Polizei, und eine Nachbarin, Sophia Farrar, lief hinunter und hielt die Sterbende im Arm. Achtunddreißig teilnahmslose Augenzeugen gab es nicht. Die Times hat ihre Darstellung Jahrzehnte später selbst korrigiert.

Die Ironie ist doppelt, denn die Forschung, die die falsche Geschichte auslöste, ist gute Forschung. Latané und Darley bauten 1968 zwei kontrollierte Situationen. In der einen quoll Rauch in einen Warteraum: Wer allein saß, meldete ihn in drei von vier Fällen; saßen zwei unbeteiligt wirkende Eingeweihte daneben, tat es nur noch jeder Zehnte. In der anderen hörten Versuchspersonen über Gegensprechanlage, wie ein vermeintlicher Mitteilnehmer einen Anfall erlitt: Wer sich für den einzigen Zuhörer hielt, holte fast immer Hilfe; wer vier weitere Zuhörer vermutete, in weniger als einem Drittel der Fälle. Der Effekt trägt zwei Namen — Verantwortungsdiffusion und pluralistische Ignoranz. Der zweite ist der unheimlichere: Jeder liest an den ruhigen Gesichtern der anderen ab, dass wohl nichts los ist, und trägt damit selbst zur Ruhe bei, an der sich die anderen orientieren.

Was die Zuschauerforschung tatsächlich zeigt

Dieser Effekt hat Jahrzehnte der Prüfung überstanden. Nur erklärt er Hilfeverzögerung unter Unklarheit, nicht Kaltherzigkeit — und ausgerechnet in den Lagen, in denen die Legende ihn ansiedelt, ist er am schwächsten. Eine Sammelauswertung von Fischer und Kollegen aus dem Jahr 2011 trennte gefährliche von ungefährlichen Notlagen und fand: Je eindeutiger die Gefahr, desto kleiner der Zuschauereffekt; bei handgreiflicher Bedrohung kann die Anwesenheit anderer das Eingreifen sogar erleichtern, weil man sich Unterstützung von ihnen verspricht. Die Kameraforschung hat das im Feld bestätigt: In 219 Videoaufnahmen echter Auseinandersetzungen aus Innenstädten dreier Länder griff in rund neun von zehn Fällen mindestens eine Person ein. Menschen helfen, gerade bei eindeutiger Gefahr. Was sie zögern lässt, ist Mehrdeutigkeit plus Publikum.

Warum hielt die Genovese-Legende trotzdem fünfzig Jahre? Aus denselben Gründen wie die Stanford-Legende, die dieses Journal an anderer Stelle behandelt. Sie bediente ein Bedürfnis — das Unbehagen an der anonymen Großstadt. Sie hatte eine Zahl, die sich merken ließ. Und sie bekam früh einen festen Platz in Lehrbüchern, deren Kapitel einander abschreiben. Dass die Korrektur zum vierzigsten Jahrestag Fahrt aufnahm und von Sozialpsychologen selbst vorgetragen wurde, gehört zur Ehrenrettung des Fachs; dass Generationen von Studierenden die falsche Zahl gelernt haben, gehört zur Rechnung.

Was bleibt

Gesichert ist wenig von den Gleichnissen und viel von den Daten. Aschs Effekt ist real, aber er misst die Kraft der Einstimmigkeit, nicht die der Menge, und er verschwindet, sobald ein Einziger widerspricht. Der Zuschauereffekt ist real, aber er beschreibt Zögern unter Mehrdeutigkeit, nicht Gleichgültigkeit, und er kehrt sich um, wenn die Lage klar ist. Strittig bleibt, wie weit beide Befunde über das Labor hinausreichen: Die Linienaufgabe hat mit alltäglichen Urteilen wenig gemein, und die Feldbefunde der Kameraforschung stammen aus einem Ausschnitt von Situationen, in denen jemand filmte.

Im Alltag erkennt man beides an einer Handvoll Handgriffe. Wer eine Gruppe zu einer Entscheidung führt, sollte die Einstimmigkeit absichtlich brechen — eine Person, die zuerst widerspricht, ändert die Lage mehr als zehn, die später zustimmen. Und wer Hilfe braucht, spricht eine einzelne Person an und benennt die Lage: „Sie im blauen Mantel, rufen Sie den Notruf.“ Der Satz steht heute in Erste-Hilfe-Kursen und stammt in gerader Linie aus Latanés und Darleys Warteräumen, weil eine adressierte Person kein Publikum mehr ist, sondern eine Zuständige. Dass beide Forschungszweige ihre eigenen Gründungslegenden zerlegt haben — die eine mit Prozessakten, die andere mit Metaanalysen —, ist kein Betriebsunfall, sondern der Normalbetrieb, den dieses Archiv dokumentiert: Erzählungen altern, Akten entscheiden.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Gansberg, M. (27. März 1964). 37 Who Saw Murder Didn't Call the Police. The New York Times.

    Das Dokument, um das der halbe Artikel kreist — und aus dem das Zitat stammt. Schon die Unterzeile stellt die Diagnose, für die es damals keine Untersuchung gab.

  2. Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: I. A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs, 70(9), 1–70.

    Die Monographie selbst. Ihr Titel nennt die Unabhängigkeit zuerst — die Lesart, die dem Fach abhandenkam. Hier stehen auch die Nachbefragungen und die Serien zur Größe der Mehrheit.

  3. Deutsch, M., & Gerard, H. B. (1955). A study of normative and informational social influences upon individual judgment. Journal of Abnormal and Social Psychology, 51, 629–636.

    Die Trennung der beiden Motive, die seither jede Einführung lehrt: die Gruppe als Datenquelle und die Gruppe als Preisgericht.

  4. Friend, R., Rafferty, Y., & Bramel, D. (1990). A puzzling misinterpretation of the Asch „conformity“ study. European Journal of Social Psychology, 20(1), 29–44.

    Der Nachweis, dass die Umdeutung keine Nachlässigkeit einzelner war, sondern eine gerichtete Drift durch die Lehrbücher — entstanden durch Abschreiben, nicht durch neue Daten.

  5. Perrin, S., & Spencer, C. (1980). The Asch effect — a child of its time? Bulletin of the British Psychological Society, 33, 405–406.

    Die Wiederholung, die fast nichts fand: eine einzige konforme Antwort in 396 kritischen Durchgängen. Der Gegenpol zur Metaanalyse.

  6. Bond, R., & Smith, P. B. (1996). Culture and conformity: A meta-analysis of studies using Asch's line judgment task. Psychological Bulletin, 119, 111–137.

    133 Studien aus 17 Ländern: Der Grundbefund steht fast überall — seine Größe hängt an Ort und Epoche. Damit ist der Streit zwischen Asch und Perrin entschieden, ohne dass eine Seite recht behält.

  7. Latané, B., & Darley, J. M. (1968). Group inhibition of bystander intervention in emergencies. Journal of Personality and Social Psychology, 10(3), 215–221.

    Der Rauch im Warteraum — drei von vier gegen einen von zehn. Die Anordnung, die aus einer Zeitungsgeschichte ein Forschungsprogramm machte.

  8. Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4), 377–383.

    Der Anfall über die Gegensprechanlage, und die Benennung des ersten der beiden Mechanismen.

  9. Latané, B., & Darley, J. M. (1970). The Unresponsive Bystander: Why Doesn't He Help? Appleton-Century-Crofts.

    Die Zusammenfassung des Programms — hier steht die pluralistische Ignoranz ausgearbeitet, der unheimlichere der beiden Mechanismen.

  10. Manning, R., Levine, M., & Collins, A. (2007). The Kitty Genovese murder and the social psychology of helping: The parable of the 38 witnesses. American Psychologist, 62, 555–562.

    Die Rekonstruktion aus den Akten, die von den achtunddreißig Zeugen nichts übrig ließ. Der Untertitel sagt schon, worum es geht: um ein Gleichnis.

  11. Fischer, P., Krueger, J. I., Greitemeyer, T., u. a. (2011). The bystander-effect: A meta-analytic review on bystander intervention in dangerous and non-dangerous emergencies. Psychological Bulletin, 137(4), 517–537.

    Trennt gefährliche von ungefährlichen Notlagen — und dreht damit die Legende um: Gerade dort, wo sie den Effekt ansiedelt, ist er am schwächsten.

  12. Philpot, R., Liebst, L. S., Levine, M., Bernasco, W., & Lindegaard, M. R. (2020). Would I be helped? Cross-national CCTV footage shows that intervention is the norm in public conflicts. American Psychologist, 75, 66–75.

    Der Feldbefund aus 219 Videoaufnahmen: In rund neun von zehn Fällen griff jemand ein. Die Einschränkung steht im Artikel — es sind Situationen, in denen eine Kamera lief.