Das Journal19. Juli 20267 Min. Lesezeit
Sechs Tage Experiment, fünfzig Jahre Erzählung
Was von Zimbardos Gefängnis bleibt, wenn man die Tonbänder hört
Fünfundsiebzig junge Männer meldeten sich im Sommer 1971 auf eine Anzeige; vierundzwanzig wurden genommen, die unauffälligsten nach Tests und Gesprächen. Neun sollten Wärter sein, neun Gefangene, je drei standen in Reserve. Wer welche Rolle bekam, entschied der Zufall. Der Schauplatz war ein Kellerflur der Jordan Hall in Stanford, zu Zellen umgebaut, finanziert vom Office of Naval Research. Geplant waren zwei Wochen; die Anordnung lief vom 14. bis zum 20. August 1971 und wurde am sechsten Tag abgebrochen.
Was von diesen sechs Tagen übrig blieb, sind Tonbänder, Dienstpläne, Notizen und Abrechnungen, die seither in Stanford liegen und ein halbes Jahrhundert lang kaum jemand las. Die Erzählung, die stattdessen um die Welt ging, kennt jeder: Man stecke normale Menschen in Uniformen und Rollen, und binnen Tagen werden aus Wärtern Sadisten und aus Gefangenen gebrochene Männer. Die Situation, nicht der Charakter, mache das Böse.
Warum das kein Experiment war
Die Erzählung hatte von Anfang an ein Formproblem: Sie beschreibt ein Experiment, das keines war. Es gab keine Kontrollgruppe und keine Vergleichsbedingung. Der Studienleiter spielte den Gefängnisdirektor und stand damit mitten in dem Geschehen, das er messen wollte. Das ist keine nachträgliche Besserwisserei — es ist der Grund, warum die Studie in Methodenseminaren nie als Beleg, sondern immer als Warnung taugte. Eine einzelne Anordnung ohne Vergleich kann die Grundthese des Situationismus illustrieren, aber nicht prüfen. Die Bilder waren stark, die Deutung war griffig, und die Lehrbücher druckten sie.
Was in den Beständen lag
2018 legte der französische Forscher Thibault Le Texier die erste systematische Auswertung der Stanford-Bestände vor, zuerst als Buch auf Französisch, 2019 als Aufsatz im American Psychologist. Die Akten sprachen gegen die Legende an ihrem empfindlichsten Punkt: der Spontaneität. Die Wärter erfanden ihre Härte nicht — sie bekamen eine Orientierung, die ihnen die Rolle vorzeichnete, mit Erwartungen an Willkür und Schikane; wer zu mild blieb, wurde vom Versuchspersonal angehalten, härter aufzutreten. Eine der Aufnahmen hält fest, wie der als Direktor eingesetzte Student David Jaffe einen zögernden Wärter zur Ordnung ruft:
We really want to get you active and involved because the guards have to know that every guard is going to be what we call a „tough guard“
Zimbardo räumt die Ansprache ein. Über das Ausmaß dieser Einflussnahme streitet er bis heute mit Le Texier. Die Situation, die angeblich von selbst eskalierte, wurde inszeniert und nachgesteuert.
Der berühmteste Zusammenbruch eines Gefangenen, in jedem Dokumentarfilm zu sehen, steht neben den wechselnden Auskünften des Betroffenen selbst. Douglas Korpi nannte die Tage 1992 im Film Quiet Rage die aufwühlendste Erfahrung seines Lebens; 2017 sagte er, er habe die Krise gespielt, um zum Lernen für eine Prüfung entlassen zu werden. Zimbardo hält die späte Version für die unglaubwürdigere. Beide Auskünfte stammen von derselben Person, beide sind Erinnerung — entschieden wird der Streit nicht durch sie, sondern durch die Bänder. Zimbardo hat den Beständen widersprochen und seine Deutung verteidigt; die Bänder und Papiere sind öffentlich, und die Debatte darüber wird mit Aktenzeichen geführt, nicht mit Erinnerungen.
| Punkt | Was die Erzählung sagt | Was in den Beständen steht |
|---|---|---|
| Die Härte der Wärter | entstand von selbst aus der Rolle | vorgezeichnet in einer Orientierung und per Ansprache nachgesteuert |
| Der berühmte Zusammenbruch | eine echte Krise | zwei widersprüchliche Auskünfte desselben Mannes, 1992 und 2017 |
| Das Ende | Maslach als Einzige unter rund fünfzig Besuchern | früherer Widerspruch: ein Wärter warf hin, Gefangene baten um Entlassung |
| Die Form | ein Experiment | keine Kontrollgruppe, der Studienleiter als Direktor |
| Die Kritik | kam 2018 | steht seit 1975 publiziert in der Literatur |
| Die Lehrbücher | berichten den Streit | 11 von 13 behandelten die Studie, 6 nannten einen Einwand |
Was die Wiederholungen zeigten
Schon vorher hatten Neuauflagen der Anordnung ein anderes Bild geliefert. 1979 stellten S. H. Lovibond und Kollegen in Australien drei Gefängnisregime nebeneinander — die erste Fassung mit Vergleichsbedingung — und fanden das Klima an der Organisation der Anstalt hängen, nicht an den Personen. Für die BBC-Studie, 2001 durchgeführt, 2002 gesendet und 2006 publiziert, bauten Stephen Reicher und Alex Haslam die Anordnung mit unabhängiger Ethikaufsicht nach, ausdrücklich nicht als Replikation, sondern als Gegenprobe. Sie bekamen keinen automatischen Rollenverfall, sondern Gruppendynamik: Die Gefangenen organisierten sich, die Wärter zerfielen an ihrer Rolle, am Ende stand keine Tyrannei der Uniform, sondern ein Ringen um Führung und Legitimität. Man kann über die Fernsehbedingungen dieser Studie streiten, und Zimbardo sprach ihr jeden wissenschaftlichen Wert ab; dass Uniformen allein Sadisten erzeugen, zeigte sie jedenfalls nicht.
Der Einwand, der vierzig Jahre lag
Die Vorgeschichte der Kritik gehört dazu, weil sie zeigt, wie lange ein Einwand liegen bleiben kann. Schon 1975 rechneten Ali Banuazizi und Siamak Movahedi vor, dass die Teilnehmer die Erwartungen der Anordnung mühelos erraten konnten. Wer als Wärter in ein nachgebautes Gefängnis gestellt wird, weiß, welche Rolle das Drehbuch vorsieht; die Anordnung misst dann nicht, was Uniformen aus Menschen machen, sondern wie gut Menschen ein bekanntes Drehbuch spielen. Der Fachausdruck dafür sind Demand Characteristics. Der Einwand wurde publiziert, zitiert und blieb folgenlos; er stand vierzig Jahre in der Literatur, während die Legende in den Lehrbüchern stand. Erst als die Bänder auftauchten, auf denen das Nachsteuern zu hören ist, bekam das alte Argument seine Beweise nachgeliefert.
Auch die Ökonomie des Falls verdient einen Absatz. Finanziert wurde die Studie vom Office of Naval Research, im Kontext der Gefängnisdebatte ihrer Zeit. Im Oktober 1971, wenige Wochen nach dem Abbruch, sagte Zimbardo vor einem Unterausschuss des Kongresses zur Gefängnisreform aus. Damit begann das zweite Leben der Studie als politisches Argument — je nach Lager als Beleg für die Unreformierbarkeit der Gefängnisse oder für die Verdorbenheit der Wärter. Eine Untersuchung, die als Beleg für alles dient, sollte misstrauisch machen; das gilt für Studien wie für Legenden.
Wie die Legende in die Lehrbücher kam
Richard Griggs prüfte 2014 dreizehn amerikanische Einführungslehrbücher: elf behandelten die Studie, nur sechs erwähnten überhaupt einen der Einwände. Die Kritik war seit den 1970er-Jahren publiziert; sie schaffte es selten und dann knapp ins Kapitel. Warum hielt sich die Legende so lange? Weil sie drei Bedürfnisse gleichzeitig bediente. Sie entlastete: Wenn die Situation das Böse macht, ist niemand ein schlechter Mensch. Sie warnte: Gib acht, was Institutionen aus dir machen. Und sie unterhielt: Es gibt Filmmaterial. Gegen dieses Paket hatte die Methodenkritik jahrzehntelang keine Chance — bis die Kritik selbst eine Geschichte wurde, mit Archiv, Tonbändern und einem Fund. Korrekturen setzen sich durch, wenn sie erzählbar werden.
Was bleibt
Gesichert ist wenig über Gefängnisse und viel über den Forschungsbetrieb. Der ethische Präzedenzfall steht: Eine Studie, die nach den Regeln ihrer Zeit genehmigt war, geriet außer Kontrolle, ohne dass eine Aufsicht griff. Selbst ihr Ende ist umstritten. Nach Zimbardos Darstellung war Christina Maslach unter rund fünfzig Besuchern die einzige, die widersprach, und ihr Einspruch beendete das Ganze. Le Texier hält dagegen, dass es früher Widerspruch gab: Ein Wärter warf vor dem Beginn hin, Gefangene baten um Entlassung. Die Anordnung war ohnehin am Ende, weil die Wärter die Kontrolle verloren. Dass die Aufsicht versagte, während alle Beteiligten sich korrekt fühlten, ist der dauerhafte Befund. Er handelt nicht von Uniformen, sondern von Rollen im Forschungsbetrieb selbst.
Strittig bleibt, was die sechs Tage über Menschen zeigen. Am ehesten tragen sie eine kleinere These als die berühmte: dass Menschen eine Definition der Lage übernehmen, wenn eine Autorität sie ausgibt — womit die Studie näher an Milgram rückt, als ihre Erzählung wollte. Nicht spontaner Rollenverfall, sondern Gehorsam gegenüber einem Regieplan. Belastbare Zahlen dazu liefern Milgrams Serien und ihre Wiederholungen, nicht dieser Keller; das Archiv führt die Studie deshalb als historisches Ereignis erster Ordnung und als Beleg zweiter. Im Alltag erkennt man den Fall an einem Muster: Je öfter eine Untersuchung als Bild zitiert wird und je seltener ihr Methodenteil, desto wahrscheinlicher ist aus ihr eine Erzählung geworden.
Zimbardo hat auf Le Texier geantwortet, Punkt für Punkt, und bis zu seinem Tod im Oktober 2024 an der Kernaussage festgehalten; seine Erwiderung steht öffentlich neben den Beständen, und die Akte dieses Archivs verzeichnet beides. Man muss ihm zweierlei lassen. Er hat sein Material aufgehoben, statt es zu bereinigen — ohne die Bänder gäbe es die Revision nicht. Und er hat mit der Heldenforschung seiner späten Jahre die eigene These vom übermächtigen Umfeld unterlaufen: Wer Programme gründet, die Zivilcourage trainieren sollen, glaubt offenbar daran, dass Menschen einer Situation widerstehen können.
Quellen und warum sie hier stehen
Haney, C., Banks, C., & Zimbardo, P. (1973). Interpersonal dynamics in a simulated prison. International Journal of Criminology and Penology, 1, 69–97.
Der Originalbericht. Er ist der Maßstab, an dem die Bestände gemessen werden — und er enthält weder Kontrollgruppe noch Vergleichsbedingung.
Banuazizi, A., & Movahedi, S. (1975). Interpersonal dynamics in a simulated prison: A methodological analysis. American Psychologist, 30, 152–160.
Der Einwand, der vierzig Jahre lag: Die Teilnehmer konnten die Erwartungen der Anordnung mühelos erraten. Publiziert, zitiert, folgenlos — bis die Bänder ihm die Belege nachlieferten.
Lovibond, S. H., Mithiran, & Adams, W. G. (1979). The effects of three experimental prison environments on the behaviour of non-convict volunteer subjects. Australian Psychologist, 14(3), 273–287.
Die erste Fassung mit Vergleichsbedingung — und ihr Befund: Das Klima hängt an der Organisation der Anstalt, nicht an den Personen.
Reicher, S., & Haslam, S. A. (2006). Rethinking the psychology of tyranny: The BBC prison study. British Journal of Social Psychology, 45(1), 1–40.
Die Gegenprobe unter unabhängiger Ethikaufsicht. Kein automatischer Rollenverfall, sondern ein Ringen um Führung und Legitimität.
Griggs, R. A. (2014). Coverage of the Stanford Prison Experiment in introductory psychology textbooks. Teaching of Psychology, 41(3), 195–203.
Zählt nach, wie die Legende in die Ausbildung kam: elf von dreizehn Lehrbüchern behandelten die Studie, sechs nannten überhaupt einen Einwand.
Le Texier, T. (2019). Debunking the Stanford Prison Experiment. American Psychologist, 74(7), 823–839.
Die erste systematische Auswertung der Bestände — und die Fundstelle für die Ansprache an den zögernden Wärter, aus der das Zitat stammt.
Zimbardo, P. (1992). Quiet Rage: The Stanford Prison Experiment [Dokumentarfilm]. Stanford University.
Die Fassung, die Generationen gesehen haben — samt Douglas Korpis Darstellung von 1992, der er 2017 widersprach.
Zimbardos Erwiderung auf Le Texier, veröffentlicht unter prisonexp.org/response.
Sie steht öffentlich neben den Beständen, und dieses Archiv verzeichnet beides. Wer nur eine Seite führt, führt die Legende weiter, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Die Stanford-Bestände zum Gefängnisversuch (Tonbänder, Anleitungen, Dienstpläne, Notizen), Stanford University Libraries.
Das Material selbst. Dass es überhaupt existiert, ist Zimbardos Verdienst — ohne die aufgehobenen Bänder gäbe es die Revision nicht.