Das Journal29. August 20266 Min. Lesezeit
Weniger als ein Prozent aller Morde
Was die Zahlen über Serientäter sagen — und was das Kino erfindet
2005 setzte sich das FBI mit Ermittlern, Wissenschaftlerinnen und Staatsanwälten zu einem Symposium über Serientötungen zusammen. Der Bericht, der 2008 daraus hervorging, ist kein Thriller, sondern ein Aufräumdokument. Gleich zu Beginn steht die Zahl, die alles Weitere in Verhältnis setzt:
serial murder is a relatively rare event, estimated to comprise less than one percent of all murders committed in any given year
Kaum eine Täterfigur ist kulturell größer und statistisch kleiner. Sie füllt Podcasts, Streamingserien, Romane und Universitätsseminare, und sie tut das seit Jahrzehnten. Das Missverhältnis folgt einer Heuristik, die Amos Tversky und Daniel Kahneman 1973 beschrieben haben: Menschen schätzen die Häufigkeit eines Ereignisses danach ein, wie leicht ihnen Beispiele einfallen. Seltene, bildhafte, oft erzählte Fälle sind mühelos abrufbar — und wirken dadurch typischer, als sie sind. Der Serienmörder ist der Musterfall dieser Verzerrung, weil er alles mitbringt, was Abrufbarkeit erzeugt: einen Namen, ein Gesicht, eine Erzählung mit Bogen.
Was gezählt wird und was nicht
Schon die Definition ist weniger sauber als das Genre. Das Symposium von 2005 einigte sich auf eine sehr sparsame Formel: die rechtswidrige Tötung von zwei oder mehr Opfern durch denselben Täter oder dieselben Täter in getrennten Ereignissen. Das war eine Absenkung. Ältere Definitionen verlangten drei Opfer.
Wichtiger noch ist, was gestrichen wurde. Lange galt als Kennzeichen die sogenannte Abkühlungsphase — die Pause zwischen den Taten, in der der Täter angeblich in seinen Alltag zurückkehrt. Das Symposium verwarf dieses Kriterium als für die Ermittlungspraxis unbrauchbar. Es lässt sich weder zuverlässig feststellen noch trennscharf von Zufällen der Gelegenheit unterscheiden. Wer Zahlen über Serientäter liest, liest also immer auch eine Definitionsentscheidung mit. Ändert man die Schwelle von drei auf zwei Opfer, ändert sich der Bestand.
Eine psychologische Art „Serienmörder“ folgt daraus ohnehin nicht. Motive, Tatverläufe, soziale Lebenslagen und psychische Merkmale sind heterogen. Was die Fälle verbindet, ist ein Zählkriterium, keine Diagnose.
Der Katalog der Mythen
Der Hauptteil des FBI-Berichts ist eine Liste dessen, was nicht stimmt, und sie trifft die populäre Figur an fast jedem Punkt. Serientäter sind nicht durchweg weiß — ihre Verteilung entspricht ungefähr der Bevölkerung. Sie sind nicht durchweg Einzelgänger; viele sind sozial eingebunden, haben Arbeit, Familie, Nachbarn. Sie sind nicht durchweg sexuell motiviert; Kontrolle, Gewinn, Wut oder mehrere Motive nebeneinander kommen ebenso vor. Sie sind nicht durchweg mobil, sondern handeln häufig in einem engen räumlichen Umkreis. Und sie sind weder regelmäßig hochintelligent noch regelmäßig psychisch krank.
Frauen kommen deutlich seltener vor. Das ist keine Erfindung des Klischees, sondern der Befund. Aber die Seltenheit wird durch das Klischee verstärkt: Wer nach spektakulärer sexualisierter Gewalt sucht, übersieht Tatmuster, die anders aussehen — und übersieht damit auch Täterinnen. Ein Bild, das auf einen Motivtyp zugeschnitten ist, funktioniert wie ein Filter für die Ermittlung.
Am zählebigsten ist der Mythos der Genialität, und er ist zugleich der lehrreichste, weil er eine Verwechslung enthält. Dass eine Serie lange unentdeckt bleibt, wird als Leistung des Täters gelesen. Der Bericht nennt die nüchterneren Gründe: fehlender Datenaustausch zwischen Behörden, Zuständigkeitsgrenzen, frühere Ermittlungsfehler — und Opfer aus marginalisierten Gruppen, deren Verschwinden spät oder gar nicht gemeldet wird. Für das Grundproblem gibt es einen Fachausdruck, linkage blindness: Zwei Fälle liegen in zwei Registern, und niemand legt sie nebeneinander. Wer Nichtentdeckung automatisch als Überlegenheit des Täters liest, verwandelt institutionelle Lücken in persönliche Brillanz.
Bezeichnend ist, wie die Antwort darauf aussieht. Gegen dieses Problem richtet sich in den Vereinigten Staaten seit 1985 eine bundesweite Datenbank, in der Behörden Gewaltdelikte melden können, damit sich Fälle über Zuständigkeitsgrenzen hinweg verknüpfen lassen. Der entscheidende Halbsatz lautet: können. Die Meldung ist freiwillig, und was nicht gemeldet wird, kann auch nicht verknüpft werden. Die Lösung des Problems hat damit dieselbe Schwachstelle wie das Problem selbst.
| Der Mythos | Was der Bericht dazu sagt |
|---|---|
| durchweg weiß | die Verteilung entspricht ungefähr der Bevölkerung |
| Einzelgänger | viele sind sozial eingebunden — Arbeit, Familie, Nachbarn |
| sexuell motiviert | auch Kontrolle, Gewinn, Wut, mehrere Motive nebeneinander |
| reisend | häufig ein enger räumlicher Umkreis |
| hochintelligent | weder regelmäßig hochbegabt noch regelmäßig psychisch krank |
| die Nichtentdeckung ist seine Leistung | fehlender Datenaustausch, Zuständigkeitsgrenzen, spät gemeldete Opfer |
Was aus den Tatorten wirklich hervorgeht
Die berühmteste Ordnung des Feldes ist die Unterscheidung zwischen „organisierten“ und „desorganisierten“ Tätern: hier die geplante Tat, der mitgebrachte Werkzeugsatz, die gesäuberte Szene — dort das Chaotische, Spontane, Zurückgelassene. Aus einer Faustregel wurde eine Typologie, aus der Typologie ein Erzählmuster.
David Canter und Kollegen haben sie 2004 geprüft. Sie nahmen 39 Tatmerkmale aus 100 Tötungen von 100 US-amerikanischen Serientätern und unterzogen sie einer multidimensionalen Skalierung — einem Verfahren, das zeigt, welche Merkmale miteinander auftreten. Wenn es zwei Tätertypen gäbe, müssten sich zwei Merkmalswolken abzeichnen. Sie taten es nicht. Organisierte Merkmale kennzeichnen die meisten Serientötungen überhaupt; desorganisierte sind selten und bilden keine eigene Gruppe, sondern treten verstreut auf. Als starre Tätertypen ist die Unterscheidung damit nicht haltbar.
Der Einwand reicht über diese eine Typologie hinaus. Snook und Kollegen haben 2008 unter dem Titel „The Criminal Profiling Illusion“ die Bilanz des ganzen Feldes gezogen. Dem Erstellen von Täterprofilen fehle ein tragfähiges theoretisches Fundament, und eine starke empirische Stütze gebe es ebenfalls nicht. Laurence Alison und Kollegen halten dagegen, dass Ermittler durchaus von fachlicher Beratung profitieren — nur muss diese eng gefasste Fragen beantworten statt ein Personenporträt zu liefern.
Wie leicht ein Porträt trügt, hatte Alison mit Matthew Smith und Keith Morgan schon 2003 vorgeführt. Sie legten Polizeibeamten und forensischen Fachleuten ein und dasselbe Profil vor, einmal neben dem echten Täter, einmal neben einem erfundenen. Beide Male fand die Mehrheit, es passe: Über 75 Prozent hielten das Profil für mindestens einigermaßen zutreffend. Nach der Festnahme fällt eben vor allem auf, was stimmt — derselbe Mechanismus, den dieses Archiv am Barnum-Effekt beschreibt. Nützlicher als eine dramatische Gesamtpersönlichkeit sind deshalb konkrete Verhaltensspuren und die Verknüpfung von Fällen untereinander, also genau das, woran es beim linkage blindness fehlt.
Wo die Gefahr tatsächlich liegt
Die Zahlen zur Tötungskriminalität insgesamt sagen etwas anderes als das Genre. In den erweiterten FBI-Daten für 2019 waren die Opfer in 28,3 Prozent der Fälle Bekannte des Täters und in 13,0 Prozent Familienangehörige; auf Fremde entfielen 9,9 Prozent. Dabei gehört eine Einschränkung dazu, die selten mitzitiert wird: In 48,9 Prozent der Fälle blieb die Beziehung ungeklärt. Man kann aus diesen Zahlen also keine Quote der Fremdtötungen ableiten. Was man ableiten kann, ist ein Verhältnis: Unter den Fällen, in denen die Beziehung bekannt war, kannten rund vier Fünftel der Opfer ihren Täter.
Das ist der Punkt, an dem die Verzerrung praktisch wird. Wenn das Bild der Gefahr vom exotischen Fremden bestimmt wird, richtet sich die Aufmerksamkeit — private wie politische — auf den seltensten Fall. Häufigere Risiken liegen in Partnerschaften, Familien und bekannten sozialen Beziehungen.
Auch die Erzählung selbst hat Kosten. True Crime kann aufklären, aber Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Wenn Name, Gesicht und Kindheit des Täters endlos rekonstruiert werden, während die Opfer zu einer Zahl schrumpfen, belohnt die Erzählung genau die Sichtbarkeit, die manche Täter gesucht haben.
Was bleibt
Gesichert ist die Größenordnung, nicht das Porträt. Dass Serientötungen weniger als ein Prozent der Morde ausmachen, steht im FBI-Bericht; dass die populären Merkmale der Figur — weiß, einzelgängerisch, sexuell motiviert, reisend, hochintelligent — sich an den Fällen nicht bewähren, steht dort ebenfalls. Strittig ist, was Ermittler stattdessen aus einem Tatort ableiten können: Die Typologie organisiert/desorganisiert ist widerlegt, der Nutzen von Profilarbeit insgesamt umstritten. Und unbekannt bleibt vieles schlicht deshalb, weil die Daten fehlen — die knappe Hälfte ungeklärter Opfer-Täter-Beziehungen in der Statistik von 2019 ist dafür das ehrlichste Beispiel.
Im Alltag erkennt man den Denkfehler an einer einfachen Probe. Wenn eine Gefahr sich sofort mit einem Namen und einem Gesicht bebildern lässt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man ihre Häufigkeit überschätzt — und die der unbebilderten unterschätzt. Das seltene Verbrechen verdient Aufklärung. Es verdient nicht die Macht, unser gesamtes Bild vom Bösen zu entwerfen.
Quellen und warum sie hier stehen
Federal Bureau of Investigation (2008). Serial Murder: Multi-Disciplinary Perspectives for Investigators. Behavioral Analysis Unit, National Center for the Analysis of Violent Crime.
Das Aufräumdokument, aus dem das Zitat stammt — und der Katalog der Mythen, an dem die populäre Figur an fast jedem Punkt scheitert.
Federal Bureau of Investigation (2019). Expanded Homicide Data, Crime in the United States.
Die Zahlen zur Tötungskriminalität insgesamt, samt der Einschränkung, die selten mitzitiert wird: In fast der Hälfte der Fälle blieb die Beziehung ungeklärt.
Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232.
Der Mechanismus hinter dem Missverhältnis: Wie leicht Beispiele einfallen, bestimmt die geschätzte Häufigkeit. Der Serienmörder bringt alles mit, was Abrufbarkeit erzeugt.
Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.
Die Ausarbeitung derselben Heuristik für ein allgemeines Publikum — und der Ort, an dem sie den meisten Leserinnen und Lesern begegnet ist.
Canter, D., Alison, L. J., Alison, E., & Wentink, N. (2004). The organized/disorganized typology of serial murder: Myth or model? Psychology, Public Policy, and Law, 10(3), 293–320.
Die Prüfung der berühmtesten Ordnung des Feldes an 39 Tatmerkmalen aus 100 Tötungen — und ihr Ergebnis: keine zwei Merkmalswolken, also keine zwei Tätertypen.
Alison, L., Smith, M. D., & Morgan, K. (2003). Interpreting the accuracy of offender profiles. Psychology, Crime & Law, 9(2), 185–195.
Dasselbe Profil, einmal neben dem echten und einmal neben einem erfundenen Täter — beide Male fand die Mehrheit, es passe. Der Barnum-Effekt in der Ermittlungsakte.
Snook, B., Cullen, R. M., Bennell, C., Taylor, P. J., & Gendreau, P. (2008). The criminal profiling illusion: What's behind the smoke and mirrors? Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1257–1276.
Die Bilanz des ganzen Feldes: weder ein tragfähiges theoretisches Fundament noch eine starke empirische Stütze.
Alison, L., Goodwill, A., Almond, L., van den Heuvel, C., & Winter, J. (2010). Pragmatic solutions to offender profiling and behavioural investigative advice. Legal and Criminological Psychology, 15(1), 115–132.
Die Gegenposition, und sie ist die brauchbarere: Beratung nützt, wenn sie eng gefasste Fragen beantwortet statt ein Personenporträt zu liefern.
Hickey, E. W. (2016). Serial Murderers and Their Victims. Cengage Learning.
Die umfangreichste Fallsammlung des Feldes — und eine der wenigen Quellen, die die Opfer nicht bloß als Zählgröße führt.