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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Kalt, kriminell, unheilbar?

Die PCL-R, ihre Gutachter und die Frage der Behandelbarkeit

Die Schwelle 30 ist eine Konvention, keine Naturgrenze: 15,7 Prozent von 5.408 Gefangenen erreichen sie, etwa 1,2 Prozent der Allgemeinbevölkerung — und derselbe Wert verschiebt sich mit der Prozessseite, die den Gutachter bezahlt.Zeichnung des Archivs

Daniel Murrie und Kollegen bezahlten 108 forensische Psychologinnen, Psychologen und Psychiater dafür, dieselben Fallakten von Straftätern zu bewerten. Einem Teil sagten sie, sie berieten die Verteidigung; einem anderen Teil, sie berieten die Anklage. Die Akten waren identisch, die Instrumente waren etabliert und gut erforscht, die Fachleute waren geschult.

Bewertet wurde mit zwei gebräuchlichen, gut untersuchten Risikoinstrumenten. Die Werte gingen auseinander. Wer die Anklage zu beraten glaubte, vergab systematisch höhere Risikowerte, wer die Verteidigung zu beraten glaubte, niedrigere — mit Effektstärken bis d = 0,85. Das ist der Boden, auf dem auch die Psychopathy Checklist–Revised steht, das bekannteste dieser Verfahren, die im angelsächsischen Rechtsraum über Unterbringung, Behandlung und Entlassung mitentscheiden.

Was die Checkliste misst

Der Begriff stammt aus der Klinik, nicht aus dem Kino. Hervey Cleckley beschrieb 1941 in The Mask of Sanity Patienten, deren äußere Unauffälligkeit er als Maske las: gesellig, sprachgewandt, ohne erkennbare Störung des Denkens und zugleich ohne Bindung an das, was sie sagten. Robert Hare machte daraus Jahrzehnte später ein Verfahren. Die Psychopathy Checklist–Revised wird von geschulten Fachleuten anhand eines Interviews und der Akten bewertet: 20 Merkmale, je null bis zwei Punkte, üblicher Schwellenwert 30. Sie ist kein Online-Test und kein Gerät, das ein verborgenes Wesen entdeckt.

Hare und Craig Neumann fassten die Struktur des Instruments in vier korrelierte Faktoren: das Zwischenmenschliche (Charme, Grandiosität, Manipulation), das Affektive (fehlende Reue, flache Gefühle, keine Verantwortungsübernahme), den Lebensstil (Impulsivität, Reizhunger, Verantwortungslosigkeit) und das Antisoziale (frühe Auffälligkeit, Regelverstöße, vielfältige Delinquenz). Und sie halten fest, was in der öffentlichen Rede regelmäßig verlorengeht:

psychopathy and its factors are dimensional

Robert D. Hare & Craig S. Neumann, Structural Models of Psychopathy (2005) [Psychopathie und ihre Faktoren sind dimensional.]

Psychopathie ist also kein Zustand, den man hat oder nicht hat. Es gibt keinen Sprung zwischen denen, die es sind, und denen, die es nicht sind — die Schwelle 30 ist eine Konvention, keine Naturgrenze.

Wie selten hohe Werte sind, hängt entsprechend an der Messung. Im Handbuch von 2003 erreichten 15,7 Prozent von 5.408 männlichen Gefangenen in US-Anstalten den Wert 30 oder mehr. Für die Allgemeinbevölkerung kommt eine Metaanalyse von Sanz-García und Kollegen auf etwa 1,2 Prozent, wenn die Checkliste zugrunde liegt, und auf höhere Werte bei Selbstauskunftsverfahren — die Zahl beschreibt also auch das Instrument, nicht nur die Menschen.

Drei Verwechslungen

Psychopathie ist erstens keine Psychose. Die meisten so beschriebenen Menschen haben keinen Realitätsverlust. Zweitens ist sie nicht identisch mit der antisozialen Persönlichkeitsstörung, deren Diagnose stärker auf beobachtbares Regelbrechen fokussiert. Die Überlappung ist einseitig: Je nach Studie erfüllen 50 bis 80 Prozent der Gefangenen die Kriterien der antisozialen Persönlichkeitsstörung, aber nur etwa 15 Prozent gelten nach der Checkliste als psychopathisch. Die meisten antisozialen Menschen sind keine Psychopathen.

Drittens bedeutet ein hoher Wert nicht zwangsläufig Gewalt. Er kann statistisch mit Rückfallrisiken zusammenhängen, entscheidet aber nicht, was eine einzelne Person tun wird. Und genau an diesem Punkt wird die Beleglage interessanter, als die öffentliche Rede über den Test vermuten lässt.

Was der Wert vorhersagt, und wer ihn vergibt

Min Yang, Stephen Wong und Jeremy Coid verglichen 2010 neun gebräuchliche Instrumente zur Gewaltprognose. Sie zogen die Effektstärken aus 28 Arbeiten der Jahre 1999 bis 2008, in denen jeweils mehr als ein Instrument geprüft worden war, und rechneten sie im Vergleich innerhalb derselben Stichproben gegeneinander. Das Ergebnis: Alle neun sagen Gewalt etwa gleich gut vorher, auf mittlerem Niveau. Wer nur prognostizieren will, kann sie im Grunde austauschen.

Eine Ausnahme gab es. Der Faktor 1 der Checkliste — das Zwischenmenschliche und das Affektive, also genau die Eigenschaften, aus denen das Kino seine Figuren baut — sagte Gewalt bei Männern nur auf Zufallsniveau vorher. Was den Psychopathen im Film ausmacht, ist der prognostisch schwächste Teil des Instruments. Die Vorhersagekraft liegt im Faktor 2, dem Lebensstil und der antisozialen Vorgeschichte; das aber ist im Wesentlichen die Information, dass jemand bereits vielfach auffällig geworden ist.

Die Autoren ziehen daraus einen Schluss, der über die Psychopathie hinausreicht: Bei diesem mittleren Genauigkeitsniveau sollten solche Instrumente nicht die alleinige Grundlage für Entscheidungen sein, die sehr hohe Genauigkeit verlangen — etwa eine Sicherungsverwahrung.

Dazu kommt, dass ein Persönlichkeitswert statisch ist und Risiko es nicht. Gewalt- und Rückfallrisiken verändern sich mit Substanzkonsum, Zugang zu Opfern, sozialer Kontrolle, Behandlung und konkreten Krisen. Historische Faktoren lassen sich nicht ändern, dynamische schon. Gutachten sollten deshalb angeben, für welchen Zeitraum und welche Situation eine Einschätzung gilt.

Was oft behauptet wirdWas die Befundlage sagt
Psychopathie ist eine Ja-oder-Nein-Diagnosedimensional; die Schwelle 30 ist eine Konvention
Ein Online-Test kann sie feststellenFremdbewertung aus Interview und Akten, 20 Merkmale
Sie sagt Gewalt besonders gut vorhernicht besser als acht andere Prognoseinstrumente
Sie ist unbehandelbardie These stammt aus der Überlieferung, nicht aus den Daten
Etwa jeder Hundertste ist einerrund 1,2 % mit der Checkliste, mehr bei Selbstauskunft

Die Übereinstimmung zwischen Beurteilenden ist ausgerechnet dort am schwächsten, wo am meisten davon abhängt. In Forschungsstudien ist sie hoch; unter den Bedingungen der forensischen Praxis fällt sie deutlich ab, und das Experiment vom Anfang zeigt, warum. Die Verschiebung war keine Schlamperei, sondern eine Parteilichkeit, die die Beteiligten selbst nicht bemerkten. Sie entsteht dort, wo ein Verfahren Urteilsspielräume lässt — bei Merkmalen wie „oberflächlicher Charme“ oder „fehlende Reue“ sind das viele.

Für die Praxis folgt daraus keine Ablehnung des Instruments, sondern eine Buchführungspflicht: Wer den Wert vorlegt, muss offenlegen, wer ihn erhoben hat, in wessen Auftrag, mit welcher Übereinstimmung und mit welchem Messfehler. Ein Wert von 32 ist keine Eigenschaft der begutachteten Person allein.

Die Frage der Behandelbarkeit

Dass Psychopathie unbehandelbar sei, ist ein verbreiteter Glaubenssatz — und, wie Randall Salekin 2002 nach der Durchsicht von 42 Behandlungsstudien schrieb, einer mit wenig wissenschaftlicher Grundlage. Der therapeutische Pessimismus untergräbt die Suche nach wirksamen Verfahren, obwohl die Datenlage ihn nicht trägt. Salekin nennt drei Gründe, warum kein starker Schluss möglich ist: Man ist sich uneins darüber, was Psychopathie definiert; die Entstehung ist schlecht verstanden; und es gibt wenige empirische Untersuchungen und noch weniger Verlaufsbeobachtungen nach der Behandlung.

Der belastbarste positive Befund stammt aus dem Mendota Juvenile Treatment Center in Wisconsin, einem strukturierten Programm, das mit Anreizen statt Strafen arbeitet. Michael Caldwell und Kollegen verfolgten 141 jugendliche Straftäter mit hohen Psychopathiewerten zwei Jahre lang. Die 85, die regulär untergebracht waren, wurden mehr als doppelt so häufig erneut mit Gewaltdelikten auffällig wie die 56 aus dem Programm. Die Zuweisung war nicht randomisiert; der Unterschied blieb aber auch nach statistischer Kontrolle bestehen. Das Etikett darf nicht zur Begründung werden, gar keine Hilfe anzubieten.

Der Psychopath im Vorstand

Die Figur, die es aus der Forensik ins Feuilleton geschafft hat, ist die im Anzug. Paul Babiak, Neumann und Hare hatten Zugang zu einer ungewöhnlichen Stichprobe: 203 Fachkräfte aus Unternehmen, die von ihren Firmen für Führungskräfteprogramme ausgewählt worden waren. Hohe Werte kamen dort häufiger vor als in Stichproben der Allgemeinbevölkerung, und die Struktur des Konstrukts entsprach der aus Straf- und Gemeindestichproben.

Der interessante Teil ist die Zweiseitigkeit der Korrelate. Hohe Werte gingen mit guten internen Bewertungen für Charisma und Auftreten einher — Kreativität, strategisches Denken, Kommunikationsstärke. Sie gingen zugleich mit schlechten Bewertungen für Verantwortung und Leistung einher: Teamfähigkeit, Führungsqualität, Gesamtergebnis. Das erklärt die Karriere solcher Menschen und den Schaden zugleich. Es erklärt nicht, warum jemand ein schwieriger Chef ist — die Stichprobe war von Firmen ausgewählt, nicht gezogen, und aus einer Korrelation in 203 Fällen folgt keine Ferndiagnose für den eigenen Vorgesetzten.

Was bleibt

Auf die drei Wörter des Titels lässt sich einzeln antworten. Kalt trifft eine reale Merkmalsgruppe, den Faktor 1 — und ausgerechnet der sagt Gewalt bei Männern nicht besser vorher als der Zufall. Kriminell verwechselt zwei Dinge: Die meisten Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung erreichen keine hohen Checklisten-Werte, und die Vorhersagekraft des Instruments liegt großenteils in der Vorgeschichte, die man ohnehin kennt. Unheilbar ist der am schwächsten belegte der drei Sätze: Er ruht auf einer Literatur, die zu klein, zu uneinheitlich und zu kurz nachbeobachtet ist, um ihn zu tragen.

Woran man es im Alltag erkennt: daran, ob eine Aussage über einen Menschen sich in Verhalten übersetzen lässt. Täuscht jemand wiederholt? Übernimmt er Verantwortung? Ändert sich sein Verhalten unter Konsequenzen? Solche Beobachtungen sind für Schutz und Entscheidungen brauchbar. Das Wort „Psychopath“ ist es nicht. Es ist ein Wahrscheinlichkeitsmaß, das sich als Wesensaussage tarnt — und ein Mensch ist nicht deshalb schuldig, weil sein Wert hoch ist, und nicht deshalb unschuldig, weil er niedrig ist. Das Urteil über eine konkrete Tat braucht Beweise.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Cleckley, H. (1941). The Mask of Sanity. Mosby.

    Der Ursprung des Begriffs in der Klinik, nicht im Kino — und das Bild, das der Artikel im Titel führt: die Unauffälligkeit als Maske.

  2. Hare, R. D. (2003). Manual for the Psychopathy Checklist–Revised (2. Aufl.). Multi-Health Systems.

    Das Instrument selbst, samt der Zahl aus dem Handbuch: 15,7 Prozent von 5.408 männlichen Gefangenen erreichten den Wert 30 oder mehr.

  3. Hare, R. D., & Neumann, C. S. (2005). Structural models of psychopathy. Current Psychiatry Reports, 7(1), 57–64.

    Die vier Faktoren — und die Fundstelle des Zitats: Psychopathie ist dimensional, die Schwelle 30 eine Konvention.

  4. Harpur, T. J., Hare, R. D., & Hakstian, A. R. (1989). Two-factor conceptualization of psychopathy. Psychological Assessment, 1(1), 6–17.

    Die ältere Zweiteilung, ohne die sich nicht verstehen lässt, was die spätere Vierfaktorenlösung trennt.

  5. Skeem, J. L., Polaschek, D. L. L., Patrick, C. J., & Lilienfeld, S. O. (2011). Psychopathic personality: Bridging the gap between scientific evidence and public policy. Psychological Science in the Public Interest, 12, 95–162.

    Die Gesamtschau, an der sich der Artikel ausrichtet — und der Nachweis, wie weit öffentliche Vorstellung und Befundlage auseinanderliegen.

  6. Sanz-García, A., Gesteira, C., Sanz, J., & García-Vera, M. P. (2021). Prevalence of psychopathy in the general adult population. Frontiers in Psychology, 12, 661044.

    Die Häufigkeitsschätzung — und der Beleg dafür, dass die Zahl am Instrument hängt: rund 1,2 Prozent mit der Checkliste, mehr bei Selbstauskunft.

  7. Yang, M., Wong, S. C. P., & Coid, J. (2010). The efficacy of violence prediction: A meta-analytic comparison of nine risk assessment tools. Psychological Bulletin, 136(5), 740–767.

    Der Vergleich, der die Checkliste auf ihren Platz stellt: Sie sagt Gewalt nicht besser vorher als andere Verfahren.

  8. Murrie, D. C., Boccaccini, M. T., Guarnera, L. A., & Rufino, K. A. (2013). Are forensic experts biased by the side that retained them? Psychological Science, 24(10), 1889–1897.

    Das Reliabilitätsproblem der Praxis, experimentell gezeigt: Dieselben Akten ergeben verschiedene Werte, je nachdem, wer den Gutachter bezahlt.

  9. Salekin, R. T. (2002). Psychopathy and therapeutic pessimism: Clinical lore or clinical reality? Clinical Psychology Review, 22(1), 79–112.

    Die Prüfung des Satzes, Psychopathie sei unbehandelbar — er stammt aus der Überlieferung, nicht aus den Daten.

  10. Caldwell, M. F., Skeem, J., Salekin, R., & Van Rybroek, G. (2006). Treatment response of adolescent offenders with psychopathy features. Criminal Justice and Behavior, 33, 571–596.

    Der Gegenbeleg an Jugendlichen: Behandlung wirkt, wenn sie intensiv genug ist — der wichtigste Einwand gegen den Fatalismus.

  11. Edens, J. F., Skeem, J. L., Cruise, K. R., & Cauffman, E. (2001). Assessment of juvenile psychopathy and its association with violence. Behavioral Sciences & the Law, 19, 53–80.

    Warnt davor, das Etikett auf Jugendliche anzuwenden — dort, wo es die schwersten Folgen hätte und am wenigsten trägt.

  12. Babiak, P., Neumann, C. S., & Hare, R. D. (2010). Corporate psychopathy: Talking the walk. Behavioral Sciences & the Law, 28(2), 174–193.

    Die Grundlage des populärsten Ablegers — und zugleich die kleinste Stichprobe des Artikels, was er kenntlich macht.