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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Aus Bomben werden „Ziele bedient“

Banduras Mechanismen, mit denen gewöhnliche Menschen Grausames tun

Banduras acht Mechanismen, sortiert nach der Stelle, an der sie ansetzen: zwei an der Urheberschaft, drei an der Handlung, drei an Folge und Opfer. Der Maßstab bleibt bestehen — gekappt wird die Verbindung zur Tat.Zeichnung des Archivs

Albert Bandura führt in seinem Aufsatz von 1999 ein Beispiel an, das sich in keiner Erklärung auflösen lässt, weil es nichts erklärt, sondern nur benennt. Bombenangriffe, schreibt er, würden als servicing the target beschrieben — als das Bedienen eines Ziels. Und die Zivilisten, die von den Bomben getötet werden, würden sprachlich in collateral damage verwandelt, in einen Kollateralschaden.

Es ist derselbe Vorgang, zweimal. Ein Vorgang mit einem Handelnden und einem Getöteten wird in einen Vorgang ohne beides übersetzt. Etwas wird bedient; etwas fällt an. Wer den Satz spricht, hat seine moralischen Maßstäbe nicht aufgegeben — er hat sie nur außer Reichweite dieser Handlung gebracht.

Bandura zieht daraus keine Entschuldigung. Sein Aufsatz stellt die Grenze gleich zu Anfang klar:

People suffer from the wrongs done to them regardless of how perpetrators might justify their inhumane actions

Albert Bandura, Moral Disengagement in the Perpetration of Inhumanities (1999) [Menschen leiden unter dem Unrecht, das ihnen angetan wird, unabhängig davon, wie die Täter ihre unmenschlichen Handlungen rechtfertigen mögen.]

Genau das ist Banduras These. Die bequemste Erklärung für Grausamkeit ist ein grausamer Mensch; sie hält das Böse auf Abstand und macht den Charakter zur Ursache. Bandura stellt die unbequemere Frage: Wie kann jemand mit intakten moralischen Maßstäben handeln, ohne sie in diesem Moment auf sich anzuwenden?

Seine Antwort setzt bei der Funktionsweise dieser Maßstäbe an. In Banduras Theorie wirkt Moral nicht als Gesetzestafel, sondern als laufende Selbstkontrolle: Wer etwas vorhat, sieht die Handlung an seinen eigenen Standards vorbei und sanktioniert sich selbst — durch Scham, Selbstachtung, Selbstvorwurf. Wo diese Selbstsanktionen greifen, braucht es keine Aufsicht. Wo sie ausbleiben, wird Grausames möglich, ohne dass jemand seine Überzeugungen wechseln müsste. Bandura nennt den Vorgang selektive Deaktivierung der Selbstsanktionen. Der Maßstab bleibt bestehen. Getrennt wird nur die Verbindung zwischen ihm und der konkreten Tat.

Acht Wege, den eigenen Maßstab zu umgehen

Bandura zählt acht solcher Trennstellen auf, und sie liegen an ganz verschiedenen Punkten der Kette zwischen Person, Handlung und Folge.

An der Handlung selbst setzen drei an. Die moralische Rechtfertigung deutet die Tat um: als Schutz, als Pflicht, als notwendiges Opfer für ein höheres Gut. Die reinigende Sprache — Banduras euphemistic labeling — tut dasselbe ohne Argument, allein durch Wortwahl; das Bedienen des Ziels ist ihr Musterfall. Der vorteilhafte Vergleich stellt die Tat neben eine schlimmere und lässt sie dadurch maßvoll erscheinen: Was wir tun, ist nichts gegen das, was die anderen tun.

An der Urheberschaft setzen zwei an. Die Verschiebung der Verantwortung gibt sie nach oben ab, an Befehle, Vorschriften, Vorgesetzte. Die Diffusion der Verantwortung verteilt sie in die Breite. Hier wird Bandura sehr konkret: Ein Verantwortungsgefühl lasse sich durch Arbeitsteilung zerstreuen, denn die meisten Unternehmungen benötigten die Dienste vieler Menschen, von denen jeder eine Teilaufgabe erledige, die für sich genommen harmlos wirke. Eine Person erstellt Listen, eine zweite transportiert, eine dritte genehmigt, eine vierte führt aus. Jede sieht einen kleinen, technisch benannten Schritt. Das Ergebnis hat keinen einzelnen Urheber und doch viele Mitwirkende.

An der Folge und am Opfer setzen die letzten drei an. Die Verzerrung der Konsequenzen hält den Schaden klein, bestreitet ihn oder sorgt dafür, dass niemand ihn sieht. Die Entmenschlichung nimmt dem Opfer den Status, der Rücksicht verlangt. Und die Schuldzuweisung dreht das Verhältnis um: Der Geschädigte habe es provoziert, verdient, selbst zu verantworten.

Was diese acht Mechanismen als Gruppe interessant macht, ist ihre Unauffälligkeit. Keiner von ihnen verlangt, dass jemand seine Moral ablegt. Im Gegenteil: Die meisten funktionieren nur, weil der Maßstab noch da ist und bedient werden will.

Was die Experimente zeigen — und was nicht

Bandura hat zwei dieser Mechanismen im Labor untersucht. 1975 legte er gemeinsam mit Bill Underwood und Michael Fromson eine Arbeit vor, deren Titel das Programm bereits enthält: die Enthemmung von Aggression durch Diffusion der Verantwortung und durch Entmenschlichung der Opfer. Aus der Aufzählung wurde später ein messbares Merkmal — 1996 stellten Bandura, Barbaranelli, Caprara und Pastorelli ein Verfahren vor, das moralische Entkopplung als individuell unterschiedlich ausgeprägte Neigung erfasst und ihren Zusammenhang mit dem Handeln prüft. Der Zusammenhang fand sich, und zwar in beide Richtungen: Wer höher lag, verhielt sich aggressiver und weniger hilfsbereit. Die Mechanismen sind also nicht nur eine Beschreibung im Nachhinein, sondern hängen mit dem zusammen, was Menschen tatsächlich tun.

Der prominenteste Zeuge in dieser Sache ist jedoch ein fremder: Stanley Milgrams Gehorsamsversuche. Sie zeigen eine Laborform der Verantwortungsverschiebung, und sie werden regelmäßig als Beweis dafür zitiert, dass fast jeder fast alles tut, wenn eine Autorität es anordnet. Bandura selbst weist diese Lesart zurück. An Milgram werde selten notiert, schreibt er, dass die meisten Menschen sich grausamem Verhalten verweigern, sobald die Lage personalisiert ist. Der Gehorsam in diesen Versuchen war keine Konstante: Er schwankte mit der Legitimität der Autorität, mit ihrer räumlichen Nähe und mit der Sichtbarkeit des Opfers.

Stephen Reicher und Alexander Haslam haben diesen Punkt 2012 zugespitzt. Was Milgrams und Zimbardos Studien wirklich zeigten, sei nicht blinde Automatik, sondern eine Lage, in der wissenschaftliche Autorität, schrittweise Eskalation und geteilte Verantwortung das Weitergehen begründbar machten. Teilnehmer zweifelten, widersprachen und hörten je nach Anordnung auf. Wer den Gehorsam als Naturkonstante liest, übersieht genau die Stellschrauben, an denen sich etwas ändern lässt.

Wie weit die Beschreibung trägt, hat Bandura selbst 2016 vorgeführt. Sein Buch verlässt das Schlachtfeld und geht durch ganze Branchen: die Waffenindustrie, die Tabakindustrie, den Umgang mit der Umweltzerstörung. Die Mechanismen sind dort dieselben, nur bekommen sie andere Namen — aus Rechtfertigung wird Standortsicherung, aus reinigender Sprache wird Fachvokabular, aus Verzerrung der Konsequenzen wird ein Gutachten. Der Befund ist unbequemer als jede Kriegserzählung, weil er keine Ausnahmelage mehr braucht: Dieselbe Anatomie arbeitet in Einrichtungen, die vollkommen legal sind und deren Beteiligte sich zu Recht für anständig halten.

Damit ist zugleich gesagt, was moralische Entkopplung nicht ist: kein Täterprofil. Dieselben Mechanismen erscheinen in Krieg, Mobbing, Unternehmen, Politik und Online-Gruppen, und fast jeder kann sie nutzen. Gerade diese Allgemeinheit macht den Begriff praktisch. Prävention sucht dann nicht in erster Linie nach schlechten Menschen, sondern nach schlechten Übersetzungen zwischen Handlung und Folge.

MechanismusSetzt anWie er arbeitet
Moralische Rechtfertigungder Handlungdie Tat wird zum Schutz, zur Pflicht, zum notwendigen Opfer
Reinigende Spracheder Handlungdasselbe ohne Argument, allein durch Wortwahl
Vorteilhafter Vergleichder Handlungdaneben steht etwas Schlimmeres
Verschiebung der Verantwortungder Urheberschaftnach oben abgegeben, an Befehl und Vorschrift
Diffusion der Verantwortungder Urheberschaftin die Breite verteilt, durch Arbeitsteilung
Verzerrung der Konsequenzender Folgeder Schaden wird kleingehalten oder unsichtbar gemacht
Entmenschlichungdem Opferihm wird der Status entzogen, der Rücksicht verlangt
Schuldzuweisungdem Opferder Geschädigte habe es provoziert oder verdient

Das Gegenmittel heißt Verbindung

Aus acht Trennstellen ergeben sich acht Ansatzpunkte, und sie laufen alle auf dasselbe hinaus: Wiederherstellung der gekappten Verbindung.

Verantwortung muss namentlich statt diffus sein — jemand zeichnet, und zwar mit Namen. Folgen müssen sichtbar und in normaler Sprache benannt werden; „Bedienen des Ziels“ ist die Formulierung, die verschwinden muss, bevor irgendetwas anderes sich ändert. Betroffene brauchen Gesicht, Stimme und Handlungsmacht, weil Entmenschlichung dort scheitert, wo jemand antworten kann. Widerspruch darf nicht als Verrat an der Gruppe gelten. Und Aufgaben müssen so geschnitten sein, dass niemand nur einen moralisch neutral klingenden Bruchteil sieht — die Arbeitsteilung ist das mächtigste der acht Werkzeuge, weil sie ganz ohne böse Absicht funktioniert.

Was bleibt

Gesichert ist die Beschreibung, nicht die Prognose. Banduras acht Mechanismen sind eine gut belegte Anatomie dessen, was Menschen tun, bevor und während sie Schaden anrichten; sie sagen nicht voraus, wer es tun wird. Strittig bleibt der klassische Beleg: Was Milgrams Versuche über den Gehorsam beweisen, wird bis heute verhandelt, und Bandura selbst steht dabei aufseiten derer, die den Befund für bedingt und nicht für universal halten.

Im Alltag erkennt man die Sache am ehesten an der Grammatik. Wo Handlungen ohne Handelnden auftreten, wo Folgen anfallen statt angerichtet zu werden, wo eine Zuständigkeit sich in eine Verfahrensbeschreibung auflöst, ist eine Trennstelle in Betrieb. Die Probe ist billig: Man formuliere denselben Vorgang mit einem Subjekt, einem Verb und einem Objekt, alle drei benannt. Was diesen Satz übersteht, war eine Entscheidung. Was ihn nicht übersteht, war eine Übersetzung. Das Böse ist nicht banal, weil es klein wäre. Es kann banal organisiert sein — in Formulare, Euphemismen und Zuständigkeiten, die den ganzen Satz niemanden aussprechen lassen.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3(3), 193–209.

    Der Aufsatz, aus dem alles in diesem Artikel stammt: die acht Mechanismen, das Beispiel vom bedienten Ziel — und das Zitat, das die Grenze der ganzen Theorie markiert.

  2. Bandura, A., Underwood, B., & Fromson, M. E. (1975). Disinhibition of aggression through diffusion of responsibility and dehumanization of victims. Journal of Research in Personality, 9(4), 253–269.

    Zwei der acht Mechanismen im Labor geprüft, lange bevor sie zu einer Liste wurden. Der Titel enthält das Programm bereits.

  3. Bandura, A., Barbaranelli, C., Caprara, G. V., & Pastorelli, C. (1996). Mechanisms of moral disengagement in the exercise of moral agency. Journal of Personality and Social Psychology, 71(2), 364–374.

    Macht aus der Aufzählung ein Messinstrument: moralische Entkopplung als unterschiedlich ausgeprägte Neigung, und ihr Zusammenhang mit tatsächlichem Handeln.

  4. Bandura, A. (2016). Moral Disengagement: How People Do Harm and Live with Themselves. Worth Publishers.

    Die Ausarbeitung über ganze Branchen hinweg — Waffen, Tabak, Umwelt. Sie zeigt, dass die Mechanismen keine Kriegsphänomene sind.

  5. Milgram, S. (1974). Obedience to Authority: An Experimental View. Harper & Row.

    Der prominenteste Zeuge — und der am häufigsten überzogen zitierte. Der Gehorsam schwankte mit Legitimität, Nähe und Sichtbarkeit des Opfers; er war keine Konstante.

  6. Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2012). Contesting the „nature“ of conformity: What Milgram and Zimbardo's studies really show. PLOS Biology, 10(11), e1001426.

    Die Zuspitzung, der Bandura selbst zuneigt: keine blinde Automatik, sondern eine Lage, die das Weitergehen begründbar machte. Wer Gehorsam als Naturkonstante liest, übersieht die Stellschrauben.