Zum Inhalt springen
AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Die Diagnose, die man aus der Ferne nicht stellen darf

Grandios, verletzlich — und warum die Goldwater-Regel existiert

Dieselbe Vokabel, zwei Verfahren. Die klinische Beurteilung braucht Gespräch, Verlauf und Differenzialdiagnostik und setzt das Etikett ans Ende; das Alltagsurteil setzt es an den Anfang — und danach kann keine Beobachtung es mehr widerlegen.Zeichnung des Archivs

Im Wahljahr 1964 druckte das amerikanische Magazin Fact eine Umfrage unter Psychiatern über Barry Goldwater, den republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft. Die Ausgabe trug den Titel „The Unconscious of a Conservative“. Keiner der Befragten hatte Goldwater je untersucht. Etliche erklärten ihn dennoch für ungeeignet und lieferten die Begründung im Vokabular ihres Fachs gleich mit.

Goldwater klagte gegen den Herausgeber Ralph Ginzburg wegen übler Nachrede und gewann: 1969 sprach ihm ein Gericht 75 000 Dollar zu. Vier Jahre später schrieb die American Psychiatric Association die Lehre daraus in ihren Ethikkodex, in die Principles of Medical Ethics With Annotations Especially Applicable to Psychiatry, Abschnitt 7.3. Seither heißt sie nach dem Mann, um den gestritten wurde: die Goldwater-Regel.

Was die Goldwater-Regel verlangt

Der Wortlaut ist kurz:

it is unethical for a psychiatrist to offer a professional opinion unless he or she has conducted an examination and has been granted proper authorization for such a statement

American Psychiatric Association, Principles of Medical Ethics, Abschnitt 7.3 (1973) [Es ist unethisch, dass ein Psychiater eine fachliche Meinung äußert, sofern er oder sie nicht eine Untersuchung durchgeführt hat und für eine solche Äußerung ordnungsgemäß ermächtigt wurde.] Zwei Bedingungen, und beide müssen erfüllt sein: eigene Untersuchung und Einwilligung. Die Regel verbietet nicht, öffentlich über psychische Störungen zu sprechen; sie verbietet, sie einer bestimmten, nicht untersuchten Person zuzuschreiben.

Die American Psychological Association — die Vereinigung der Psychologinnen und Psychologen, nicht die der Psychiater — führt keine gleichlautende Vorschrift. Aus ihren Ethikbestimmungen wird jedoch dasselbe abgeleitet: keine Diagnose einer lebenden Person des öffentlichen Lebens in den Medien, die man nicht untersucht hat.

Ein halbes Jahrhundert später kam die Regel unter Druck, und zwar von innen. 2017 bekräftigte die American Psychiatric Association sie ausdrücklich, nachdem Fachleute begonnen hatten, sich öffentlich über einen amtierenden Präsidenten zu äußern. Die Gegenposition berief sich auf eine Pflicht zu warnen: Wenn eine Person Macht über Leben und Tod habe, wiege das Schweigen schwerer als der Verstoß. Die Fachgesellschaft hielt dagegen, dass genau diese Abwägung die Regel aushöhlt, weil sie den Ausnahmefall von der Dringlichkeit abhängig macht — und Dringlichkeit ist keine Untersuchung. Der Streit ist nicht beigelegt. Er zeigt aber, worum es der Regel eigentlich geht: Sie schützt nicht die Mächtigen vor der Fachwelt, sondern das Fach vor der Versuchung, seine Autorität dort einzusetzen, wo es keine Daten hat.

Die Regel bindet Berufsangehörige, nicht das Publikum. Wer keiner Fachgesellschaft angehört, verletzt keine Ethikrichtlinie, wenn er einen Prominenten oder den eigenen Ex-Partner für narzisstisch erklärt. Der methodische Einwand bleibt trotzdem bestehen, denn er hängt nicht am Berufsstand, sondern an der Datenlage: Von außen beobachtbar ist Verhalten, nicht seine eindeutige Ursache. Jemand kann Kritik aus Anspruch abwehren, aus Angst, aus Depression, aus Trauma, aus Machtinteresse oder aus gewöhnlicher Unreife. Eine Ferndiagnose erklärt zu viel und prüft zu wenig.

Zwei Narzissmen, die kaum gleich aussehen

Der Begriff ist auch innerhalb der Forschung keine Einheit. Sie trennt mindestens grandiose und vulnerable Formen. Grandioser Narzissmus betont Status, Dominanz, Anspruch und sichtbare Selbstüberhöhung. Vulnerabler Narzissmus verbindet Selbstzentrierung mit Misstrauen, Schamempfindlichkeit und Rückzug. Beide teilen antagonistische Tendenzen, sehen im Alltag aber sehr verschieden aus — was erklärt, warum zwei Menschen dasselbe Etikett tragen können und einander nicht wiedererkennen würden.

Die Forschung hat für dieses Verhältnis ein Modell, das sogenannte Trifurkationsmodell. Es zerlegt den Begriff in drei Bestandteile: einen geteilten Kern und zwei Zusätze. Der Kern ist zwischenmenschlicher Antagonismus, in der Sprache der Fünf Faktoren niedrige Verträglichkeit. Er steckt in beiden Formen und ist der Grund, warum sie überhaupt denselben Namen tragen. Was hinzukommt, unterscheidet sie: bei der grandiosen Form ein durchsetzungsbetonter, extravertierter Anteil, bei der vulnerablen ein emotional labiler, nach innen gewandter. Der gemeinsame Nenner ist also nicht Selbstliebe, sondern die Art, mit anderen umzugehen.

Dass das populäre Bild trotzdem fast nur die grandiose Form kennt, hat auch einen messtechnischen Grund. Das meistverwendete Instrument erfasst vor allem sie; die vulnerable Form bildet es kaum ab. Ein Feld, das jahrzehntelang überwiegend mit diesem einen Fragebogen gearbeitet hat, produziert deshalb zwangsläufig eine Literatur, in der Narzissmus laut, sichtbar und selbstbewusst aussieht. Die stille Hälfte des Begriffs kommt in der öffentlichen Vorstellung praktisch nicht vor — nicht weil sie selten wäre, sondern weil sie seltener gemessen wurde.

Das populäre Bild kennt fast nur die erste Variante. Wer selbstbezogen, untreu, kontrollierend oder gefühllos handelt, erhält rückwirkend eine Diagnose. Das kann Betroffenen eine Sprache geben; es kann aber auch sehr unterschiedliche Probleme unter einem scheinbar tiefen Etikett verschwinden lassen.

Was der Fragebogenwert misst und was nicht

Das meistverwendete Instrument der Narzissmusforschung ist ausdrücklich kein diagnostisches. Robert Raskin und Calvin Hall stellten 1979 das Narcissistic Personality Inventory vor, kurz NPI; sie hatten es aus den Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung im DSM-III abgeleitet. Die Urfassung hatte 54 Aufgaben. Raskin und Howard Terry legten 1988 die 40 Aufgaben umfassende Standardfassung samt Komponentenanalyse vor und beschrieben sieben Facetten, darunter Autorität, Überlegenheit, Anspruchsdenken und Ausbeutungsbereitschaft.

Das Format erklärt viel. Das NPI arbeitet mit Zwangswahl: Zu jedem Punkt stehen zwei Aussagen, und man wählt die, die eher zutrifft. Das Ergebnis ist eine Position auf einer Verteilung — die Operationalisierung eines normalen Persönlichkeitsmerkmals in einer nicht-klinischen Bevölkerung. Es gibt keine Schwelle, ab der ein Wert in eine Störung umschlägt, weil das Verfahren gar nicht dafür gebaut wurde. Wer im NPI hoch liegt, hat eine Reihe von Aussagen gewählt; er hat keine Diagnose.

Dieser Unterschied wird regelmäßig eingeebnet, meist in genau eine Richtung. Eine Zahl aus einem Selbstbeschreibungsbogen wandert in einen Zeitungsartikel und kommt dort als klinischer Befund an. Ein Fragebogen kann sagen, wie sich jemand im Vergleich zu anderen selbst beschreibt. Ob ein Muster anhaltend, unflexibel und beeinträchtigend ist, kann er nicht sagen.

Klinische BeurteilungUrteil aus der Ferne
GrundlageGespräch mit der PersonAuftritte, Berichte, Aufnahmen
Verlaufüber Zeit erhobenein Ausschnitt
AbgrenzungDifferenzialdiagnostik gegen andere Ursachenkeine
Einwilligungerforderlichnicht vorhanden
Stellung des Etikettsam Ende, als Ergebnisam Anfang, als Prämisse
Widerlegbarja, durch weitere Befundenein — jede Beobachtung bestätigt

Merkmal, Zustand, Störung

Narzisstische Gedanken und Verhaltensweisen können als Merkmale auf einem Kontinuum vorkommen und situativ schwanken. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dagegen eine klinische Beurteilung. Das Muster ist anhaltend, unflexibel, tritt in mehreren Lebensbereichen auf und führt zu erheblicher Beeinträchtigung oder Leid. Diagnose braucht Gespräch, Verlauf und Differenzialdiagnostik — drei Dinge, die eine Ferndiagnose sämtlich nicht hat.

Das heißt nicht, schädliches Verhalten zu relativieren. Grenzen brauchen keine Diagnose. Wiederholte Abwertung, Kontrolle, Drohung oder Ausbeutung sind Gründe zu handeln, unabhängig davon, welches Etikett passt. Die präzisere Sprache stärkt sogar die Entscheidung: „Diese Person überschreitet meine Grenzen“ ist beobachtbar; „sie hat NPS“ kann zur endlosen Beweisdebatte werden.

Beziehungsmuster genauer beobachten

Ergiebiger als Etiketten sind Verlauf und Funktion. Wie reagiert jemand auf sachliche Kritik: mit Nachfragen, Rückzug, Gegenangriff oder Abwertung? Wird Bewunderung gesucht, um Unsicherheit zu regulieren, oder werden andere systematisch klein gemacht? Kann die Person nach einer Kränkung wieder Perspektive übernehmen und Schaden reparieren?

Solche Fragen unterscheiden vorübergehende Selbstbezogenheit von starren Mustern. Sie schützen zugleich vor dem Bestätigungsfehler: Wer bereits „Narzissmus“ erwartet, liest Charme als Manipulation und Verletzlichkeit als Taktik. Eine faire Analyse hält immer fest, welche Beobachtung die eigene Vermutung widerlegen würde.

Was bleibt

Die Goldwater-Regel ist keine Sprachpolizei, sondern eine Aussage über Datenqualität. Sie hält fest, dass zwischen einem Auftritt und einem Befund ein Verfahren liegt, das sich nicht überspringen lässt: Untersuchung, Verlauf, Einwilligung. Dass sie nur Berufsangehörige bindet, macht sie für alle anderen nicht falsch — nur unverbindlich. Der Unterschied zwischen dem Urteil eines Fachmanns und dem Urteil eines Zuschauers ist nicht die Wortwahl, sondern der Zugang zur Person.

Im Alltag erkennt man den Fehler an einem einfachen Zeichen: Das Etikett steht am Anfang und erklärt anschließend alles. Freundlichkeit wird zur Fassade, Reue zur Masche, Rückzug zur Bestrafung — jede Beobachtung bestätigt die Vermutung, keine kann sie widerlegen. Wer den Begriff dagegen ans Ende stellt, muss vorher sagen, welches Muster stabil ist, wer es berichtet, in welchen Situationen es auftritt und was es verändern würde. Narzissmusforschung hilft, Dynamiken von Status, Rivalität, Bewunderung und Kränkung zu verstehen. Sie sollte Menschen nicht in gute Empathen und böse Narzisst:innen teilen. Auch diagnostizierte Personen sind heterogen und nicht auf ein Meme reduzierbar; Behandlung ist möglich, wenn auch oft anspruchsvoll.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. American Psychiatric Association. The Principles of Medical Ethics With Annotations Especially Applicable to Psychiatry, Abschnitt 7.3 (erstmals 1973).

    Die Regel selbst, und die Fundstelle des Zitats. Zwei Bedingungen stehen darin, und beide müssen erfüllt sein — eigene Untersuchung und Ermächtigung.

  2. Martin-Joy, J. (2020). Diagnosing from a Distance: Debates over Libel Law, Media, and Psychiatric Ethics from Barry Goldwater to Donald Trump. Cambridge University Press.

    Die Geschichte des Falls von der Umfrage über den Prozess bis zur Berufsregel — und ihre Wiederkehr ein halbes Jahrhundert später.

  3. Raskin, R., & Hall, C. S. (1979). A narcissistic personality inventory. Psychological Reports, 45(2), 590.

    Die Urfassung des meistverwendeten Instruments — aus den DSM-III-Kriterien abgeleitet und trotzdem nie als diagnostisches Verfahren gebaut.

  4. Raskin, R., & Terry, H. (1988). A principal-components analysis of the Narcissistic Personality Inventory and further evidence of its construct validity. Journal of Personality and Social Psychology, 54(5), 890–902.

    Die Standardfassung mit 40 Aufgaben und den sieben Facetten. Wer NPI-Werte zitiert, zitiert dieses Verfahren — und dessen Zwangswahlformat.

  5. Miller, J. D., Lynam, D. R., Hyatt, C. S., & Campbell, W. K. (2017). Controversies in narcissism. Annual Review of Clinical Psychology, 13, 291–315.

    Die Trennung von grandioser und vulnerabler Form, und warum zwei Menschen dasselbe Etikett tragen können, ohne einander wiederzuerkennen.

  6. Miller, J. D., Back, M. D., Lynam, D. R., & Wright, A. G. C. (2021). Narcissism today: What we know and what we need to learn. Current Directions in Psychological Science, 30, 519–525.

    Das Trifurkationsmodell: ein geteilter Kern aus Antagonismus und zwei verschiedene Zusätze. Der gemeinsame Nenner ist nicht Selbstliebe.

  7. American Psychiatric Association (2022). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Aufl., Textrevision.

    Der Maßstab, an dem sich die klinische Beurteilung ausrichtet — anhaltend, unflexibel, in mehreren Lebensbereichen, mit Leid oder Beeinträchtigung.

  8. Weinberg, I., & Ronningstam, E. (2020). Dos and don'ts in treatments of patients with narcissistic personality disorder. Journal of Personality Disorders, 34(Suppl.), 122–142.

    Der Beleg für den letzten Satz des Artikels: Behandlung ist möglich, wenn auch anspruchsvoll. Ohne ihn bliebe das Etikett ein Urteil ohne Ausgang.