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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 202612 Min. Lesezeit

Der Krieg hörte auf, die Diagnose nicht

Vom Shell Shock zur PTBS — und den Namen dazwischen

Verwundete Soldaten bei Ypern 1917
Australische Verbandsstation bei Ypern, 1917.Photograph taken by Official War Photographer at an Australian Advanced Dressing · Public domain · Wikimedia Commons

Am 13. Februar 1915 erscheint im Lancet ein kurzer Aufsatz über drei Soldaten. Bei ihnen sind Gedächtnis, Sehvermögen, Geruch und Geschmack ausgefallen; alle drei waren in der Nähe explodierender Granaten. Der Autor, der britische Arzt und Psychologe Charles S. Myers, führt für dieses Bild den Ausdruck „shell shock“ in die Fachliteratur ein — Granatschock. Das Wort klingt nach Druckwelle und beschädigtem Gewebe, nach einer Wunde, die man ernst nehmen muss.

Bald zittern und verstummen auch Männer, die keiner Explosion nahe waren, und die Erklärung spaltet sich: verletztes Gehirn, psychischer Schock, Feigheit, Simulation oder unbewusster Konflikt? Über die Antwort entscheidet nicht nur die Medizin. Gilt die Reaktion als Wunde, verdient der Soldat Behandlung und Rente. Gilt sie als Willensschwäche, drohen Disziplin und Scham. Manche Ärzte setzen Ruhe, Ernährung und stufenweise Aktivierung ein; andere verwenden Stromschläge, Zwang und militärischen Druck, um Männer schnell an die Front zurückzubringen. Behandlung dient zugleich dem Patienten und der Armee — Zielen, die sich widersprechen können.

Trauma hatte schon vor 1914 Namen

Psychische Folgen extremer Ereignisse begannen nicht in den Schützengräben. Im 19. Jahrhundert beschrieben Ärzte Beschwerden nach Eisenbahnunfällen als „railway spine“. Jean-Martin Charcot untersuchte traumatisch ausgelöste Lähmungen; Pierre Janet schrieb über dissoziierte Erinnerungen; Freud und Breuer verbanden Symptome mit nicht integrierten Erfahrungen. Die Deutungen waren umstritten, aber der Zusammenhang zwischen Ereignis und späterem Leiden war nicht neu.

Auch die Kriege hatten längst ihre Begriffe: Heimweh, Soldatenherz, Erschöpfung oder Neurasthenie. Jeder Name hob einen anderen Mechanismus hervor — Bindung, Kreislauf, Nerven oder Moral. Diagnosen wandern, weil die Medizin neue Theorien entwickelt und Institutionen bestimmte Erklärungen bevorzugen.

Der Erste Weltkrieg veränderte den Maßstab. Artillerie, Dauerbeschuss, Industrialisierung des Tötens und lange Stellungskämpfe erzeugten eine Masse auffälliger Fälle. Was bei Einzelnen als Schwäche abgetan werden konnte, wurde zum Problem ganzer Armeen.

Ein Begriff, den Myers nicht erfunden hat

Die verbreitete Erzählung macht Myers zum Wortschöpfer. Er selbst hat dem widersprochen: 1940 stellte er ausdrücklich klar, dass „shell shock“ schon vorher kursierte. Seine Fallserie von 1915 gehört zu den ersten wissenschaftlichen Verwendungen, nicht zur Erfindung. Der Ausdruck verbreitete sich schnell, obwohl bald klar war, dass dieselben Symptome ohne unmittelbare Explosion auftreten konnten. Myers bevorzugte später genauere Beschreibungen und sah die Popularität des Begriffs kritisch.

Die Episode zeigt die Macht eines Namens. Er kann Leid legitimieren, weil „Schock“ wie Verletzung klingt. Er kann Forschung aber auch auf einen falschen Mechanismus verengen. Ein gutes diagnostisches Wort muss kommunizierbar sein, ohne seine eigene Metapher mit der Ursache zu verwechseln.

Myers versuchte, psychologische Behandlung im Militär aufzubauen, geriet jedoch mit organisatorischen Interessen in Konflikt. Der Arzt stand zwischen Vertraulichkeit, Genesung und der Forderung, Männer wieder einsatzfähig zu machen. Dieses Dreieck ist kein persönliches Versagen, sondern ein struktureller Interessenkonflikt militärischer Medizin.

Der Schützengraben als Lernumwelt

Soldaten lebten unter Beschuss, Schlafmangel, Kälte, Schlamm, Infektionen und dem Anblick verstümmelter Kameraden. Gefahr war unvorhersehbar und oft nicht durch eigenes Verhalten kontrollierbar. Psychologisch sind Unkontrollierbarkeit und Unvorhersagbarkeit besonders belastend: Das Nervensystem kann keine sichere Regel lernen, wann der Alarm enden darf.

Gleichzeitig galten militärische Normen von Männlichkeit, Pflicht und Kameradschaft. Angst zu zeigen bedrohte nicht nur den Status, sondern konnte strafrechtliche Folgen haben. Symptome wurden daher über den Körper ausdrückbar, auch wenn Worte verboten oder beschämend waren. Das heißt nicht, Lähmung oder Zittern seien bewusst inszeniert. Unwillkürliche Symptome können in einer Kultur Formen annehmen, die als Leiden erkennbar sind. Die Einheit konnte dabei schützen und belasten zugleich: Kameradschaft gab Sinn und Hilfe, Schuld gegenüber Gefallenen hielt manche in gefährlichen Situationen. Resilienz ist deshalb nicht nur innere Härte, sondern Bindung — mit rettender und verpflichtender Seite.

Ein Teil der Fälle beruhte wahrscheinlich auf direkten Hirnverletzungen durch Druckwellen, Splitter oder Kohlenmonoxid, ein anderer zeigte Symptome ohne sichtbare Läsion. Die zeitgenössische Debatte stellte „organisch“ gegen „psychisch“, als müsse reales Leiden entweder Gewebeschaden oder Einbildung sein. Heute wissen wir, dass Erfahrung biologische Systeme verändert, ohne dass eine grobe Läsion vorliegen muss. Stresshormone, Schlaf, Aufmerksamkeit, Furchtlernen und Gedächtniskonsolidierung sind körperliche Prozesse. „Psychisch“ bedeutet nicht unwirklich. Die vernünftige Einordnung lässt Mischungen zu: leichtes Schädel-Hirn-Trauma, chronischer Stress, Trauer, Infektion, Schmerz und moralischer Konflikt können zusammenwirken. Diagnostische Reinheit ist oft ein Bedürfnis der Akte, nicht der Biografie.

Fürsorge für Offiziere, Disziplin für Mannschaften

Einige britische Offizierskliniken boten Ruhe, Gespräche, Beschäftigung und eine relativ geschützte Umgebung. Der Arzt W. H. R. Rivers behandelte unter anderem den Dichter Siegfried Sassoon und versuchte, dessen Erfahrungen in eine erzählbare Form zu bringen. Andere Einrichtungen setzten schmerzhafte elektrische Reize, Beschämung oder Zwang ein, besonders bei einfachen Soldaten. Der Unterschied folgte nicht nur einer Theorie, sondern Klasse und Rang. Derselbe Körper konnte je nach Uniform als empfindsames Nervensystem oder als mangelnder Wille gelesen werden.

Sassoon war 1917 nach einer öffentlichen Erklärung gegen die Fortsetzung des Krieges nach Craiglockhart geschickt worden. Die Diagnose schützte ihn möglicherweise vor einem Kriegsgerichtsverfahren, pathologisierte aber zugleich politischen Widerspruch. Bei Rivers verhandelte er Pflicht, Protest und Bindung an seine Kameraden; später kehrte er an die Front zurück. In Craiglockhart begegnete er Wilfred Owen, dessen Gedichte das heroische Vokabular des Krieges zerstörten. Literatur ist keine klinische Messung, kann aber ausdrücken, was Diagnosen glätten: Geräusch, Wiederkehr, Schuld, abgestumpfte Zeit. Owen fiel am 4. November 1918, eine Woche vor dem Waffenstillstand. Ein Mensch kann psychisch leiden und zugleich vernünftig gegen die Bedingungen protestieren, die das Leiden erzeugen.

Am anderen Ende der Skala stand das Erschießungskommando. Wie viele Männer es traf, ist bis heute strittig, und der Streit ist selbst aufschlussreich: Von rund 3.080 Todesurteilen der britischen Armee wurden 346 vollstreckt. Der Armed Forces Act 2006 begnadigte 309 der Hingerichteten; ausgenommen blieben 37, die wegen Mordes verurteilt worden waren. Das Shot-at-Dawn-Denkmal im National Memorial Arboretum führt 306 Namen — drei wegen Meuterei Erschossene kamen erst 2016 hinzu. Wer eine einzelne Zahl nennt, hat sich bereits für eine Lesart entschieden.

Nicht jeder dieser Fälle lässt sich rückwirkend als PTBS diagnostizieren, und die Akten sind unvollständig. Sicher ist, dass die zeitgenössischen Verfahren psychische Beeinträchtigung oft unzureichend erkannten und militärische Abschreckung schwerer wog. Die späteren Begnadigungen können verlorenes Leben nicht zurückgeben und ersetzen keine Einzelfallprüfung. Sie zeigen aber einen Wandel moralischer Zuschreibung: Verhalten unter extremer Belastung wird nicht mehr automatisch als Charakterfehler gelesen. Die Geschichte warnt zugleich vor retrospektiver Gewissheit in beide Richtungen. Nicht jeder Regelverstoß ist Krankheit; nicht jede scheinbare Entscheidung ist unter Krieg frei.

Von battle fatigue zur Diagnose von 1980

Nach 1918 verschwand Shell Shock nicht, aber der Begriff wurde institutionell unbequem. Im Zweiten Weltkrieg sprach man von battle fatigue oder combat exhaustion. Die Militärpsychiatrie griff auf das PIE-Prinzip zurück, das bereits im Ersten Weltkrieg formuliert worden war und mit dem Namen des US-Sanitätsoffiziers Thomas W. Salmon verbunden ist: Behandlung nahe an der Front, unmittelbar nach Auftreten und mit der Erwartung der Rückkehr. Ein Teil der Soldaten kehrte tatsächlich in den Dienst zurück. Doch die Erwartung wird leicht zum Druck, und die Rückkehrquote ist kein Maß für spätere Gesundheit. Langzeitfolgen, Alkoholprobleme, Familienkonflikte oder Albträume blieben nach der Entlassung unsichtbar. Auch der Begriff selbst arbeitete in zwei Richtungen: „combat exhaustion“ vermied das Bild dauerhafter Krankheit und reduzierte womöglich Scham — behandelte Leid aber als vorübergehende Funktionsstörung, deren Lösung im Wiederfunktionieren bestand.

Nach 1945 untersuchten Ärztinnen und Ärzte die Folgen von Verfolgung, Konzentrationslagern und Verlust. Begriffe wie Überlebensschuld versuchten zu fassen, warum Sicherheit nicht automatisch das seelische Ende der Gefahr bedeutet. Entschädigungsverfahren verlangten den Nachweis psychischer Schäden und konfrontierten Überlebende mit skeptischer Begutachtung. Damit war die Traumaforschung endgültig mit Anerkennungspolitik verbunden: Eine Diagnose kann Zugang zu Rente und Behandlung öffnen, zwingt Menschen aber möglicherweise, ihr Leben in erwartete Symptome zu übersetzen. Wer nicht „krank genug“ wirkt, kann trotz realer Verfolgungsfolgen leer ausgehen.

Nach dem Vietnamkrieg organisierten Veteranengruppen sogenannte rap groups, in denen sie Erfahrungen, Wut und Entfremdung besprachen. Kliniker wie Chaim Shatan und Robert Jay Lifton verbanden diese Berichte mit der älteren Traumaforschung; feministische Aktivistinnen und Fachleute brachten zugleich Vergewaltigung und häusliche Gewalt als Ursachen schwerer psychischer Folgen in die Debatte. 1980 erschien die posttraumatische Belastungsstörung im DSM-III.

Damit rückte ein äußeres Ereignis wieder ausdrücklich in den Kern einer psychiatrischen Diagnose. Wieder, nicht erstmals: Das DSM-I hatte 1952 mit der „gross stress reaction“ bereits eine solche Kategorie geführt und neben dem Gefecht auch die zivile Katastrophe genannt — das DSM-II strich sie 1968. Die Aufnahme von 1980 war wissenschaftliche und politische Arbeit zugleich. Sie verschob die Kausalität: Nicht eine grundsätzlich schwache Persönlichkeit stand im Zentrum, sondern ein Ereignis außerhalb gewöhnlicher Erfahrung. Sein Kriterium A benannte, was als Trauma zählte:

Existence of a recognizable stressor that would evoke significant symptoms of distress in almost everyone

DSM-III (1980), S. 238, Kriterium A der posttraumatischen Belastungsstörung [Vorliegen eines erkennbaren Belastungsfaktors, der bei fast jedem Menschen erhebliche Symptome von Bedrängnis hervorrufen würde.]

Zugleich etablierte das DSM-III einen kategorialen Kriterienkatalog. Trauma wurde vergleichbarer erforschbar, aber auch administrativ begrenzt — und jede Grenze produziert Fälle knapp darunter und Anreize, Erlebnisse in die passende Form zu erzählen.

Eine senkrechte Zeitleiste von 1915 über 1952 und 1968 bis 1980, mit einer gestrichelten Lücke zwischen der gestrichenen und der neuen Kategorie
Abb. 1 — Der Weg des Namens: 1915 shell shock im Lancet, im Zweiten Weltkrieg battle fatigue, 1952 die gross stress reaction des DSM-I, 1968 ihre Streichung — und erst 1980 die PTBS im DSM-III. Zeichnung des Archivs

Was aus der Diagnose seither wurde

Spätere DSM-Versionen änderten die Definition des auslösenden Ereignisses und die Symptomgruppen. Das DSM-5 ordnete PTBS nicht mehr den Angststörungen zu, sondern einem eigenen Kapitel zu trauma- und stressbezogenen Störungen. Neben Intrusion, Vermeidung und Übererregung erhielten negative Veränderungen von Denken und Stimmung mehr Gewicht. Die ICD-11 verwendet einen engeren Kern und unterscheidet zusätzlich eine komplexe PTBS mit Problemen der Emotionsregulation, negativem Selbstbild und Beziehungsschwierigkeiten. DSM und ICD sind also nicht identisch. Das bedeutet nicht, die Störung sei erfunden. Es zeigt, dass eine reale Bandbreite von Leiden auf verschiedene Weise kategorisiert werden kann; die Validität liegt in wiederkehrenden Mustern und klinischem Nutzen, nicht in ewiger Grenzstabilität.

Was dabei beschrieben wird, ist mehr als „schlechte Erinnerungen“. Intrusionen lassen Vergangenes wie gegenwärtige Gefahr erscheinen; Vermeidung verengt das Leben; Übererregung hält Körper und Aufmerksamkeit in Alarmbereitschaft. Nach Gefahr können neutrale Reize — ein Geräusch, ein Geruch, ein Ort — Alarm auslösen. Klassische Konditionierung erklärt einen Teil davon: Reize werden mit Bedrohung verbunden. Die Löschung hebt die alte Verbindung nicht auf, sondern baut neue, sichere Erwartungen daneben auf, die kontextabhängig bleiben. Deshalb kann Angst in einer anderen Umgebung zurückkehren. Der Hippocampus hilft, Erinnerungen in Ort und Zeit einzuordnen; Amygdala und weitere Netzwerke bewerten Salienz; präfrontale Systeme regulieren die Reaktion. Diese vereinfachte Karte ist nützlich, darf aber nicht zum „Traumagehirn“ als unveränderlicher Persönlichkeit werden: Befunde sind Gruppenmittel und werden von Schlaf, Depression, Medikamenten und Lebensgeschichte beeinflusst.

Die Mehrheit der Menschen entwickelt nach einem einzelnen Trauma keine dauerhafte PTBS. Das Risiko steigt mit Art und Dauer der Gewalt, früheren Belastungen, Verletzung, fehlender Unterstützung und fortgesetzter Bedrohung; Schutz bieten soziale Sicherheit, materielle Stabilität und Zugang zu Hilfe. Diese Faktoren wirken probabilistisch, nicht als Schicksal. Resilienz bedeutet dabei nicht, unberührt zu bleiben. Trauer, Schlafprobleme oder Angst in den ersten Wochen können erwartbare Reaktionen sein und wieder abnehmen. Eine zu frühe Pathologisierung kann Menschen das Gefühl geben, dauerhaft beschädigt zu sein; umgekehrt darf Abwarten notwendige Hilfe nicht verzögern. Auch vom „posttraumatischen Wachstum“ sollte vorsichtig gesprochen werden: Manche berichten neue Prioritäten oder Beziehungen, aber niemand schuldet seinem Leid eine positive Lektion.

Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, prolongierte Exposition, kognitive Verarbeitungstherapie und EMDR gehören zu den gut untersuchten psychotherapeutischen Ansätzen. Sie unterscheiden sich in der Technik, teilen aber die strukturierte Annäherung an vermiedene Erinnerung, an Bedeutungen und an die aktuelle Sicherheit. Bestimmte Antidepressiva können Symptome lindern; Schlaf, Schmerz, Sucht und Depression brauchen oft eine zusätzliche Behandlung. Wichtig ist das gemeinsame Entscheiden über Tempo, Ziel, Risiken und Präferenzen. Konfrontation ohne Stabilisierung und Zustimmung wiederholt den Kontrollverlust, statt ihn zu bearbeiten. Und die Versorgung muss die Gegenwart prüfen: Wer weiterhin Gewalt erlebt, braucht Schutz, Unterkunft oder Rechtsberatung. Das Nervensystem kann keine Sicherheit lernen, die sozial nicht existiert.

Was die Diagnose nicht erzählt

Der Begriff moral injury beschreibt die Folgen von Handlungen, Unterlassungen oder Verrat, die grundlegende moralische Überzeugungen verletzen. Soldaten können darunter leiden, selbst getötet, andere nicht geschützt oder Befehle einer als unrecht erlebten Organisation ausgeführt zu haben. Nicht jede moralische Verletzung erfüllt die PTBS-Kriterien, und Schuld löst sich nicht durch die Botschaft auf, niemand sei verantwortlich. Manche Menschen brauchen eine differenzierte moralische Bearbeitung: Was war unter Zwang möglich, was bleibt zu betrauern, welche Wiedergutmachung ist realistisch? Therapie darf weder Freispruchsautomat noch Gericht sein. Hier zeigt sich die Grenze rein medizinischer Sprache — manche Wunden sind Reaktionen auf reale Ungerechtigkeit, und Heilung kann Erinnerung, Handlung und Gemeinschaft einschließen, nicht nur Symptomreduktion.

Eine zweite Grenze betrifft die Aussage vor Gericht. Hohe Erregung kann zentrale Aspekte einer Gefahr stark speichern, während zeitliche Reihenfolge und Randdetails lückenhaft bleiben; Dissoziation kann die Enkodierung beeinträchtigen. Zugleich ist Erinnerung rekonstruktiv: Spätere Informationen und wiederholtes Erzählen können Details verändern. Daraus folgt weder, widersprüchliche Aussagen seien automatisch falsch, noch, traumatische Gewissheit garantiere historische Genauigkeit. Forensische Interviews sollten offene Fragen, geringe Suggestion und saubere Dokumentation nutzen; therapeutische Gespräche verfolgen ein anderes Ziel. Eine Therapeutin sollte keine Erinnerung „bestätigen“, die sie nicht überprüfen kann; ein Gericht sollte fehlende filmische Kohärenz nicht als Lügendetektor behandeln.

Eine dritte Grenze ist kulturell. Die PTBS-Kriterien wurden in westlich geprägten Diagnosesystemen entwickelt. Intrusion, Vermeidung und Alarmreaktionen finden sich kulturübergreifend, doch Erklärungen und Ausdruck variieren: Manche Menschen berichten eher körperliche Beschwerden, spirituelle Verletzung, Familienkonflikt oder kollektive Scham. Das gilt auch historisch — im Ersten Weltkrieg waren Zittern und Lähmungen besonders sichtbar, heute werden häufiger Intrusion und Übererregung benannt. Körper, Begriffe und Erwartungen gestalten gemeinsam, wie Leiden mitgeteilt wird. Nach Krieg oder Vertreibung kann die Gemeinschaft selbst beschädigt sein; einzelne Therapie reicht dann nicht, und Gedenken, Gerechtigkeit, Schule und ökonomische Sicherheit gehören zur Wiederherstellung.

Was bleibt

Shell Shock legitimierte eine Wunde und verengte sie auf Granaten. Battle fatigue normalisierte die Reaktion und band Heilung an Funktion. PTBS erkannte das äußere Ereignis an und zog neue Grenzen. Jeder Begriff gewann etwas und ließ etwas aus, und keiner war eine reine Erkenntnis: Jeder entstand dort, wo Medizin, Militär und Sozialpolitik sich trafen. Gesichert ist heute, dass extreme Erfahrung Furchtlernen, Schlaf, Aufmerksamkeit und Selbstbild verändern kann, dass die Mehrheit sich erholt und dass Behandlung wirkt. Strittig bleibt, wo die Diagnose endet — DSM und ICD ziehen die Linie unterschiedlich, und die komplexe PTBS ist ein offener Fall.

Im Alltag erkennt man den alten Streit an zwei Sätzen. Der eine macht aus einer Diagnose eine Person: „Er ist eben traumatisiert“ erklärt dann jede Entscheidung und lässt keine Freiheit übrig. Der andere macht aus einer Reaktion einen Charakter: „Andere haben das doch auch ausgehalten.“ Beide Sätze haben 1917 die Behandlung entschieden, und beide sind heute noch im Umlauf. Die brauchbare Frage liegt dazwischen und wird doppelt gestellt: Passt das diagnostische Muster — und welche Geschichte wird durch die Diagnose nicht erzählt? Armut, Rassismus, militärischer Auftrag, Vertreibung und moralischer Konflikt bleiben real, auch wenn eine Therapie Symptome reduziert.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Myers, C. S. (1915). A contribution to the study of shell shock: Being an account of three cases of loss of memory, vision, smell, and taste. The Lancet, 185(4772), 316–320.

    Die Erstpublikation des Begriffs in einer Fachzeitschrift — drei Fälle, alle ohne sichtbare Wunde. Dass Myers den Ausdruck nicht erfunden, sondern vorgefunden hat, führt der Artikel eigens aus.

  2. American Psychiatric Association (1980). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 3. Aufl., S. 238 — Kriterium A der posttraumatischen Belastungsstörung.

    Die Fundstelle des Zitats und der Wendepunkt der ganzen Geschichte: Ein äußeres Ereignis rückt wieder ausdrücklich in den Kern einer Diagnose.

  3. Young, A. (1995). The Harmony of Illusions: Inventing Post-Traumatic Stress Disorder. Princeton University Press.

    Die schärfste Gegenlektüre: Die Diagnose sei nicht entdeckt, sondern gemacht worden. Der Artikel folgt ihr nicht, führt sie aber, weil ihre Fragen offen sind.

  4. Jones, E., & Wessely, S. (2005). Shell Shock to PTSD: Military Psychiatry from 1900 to the Gulf War. Psychology Press.

    Die militärhistorische Linie — und die Quelle für das PIE-Prinzip samt seiner Zweischneidigkeit: Rückkehrquoten sind kein Maß für spätere Gesundheit.

  5. Crocq, M.-A., & Crocq, L. (2000). From shell shock and war neurosis to posttraumatic stress disorder: A history of psychotraumatology. Dialogues in Clinical Neuroscience, 2(1), 47–55.

    Die Namenskette in einem Stück — nützlich, weil der Artikel behauptet, dass die Namen mehr über die Institutionen erzählen als über das Leiden.

  6. Armed Forces Act 2006 (Vereinigtes Königreich), Bestimmung zur Begnadigung der im Ersten Weltkrieg wegen Feigheit oder Desertion hingerichteten Soldaten.

    Der späte rechtliche Nachtrag: Was 1915 als Disziplinarfall behandelt wurde, ist 2006 als Krankheitsfall anerkannt worden — neunzig Jahre danach.

  7. Shot at Dawn Memorial, National Memorial Arboretum, Staffordshire.

    Der Ort, an dem diese Geschichte nicht als Diagnose steht, sondern als Namensliste. Er gehört in die Quellen, weil der Artikel von Menschen handelt und nicht nur von Begriffen.

  8. U.S. National Center for PTSD. History of PTSD in Veterans: Civil War to DSM-5.

    Die amerikanische Selbstdarstellung derselben Geschichte — und ihre Fortschreibung bis zu den Änderungen des DSM-5.