Zum Inhalt springen
AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Standbild aus Watsons Film von 1920: Watson mit Maske, das Kind weicht zurück

Das Journal10. August 20267 Min. Lesezeit

Zwei Kandidaten, ein Tag Abstand, keine Gewissheit

Die Suche nach dem Kind, an dem Watson die Angst vorführte

Public domain · Wikimedia Commons

Der berühmteste Säugling der Psychologie hat keinen Nachnamen. Der Bericht von 1920 nennt ihn Albert B., neun Monate alt bei der ersten Prüfung, Sohn einer Amme am Johns-Hopkins-Krankenhaus. Dann zog die Mutter fort, und das Fach verlor das Kind aus den Augen. Ein Jahrhundert später gibt es zwei Kandidaten für seine Identität. Sie wurden am 9. und am 10. März 1919 geboren, einen Tag auseinander, im selben Haus, von zwei Frauen, die dort dieselbe Arbeit taten. Genau deshalb hilft das Alter bei der Entscheidung nicht weiter.

Was 1920 im Protokoll steht

John B. Watson und Rosalie Rayner zeigten dem Kind, inzwischen elf Monate alt, eine weiße Ratte und schlugen hinter seinem Rücken auf eine Stahlstange, bis es beim bloßen Anblick der Ratte weinte. Danach fürchtete es auch Kaninchen, Hund, Pelzmantel und die Watte — und, in der Prüfung, die das Standbild über diesem Text zeigt, die Weihnachtsmannmaske. Die Generalisierung war allerdings nicht vollständig: Sie erfasste nicht alles Behaarte, was den Autoren selbst auffiel. Schon das Kernergebnis war also unschärfer, als die spätere Erzählung es machte.

Eine Entwöhnung der Furcht fand nie statt. Der Bericht sagt es in einem einzigen Nebensatz, an dem alles hängt:

Unfortunately Albert was taken from the hospital the day the above tests were made

John B. Watson & Rosalie Rayner, Conditioned Emotional Reactions (1920) [Bedauerlicherweise wurde Albert an dem Tag aus dem Krankenhaus geholt, an dem die obigen Prüfungen stattfanden.]

Das Kind wurde fortgebracht, bevor irgendetwas zurückgenommen war. In Lehrbüchern steht es trotzdem oft anders, und das ist keine Nachlässigkeit Einzelner, sondern ein dokumentierter Vorgang. Ben Harris trug 1979 zusammen, wie der Fall über die Jahrzehnte in den Einführungswerken umgeschrieben wurde — die Tiere wechselten, die Symptome wuchsen, und eine Löschung der Furcht wurde hinzuerfunden, die es nie gegeben hatte. Der Klassiker war schon als Text ein Palimpsest, bevor jemand nach dem Kind zu suchen begann.

Vier untereinander stehende Kästen: erste Prüfung mit neun Monaten, die Konditionierung mit elf Monaten, die Generalisierung auf weitere Reize, zuletzt das Ausbleiben der Entwöhnung
Abb. 1 — Der Ablauf, wie er im Bericht von 1920 steht: weiße Ratte und Schlag auf eine Stahlstange, dann Kaninchen, Hund, Pelzmantel, Watte und Maske — aber nicht alles Behaarte, und keine Rücknahme. Wem das geschah, ist bis heute nicht geklärt. Zeichnung des Archivs

Der erste Kandidat: Douglas Merritte

2009 präsentierte der Psychologe Hall Beck nach jahrelanger Archivarbeit einen Namen. Aus Gehaltslisten des Krankenhauses, Volkszählungsdaten und Geburtsregistern ergab sich eine Amme, die zur fraglichen Zeit dort lebte: Arvilla Merritte, Mutter eines Sohnes namens Douglas, geboren am 9. März 1919. Ein Fotoabgleich mit den Filmbildern schien die Ähnlichkeit zu stützen.

Die Geschichte wurde dunkler, als Krankenakten auftauchten. Douglas Merritte starb 1925, sechs Jahre alt, an einem Hydrozephalus. 2012 folgte die Zuspitzung: Alan Fridlund und Beck selbst lasen die Unterlagen so, dass die Erkrankung schon von Geburt an bestand. Dann wäre das Versuchskind bereits 1920 neurologisch krank gewesen, und Watson hätte ein beeinträchtigtes Kind als „gesund und stumpf“ ausgegeben. Aus der ethisch fragwürdigen Studie wäre eine wissenschaftlich wertlose und zusätzlich verlogene geworden. Ob die Erkrankung angeboren oder erst später erworben war, ist bis heute strittig — Beck selbst hatte 2009 noch von einem erworbenen Hydrozephalus gesprochen. Nancy Digdon, Russ Powell und Ben Harris haben die Aktenlage 2014 gegen die Angeborenheitsthese durchgearbeitet; entschieden ist die Frage damit nicht.

Der zweite Kandidat: Albert Barger

Ebenfalls 2014 legten Powell und Kollegen einen zweiten Kandidaten vor, und die Indizienkette war unbequem gut. Im selben Zeitraum lebte am selben Krankenhaus eine zweite Amme — und ihr Sohn hieß tatsächlich Albert: William Albert Barger, in den Unterlagen mit dem Zweitnamen geführt, geboren am 10. März 1919.

Über das Alter lassen sich die beiden Kandidaten nicht trennen. Beide Daten passen auf den Tag genau zu den Altersangaben des Berichts, weil ein Tag Unterschied in einer Angabe wie „elf Monate“ verschwindet. Was für Barger spricht, ist anderes: der Vorname sowie Gewicht und Entwicklungseinträge, die zu dem kräftigen, phlegmatischen Kind der Filmaufnahmen passen. Barger starb 2007 im Alter von 87 Jahren, ohne je zu erfahren, wer er für die Lehrbücher gewesen sein könnte. Seine Nichte berichtete den Forschern eine Familienbeobachtung, die niemand überinterpretieren sollte und niemand vergisst: Der Onkel habe zeitlebens eine Abneigung gegen Tiere gehabt, Hunde eingeschlossen.

Die Fachdebatte, die folgte, war scharf und produktiv. Die Merritte-These stützt sich auf Rekonstruktion und Bildvergleich; die Barger-These auf Namen, Register und Entwicklungsakten. Gutachten zur Foto-Identifikation stellten klar, was Gesichtsvergleiche an Säuglingsfilmen in schlechter Auflösung leisten können: wenig — der biometrische Vergleich gilt als bestenfalls unschlüssig. Entschieden ist der Streit nicht. Die Barger-Seite hält die Merritte-These für erledigt; die Merritte-Seite hat nachgelegt und ihre These ausdrücklich für lebendig erklärt. Dieses Archiv führt beide Kandidaten und keinen als bestätigt. Die Ironie ist vollkommen: Ausgerechnet die Suche nach dem Kind der berühmtesten Studie zur klassischen Konditionierung wurde ein Fall über Bestätigungsfehler bei den Suchenden.

Warum die eine Spur die bessere Presse hatte

Wer die beiden Dossiers nebeneinanderlegt, sieht schnell, warum die Merritte-Spur durch die Zeitungen ging und die Barger-Spur kaum. Die Merritte-These bietet eine Tragödie mit Täter: das kranke Kind, der Forscher, der es verschwieg, der frühe Tod. Die Barger-These bietet Verwaltungsprosa: ein passender Name, ein passender Aktenbefund, ein langes, unauffälliges Leben. Journalistisch ist das ein ungleicher Kampf, beweislogisch ein sehr gleicher — und beweislogisch ist er offen. Wissenschaftsgeschichten mit perfekter Dramaturgie verdienen dieselbe Skepsis wie Studien mit perfekten Ergebnissen; es sind zwei Erscheinungsformen desselben Verdachts.

Was von der Studie selbst bleibt

Von der wissenschaftlichen Substanz der Originalstudie bleibt wenig, und das Archiv sagt es in der Watson-Akte deutlich: ein Kind, keine Kontrollbedingung, die Furcht nicht gemessen, sondern beschrieben. Auch die Theorie dahinter hat sich als Teilstück erwiesen. Stanley Rachman fasste 1977 zusammen, woran die reine Konditionierungserklärung der Angst scheitert. Viele Phobien entstehen ohne auslösendes Erlebnis. Die meisten schlimmen Erlebnisse erzeugen keine Phobie. Und Furcht lässt sich auch durch Beobachtung anderer und durch bloße Mitteilung erwerben — drei Wege statt einem.

Was blieb, ist die Umkehrung. Mary Cover Jones zeigte schon 1924 am kleinen Peter, dass sich Furcht durch schrittweise Annäherung wieder abbauen lässt — die Ur-Szene der Expositionstherapie, die bis heute Standard ist. Der therapeutische Ertrag kam aus der Gegenrichtung der Studie, nicht aus ihr.

Und die Ethik? Little Albert ist der Präzedenzfall, an dem Einführungsvorlesungen erklären, wozu es Ethikkommissionen gibt: ein Säugling, dem absichtlich eine Furcht angelernt wurde, ohne dokumentierte Aufklärung, ohne Rücknahme, ohne Nachsorge. Es lohnt, die Jahreszahlen nebeneinanderzulegen. 1920 erscheint die Studie im Fachblatt, ohne dass jemand widerspricht. 1964 eröffnet Diana Baumrind an Milgram die Ethikdebatte des Fachs. Heute würde kein Gremium der Welt die Anordnung genehmigen; die Studie ist damit prinzipiell unwiederholbar. Sie ist ein Klassiker, der methodisch schwach ist und ethisch unhaltbar — und historisch unersetzlich, weil an ihm sichtbar wird, was sich geändert hat.

Eine stille Nebenlehre betrifft die Filme. Dass die Fahndung überhaupt möglich war, liegt daran, dass Watson die Sitzungen filmen ließ — vermutlich weniger als Dokumentation denn als Werbematerial, mit dem er Geld für ein Kinderlabor einwerben wollte. Die Aufnahmen, die die Studie berühmt machten, wurden zu dem Material, an dem ihre Angaben geprüft, ihre Kandidaten verglichen und ihre Lehrbuchlegenden widerlegt wurden. Was ein Forscher zur Schau stellt, kann hundert Jahre später gegen ihn aussagen.

Was bleibt

Wer war Little Albert? Die ehrliche Antwort lautet: Das ist nicht geklärt. Zwei Kandidaten stehen im Raum, ihre Geburtsdaten liegen einen Tag auseinander, und keiner der beiden lässt sich über das Alter ausschließen. Für Barger sprechen der Vorname und die Entwicklungsakten, für Merritte die Rekonstruktion und der Bildvergleich, und der Bildvergleich taugt bei diesem Filmmaterial wenig. Wer eine der beiden Antworten als gesichert weitergibt, wiederholt genau den Fehler, den die Fahndung aufgedeckt hat.

Im Alltag erkennt man diesen Fehler an einem Zeichen: Die Geschichte schließt zu gut. Ein Indizienbündel, das eine runde Erzählung ergibt, fühlt sich stärker an als eines, das nur eine Liste ergibt — obwohl beweislogisch das Gegenteil gilt. Die bessere Nachricht des Falls ist, dass der Streit im Fach selbst ausgetragen wird, mit Aktenzeichen und Registerauszügen statt mit Anekdoten. Die Akten behalten das letzte Wort — auch dann, wenn sie es noch nicht gesprochen haben. So sollte es in einem Archiv sein.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Watson, J. B., & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3(1), 1–14.

    Der Bericht selbst. Aus ihm stammen beide Zitate: der Satz über das Fortbringen des Kindes und die Spottpassage über die Freudianer — beide im Original nachgelesen.

  2. Harris, B. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2), 151–160.

    Der Nachweis, dass der Fall schon als Text umgeschrieben wurde, lange bevor jemand nach dem Kind suchte: wechselnde Tiere, wachsende Symptome, eine hinzuerfundene Löschung.

  3. Beck, H. P., Levinson, S., & Irons, G. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson's infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605–614.

    Der erste Kandidat, Douglas Merritte, aus Gehaltslisten, Volkszählungsdaten und Geburtsregistern rekonstruiert.

  4. Fridlund, A. J., Beck, H. P., Goldie, W. D., & Irons, G. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302–327.

    Die Zuspitzung, die den Fall in die Zeitungen brachte: Wäre die Erkrankung angeboren gewesen, hätte Watson ein krankes Kind als gesund ausgegeben.

  5. Powell, R. A., Digdon, N., Harris, B., & Smithson, C. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert: Albert Barger as „psychology's lost boy“. American Psychologist, 69(6), 600–611.

    Der zweite Kandidat — und die unbequem gute Indizienkette: derselbe Ort, dieselbe Zeit, dieselbe Arbeit der Mutter, und diesmal der passende Vorname.

  6. Digdon, N., Powell, R. A., & Harris, B. (2014). Little Albert's alleged neurological impairment: Watson, Rayner, and historical revision. History of Psychology, 17(4), 312–324.

    Die Gegenprüfung der Angeborenheitsthese an derselben Aktenlage. Sie entscheidet die Frage nicht — aber sie zeigt, dass sie nicht entschieden ist.

  7. Cover Jones, M. (1924). A laboratory study of fear: The case of Peter. Pedagogical Seminary, 31, 308–315.

    Die Gegenrichtung, vier Jahre später: Furcht lässt sich schrittweise wieder abbauen. Der therapeutische Ertrag des Falls kommt von hier, nicht von Watson.

  8. Rachman, S. (1977). The conditioning theory of fear acquisition: A critical examination. Behaviour Research and Therapy, 15(5), 375–387.

    Zeigt, woran die reine Konditionierungserklärung scheitert — und benennt die drei Wege, auf denen Furcht tatsächlich erworben wird.