Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit
Profiler treffen das Ganze, nicht die Einzelheit
Was Metaanalysen dem Kriminalroman entgegenhalten
Im Jahr 2005 schrieb die Verhaltensberatung der britischen National Policing Improvement Agency 47 Berichte für laufende Ermittlungen. Louise Almond, Laurence Alison und Louise Porter zählten darin 805 einzelne Behauptungen und prüften jede daraufhin, was sie an Argument mitliefert. Das Ergebnis: 96 Prozent der Behauptungen nannten einen Grund. Nur 34 Prozent hatten eine förmliche Stütze — eine Studie, eine Statistik, eine Datenbasis. 70 Prozent waren überhaupt überprüfbar, aber nur 43 Prozent falsifizierbar, das heißt: nach einer Verurteilung objektiv als richtig oder falsch feststellbar.
Das ist die nüchternste Bilanz, die man über Täterprofile ziehen kann, und sie stammt nicht von Kritikern des Verfahrens, sondern aus dessen eigener Werkstatt. Mehr als die Hälfte dessen, was in einem Beratungsbericht steht, lässt sich hinterher nicht dagegen halten, ob es zutraf.
Was ein Profil voraussetzt
Ein Täterprofil ist eine Rückwärtsinferenz: Von beobachteten Handlungen soll auf stabile Eigenschaften eines unbekannten Menschen geschlossen werden. Damit das funktioniert, müssen zwei Dinge gelten. Erstens muss sich dieselbe Person über Situationen hinweg ähnlich verhalten. Zweitens müssen Menschen mit ähnlichen Merkmalen ähnliche Taten begehen — die sogenannte Homologieannahme.
Laurence Alison, Craig Bennell, Andreas Mokros und David Ormerod nannten die erste Voraussetzung 2002 das Persönlichkeitsparadox des Profiling: Das Fach leiht sich seine Grundannahme aus einer Eigenschaftspsychologie, die genau diese Annahme seit Jahrzehnten einschränkt. Verhalten ist über Situationen hinweg weit weniger konstant, als die Alltagsintuition unterstellt — der Situationismus ist die Schule, die daraus ihre Lehre gezogen hat. Ein Tatort trägt zudem die Handschrift von Täter, Opfer, Gelegenheit, Zeitdruck, Zufall und nachträglicher Veränderung zugleich.
Die zweite Voraussetzung ist direkt geprüft worden. Mokros und Alison nahmen 100 britische Männer, die fremde Frauen vergewaltigt hatten, ordneten ihre Tathandlungen nach Ähnlichkeit — rekonstruiert aus Zeugenaussagen — und verglichen das mit ihren soziodemografischen Merkmalen und Vorstrafen aus Polizeiakten. Wenn die Homologieannahme trägt, müssten sich die beiden Ähnlichkeitsordnungen entsprechen. Sie taten es in keinem einzigen Vergleich. Wer ähnlich vorging, war nicht ähnlicher im Alter, in der Beschäftigungslage, in der Herkunft oder in der Vorgeschichte. Die Autoren schließen daraus nicht, dass Profiling unmöglich sei, wohl aber, dass diese Annahme in ihrer einfachen Form keine Grundlage hergibt.
Was die Metaanalyse trennt
Brent Snook und Kollegen legten 2007 eine narrative Übersicht und eine zweiteilige Metaanalyse der veröffentlichten Profiling-Literatur vor. Die Übersicht kam zu dem Schluss, das Feld ruhe weitgehend auf Alltagsplausibilität statt auf Belegen. Interessanter sind die beiden Rechnungen.
Im ersten Teil wurden selbsternannte Profiler und erfahrene Ermittler gemeinsam mit Vergleichsgruppen verglichen. Sie schnitten bei den Denkprozessen des Täters nicht besser ab, nicht bei den körperlichen Merkmalen, nicht bei den Tathandlungen und nicht bei sozialen Gewohnheiten und Vorgeschichte. Nur beim Gesamturteil über die Tätermerkmale lagen sie knapp vorn.
Im zweiten Teil wurde die Gruppe enger gefasst: nur selbsternannte Profiler. Nun verschob sich das Bild. Bei den Tathandlungen blieben sie ohne bedeutsamen Vorsprung — aber beim Gesamturteil, bei den Denkprozessen, bei den körperlichen Merkmalen und bei sozialer Vorgeschichte und Gewohnheiten übertrafen sie die Vergleichsgruppen. Es gibt also etwas zu finden, und es ist nicht nichts.
Das Muster, das beide Rechnungen teilen, ist schmal und aufschlussreich: Beim Gesamturteil über die Tätermerkmale liegen die Fachleute vorn, bei den Tathandlungen in keiner der beiden Auswertungen. Was am Tatort geschah — die Einzelheit, an der der Kriminalroman hängt — ist genau der Punkt, an dem der Vorsprung verschwindet. Eine Beobachtung dazu drängt sich auf, die die Autoren nicht ziehen. Der Vorsprung der Fachleute liegt dort, wo eine Aussage am schwersten zu prüfen ist — beim Gesamteindruck und bei den Denkprozessen eines Menschen, den niemand befragen kann. Er fehlt dort, wo eine Aussage sich am ehesten überprüfen ließe: bei den Tathandlungen, die Spuren hinterlassen haben. Ein Vorsprung, der sich an der prüfbarsten Stelle nicht zeigt, ist zumindest erklärungsbedürftig.
Die Autoren betonen selbst die methodischen Schwächen der zugrunde liegenden Studien: kleine Stichproben, unklare Erfolgskriterien, fehlende Verblindung. In einer Folgearbeit gingen dieselben Autoren 2008 weiter und erklärten das Verfahren als Ermittlungswerkzeug für ungeeignet. Ihre Zusammenfassung nennt beide Lücken auf einmal:
no sound theoretical grounding and no strong empirical support
Warum Profile trotzdem überzeugend wirken
Viele Aussagen kombinieren hohe Basisraten mit elastischer Sprache: Der Täter kenne die Gegend, wirke nach außen unauffällig, habe Schwierigkeiten in engen Beziehungen und könne erneut handeln. In der passenden Fallgruppe trifft davon vieles auf viele Verdächtige zu.
Das ist gemessen worden. Alison, Matthew Smith und Keith Morgan legten Polizeibeamten und forensischen Fachleuten dasselbe Profil vor, koppelten es aber je zur Hälfte an einen echten und an einen erfundenen Täter. Beide Gruppen hielten es für treffend; über 75 Prozent fanden es mindestens einigermaßen zutreffend, und die Bewertungen unterschieden sich zwischen echtem und erfundenem Täter nicht. Wie beim Barnum-Effekt fällt nach der Festnahme vor allem auf, was passt; unpassende Punkte werden umgedeutet oder vergessen.
Dahinter steht ein bekannter Urteilsfehler. Wer fragt, wie gut ein Verdächtiger zum Profil passt, urteilt nach Ähnlichkeit und nicht nach Häufigkeit — die Repräsentativitätsheuristik in Reinform. Je farbiger und stimmiger die Beschreibung, desto überzeugender wirkt sie, obwohl jede zusätzliche Einzelheit sie unwahrscheinlicher macht.
Die bekannteste Ordnung des Feldes hat dieselbe Prüfung nicht bestanden. David Canter und Kollegen untersuchten 2004 die vom FBI eingeführte Unterscheidung zwischen „organisierten“ und „desorganisierten“ Tätern an 39 Tatmerkmalen aus 100 Morden von 100 US-amerikanischen Serientätern. Zwei Tätertypen zeichneten sich nicht ab: Organisierte Merkmale kennzeichnen die meisten Serientötungen überhaupt, desorganisierte sind selten und bilden keinen eigenen Typ. Das Stück über den Serienmörder-Mythos dieses Archivs führt den Befund im Detail aus.
| Was geprüft wurde | Wie | Was dabei herauskam |
|---|---|---|
| Die Homologieannahme | 100 Täter, Tathandlungen gegen Hintergrundmerkmale | in keinem einzigen Vergleich bestätigt |
| Profiler und erfahrene Ermittler | Metaanalyse, erster Teil | Vorsprung nur beim groben Gesamturteil |
| Nur selbsternannte Profiler | Metaanalyse, zweiter Teil | Vorsprung überall — außer bei den Tathandlungen |
| Organisiert gegen desorganisiert | 39 Merkmale aus 100 Tötungen | keine zwei Tätertypen |
| Ein Profil, zwei Täter | echt und erfunden, an Fachleute vorgelegt | beide Male passend gefunden, kein Unterschied |
| 805 Behauptungen aus 47 Berichten | Argumentanalyse | 96 % mit Grund, 34 % mit Beleg, 43 % falsifizierbar |
Was an seine Stelle tritt
Daraus folgt nicht, dass Verhaltensanalyse nutzlos wäre. Alison und Kollegen beschreiben, wie sich in Großbritannien aus dem Personenporträt eine engere Praxis entwickelt hat, die dort behavioural investigative advice heißt: Fälle anhand ähnlicher Muster verknüpfen, Risiken einschätzen, den Suchraum geografisch begrenzen, Vernehmungen fachlich beraten. Solche Fragen haben eine überprüfbare Antwort. Wie genau die Beratung im Einzelfall zustande kommt, ist nach Einschätzung derselben Autoren allerdings noch wenig verstanden.
Dass diese Verschiebung etwas bewirkt, zeigt die Berichtsanalyse vom Anfang. Almond, Alison und Porter verglichen die 47 Berichte des Jahres 2005 mit einer älteren Stichprobe von Profilen, die Alison und Kollegen 2003 untersucht hatten. Der Unterschied war groß: Die neueren Berichte grenzten ihre Behauptungen deutlich klarer ein und legten das Material geordneter und belegnäher vor. Man kann Profilarbeit also besser machen — indem man ihr abgewöhnt, Personen zu porträtieren.
Was bleibt
Der Titel dieses Stücks ist die ganze Bilanz: Profiler treffen das Ganze, nicht die Einzelheit. Wo eine Metaanalyse ihnen einen Vorsprung zubilligt, geht es um ein grobes Gesamturteil über einen Tätertyp; bei Alter, Aussehen und Tathandlungen verschwindet er. Die Annahme, dass ähnliche Taten auf ähnliche Menschen zurückgehen, ist an einer Stichprobe von 100 Tätern geprüft und nicht bestätigt worden. Und mehr als die Hälfte dessen, was in realen Beratungsberichten steht, war nicht so formuliert, dass man es hinterher hätte widerlegen können.
Woran man es im Alltag erkennt: an der Richtung, in die ein Satz zeigt. „Der Täter wohnt wahrscheinlich in der Region“ ist keine Information, wenn das für fast alle infrage kommenden Personen gilt; interessant wird es erst mit einer Vergleichsgruppe und einem Zugewinn — wie viel wahrscheinlicher ist dieses Merkmal bei diesem Täter als bei anderen Verdächtigen? Die beste Profilerin ähnelt deshalb weniger Sherlock Holmes als einer vorsichtigen Analystin. Sie trennt Spur, Vermutung und Test, sie nennt Alternativen, und sie weiß, dass ein Profil im schlimmsten Fall nicht nur irrt, sondern den Blick auf einen unschuldigen Menschen verengt. Der Tatort spricht nicht. Menschen bauen aus ihm eine Erzählung — und müssen anschließend prüfen, ob sie mehr ist als eine gute Geschichte.
Quellen und warum sie hier stehen
Almond, L., Alison, L., & Porter, L. (2007). An evaluation and comparison of claims made in behavioural investigative advice reports compiled by the National Policing Improvement Agency in the United Kingdom. Journal of Investigative Psychology and Offender Profiling, 4(2), 71–83.
Die Bilanz, mit der der Artikel beginnt — und sie stammt aus der Werkstatt des Verfahrens selbst: 805 Behauptungen, ausgezählt nach Grund, Beleg und Prüfbarkeit.
Alison, L., Smith, M. D., Eastman, O., & Rainbow, L. (2003). Toulmin's philosophy of argument and its relevance to offender profiling. Psychology, Crime & Law, 9(2), 173–183.
Das Werkzeug, mit dem gezählt wurde — und die ältere Stichprobe, gegen die sich der Fortschritt der Berichte von 2005 zeigen lässt.
Alison, L., Bennell, C., Mokros, A., & Ormerod, D. (2002). The personality paradox in offender profiling. Psychology, Public Policy, and Law, 8(1), 115–135.
Benennt den Widerspruch im Fundament: Das Fach leiht sich eine Grundannahme aus einer Eigenschaftspsychologie, die genau diese Annahme seit Jahrzehnten einschränkt.
Mokros, A., & Alison, L. J. (2002). Is offender profiling possible? Testing the predicted homology of crime scene actions and background characteristics in a sample of rapists. Legal and Criminological Psychology, 7(1), 25–43.
Die direkte Prüfung der Homologieannahme an 100 Tätern — und ihr Ausgang: in keinem einzigen Vergleich bestätigt.
Snook, B., Eastwood, J., Gendreau, P., Goggin, C., & Cullen, R. M. (2007). Taking stock of criminal profiling: A narrative review and meta-analysis. Criminal Justice and Behavior, 34(4), 437–453.
Die zweiteilige Metaanalyse, aus der das schmale Muster des Artikels stammt: Vorsprung beim Gesamturteil, keiner bei den Tathandlungen.
Snook, B., Cullen, R. M., Bennell, C., Taylor, P. J., & Gendreau, P. (2008). The criminal profiling illusion: What's behind the smoke and mirrors? Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1257–1276.
Die Fortsetzung, die das Verfahren als Ermittlungswerkzeug verwirft — und die Fundstelle des Zitats.
Canter, D. V., Alison, L. J., Alison, E., & Wentink, N. (2004). The organized/disorganized typology of serial murder: Myth or model? Psychology, Public Policy, and Law, 10(3), 293–320.
Die bekannteste Ordnung des Feldes, an 39 Tatmerkmalen geprüft: Zwei Tätertypen zeichnen sich nicht ab.
Alison, L., Smith, M. D., & Morgan, K. (2003). Interpreting the accuracy of offender profiles. Psychology, Crime & Law, 9(2), 185–195.
Dasselbe Profil, je zur Hälfte an einen echten und einen erfundenen Täter gekoppelt — und in beiden Fällen für treffend gehalten.
Pinizzotto, A. J., & Finkel, N. J. (1990). Criminal personality profiling: An outcome and process study. Law and Human Behavior, 14(3), 215–233.
Die frühe Vergleichsstudie, an der sich alle späteren Metaanalysen abarbeiten — und ein Beispiel für die kleinen Stichproben, die deren Grundlage bilden.
Alison, L., Goodwill, A., Almond, L., van den Heuvel, C., & Winter, J. (2010). Pragmatic solutions to offender profiling and behavioural investigative advice. Legal and Criminological Psychology, 15(1), 115–132.
Was an die Stelle des Personenporträts tritt: Fälle verknüpfen, Suchräume begrenzen, Vernehmungen beraten — Fragen mit überprüfbaren Antworten.