Zum Inhalt springen
AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Der Effekt, den einundzwanzig Labore nicht fanden

Terror-Management-Theorie und ihre Registered Replication

455 Dollar gegen 50 bei 22 Richtern, r = 0,35 über 277 Experimente — und kein Effekt, als 21 Labore mit über 2 200 Teilnehmenden vorregistriert nachsahen.Zeichnung des Archivs

Ende der 1980er-Jahre erklärte eine Versuchsleiterin einer Kontaktperson an einem Gericht im Südwesten der Vereinigten Staaten, sie untersuche den Zusammenhang von Persönlichkeit, Einstellungen und Kautionsentscheidungen. Die Kontaktperson verteilte daraufhin Umschläge an die Kolleginnen und Kollegen des Hauses; ihre eigenen Daten gingen nicht in die Auswertung ein. In den Umschlägen lagen Fragebögen, eine Fallakte und ein Formular. Die Akte war so aufgemacht, wie die Gerichtshilfe sie täglich vorlegt: Anklagepunkt Prostitution, Adresse, Erwerbsbiografie, Aufenthaltsdauer, dazu die Empfehlung der Staatsanwaltschaft, die Angeklagte nicht auf freien Fuß zu setzen. Von 24 ausgegebenen Paketen kamen 22 zurück, fünfzehn von Männern, sieben von Frauen.

Bei der Hälfte lag ein zusätzliches Blatt bei, überschrieben als neues projektives Persönlichkeitsverfahren. Es stellte zwei offene Fragen: Was wird mit Ihnen geschehen, wenn Sie körperlich sterben? Und welche Gefühle löst der Gedanke an den eigenen Tod bei Ihnen aus? Die Richter, die diese beiden Fragen beantwortet hatten, setzten für dieselbe Angeklagte im Mittel 455 Dollar Kaution an. Die anderen setzten 50 Dollar.

Abram Rosenblatt, Jeff Greenberg, Sheldon Solomon, Tom Pyszczynski und Deborah Lyon veröffentlichten das 1989 als erste von sechs Studien. Es ist eines der am häufigsten erzählten Experimente der Sozialpsychologie, und es ist der Grund, warum diese Akte offen ist.

Was die Theorie behauptet

Die Terror-Management-Theorie stammt von Greenberg, Pyszczynski und Solomon und stützt sich, wie die Autoren selbst schreiben, vor allem auf Ernest Becker. Menschen wissen um ihre Verletzlichkeit und ihren Tod; kulturelle Wirklichkeitsentwürfe puffern die Angst, die aus diesem Wissen folgt. Wer an Werte, Gruppen, Religionen, Nationen oder Werke glaubt, die das eigene Leben überdauern, hält sich an etwas fest, das nicht mitstirbt. Daraus folgt die prüfbare Vorhersage: Wird die Sterblichkeit ins Bewusstsein gerufen, sollte die Verteidigung dieser Ordnung zunehmen — freundlicher gegenüber denen, die sie stützen, härter gegenüber denen, die sie verletzen.

Die Frage selbst ist älter als jedes Labor. Epikur wollte die Angst entwaffnen: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da; wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Heidegger sah im bewussten Verhältnis zum eigenen Tod eine Möglichkeit, das Leben aus anonymer Gewohnheit zurückzugewinnen. Viktor Frankl betonte, Sinn werde nicht trotz der Begrenzung, sondern auch durch sie dringend. Was die Terror-Management-Theorie hinzufügte, ist nicht die Einsicht, sondern die Operationalisierung: zwei offene Fragen, eine Kontrollgruppe, ein messbares Urteil.

Was die Metaanalyse zählte — und warum der Effekt eine Pause braucht

Aus dieser Anordnung wurde ein Forschungsprogramm mit Hunderten Varianten. Brian Burke, Andy Martens und Erik Faucher zählten 2010 zusammen, was daraus geworden war: 164 Arbeiten mit 277 Experimenten. Über alle hinweg fanden sie einen mittelgroßen Effekt der Mortalitätssalienz auf Weltbild- und Selbstwertabwehr, eine Effektstärke von r = .35.

Bemerkenswert an dieser Metaanalyse sind weniger der Mittelwert als die Bedingungen, unter denen er größer ausfiel. Der Effekt war stärker bei US-amerikanischen Teilnehmenden, stärker bei Studierenden, stärker, wenn zwischen Erinnerung und Messung mehr Zeit lag, und stärker, wenn das Messinstrument Urteile über Personen erfasste. Das ist eine schmale Basis: Ein Befund, der an College-Stichproben eines Landes am deutlichsten auftritt, ist entweder kulturell eingebettet oder methodisch abhängig — beides schränkt die Reichweite ein, die der Theorie gewöhnlich zugeschrieben wird.

Die dritte dieser Bedingungen ist keine Kuriosität der Auswertung, sondern Theorie. Pyszczynski, Greenberg und Solomon legten 1999 ein Zwei-Wege-Modell der Abwehr vor. Solange der Todesgedanke im Bewusstsein steht, greifen unmittelbare Abwehren: Man schiebt ihn weg, erklärt sich für nicht gefährdet, verlegt das Ereignis in eine ferne Zukunft. Erst wenn er aus der Aufmerksamkeit verschwunden, aber noch zugänglich ist, sollen die symbolischen Abwehren einsetzen, um die es der Theorie geht.

Praktisch heißt das: Zwischen die beiden Fragen und die Messung gehört eine Ablenkung. Der Effekt soll sich gerade nicht sofort zeigen. Das ist eine theoretisch begründete, aber empirisch unbequeme Forderung, denn sie macht das Ausbleiben eines Befunds schwer interpretierbar — war die Vorhersage falsch oder die Pause zu kurz?

Was einundzwanzig Labore fanden

Genau diesen Einwand sollte Many Labs 4 aus dem Weg räumen. Richard Klein, Corey Cook, Charles Ebersole und Kollegen wiederholten ein klassisches Experiment der Theorie, Greenberg und Kollegen aus dem Jahr 1994, in einer vorregistrierten Anordnung mit einem eingebauten Test: Die eine Hälfte der Labore arbeitete nach einem Protokoll, das die Originalautoren mitgestaltet und freigegeben hatten, die andere nach einer Fassung, die ohne jede Beteiligung der Originalautoren entstand. Die Frage lautete, ob die Nähe zu den Erfindern eines Effekts dessen Wiederholbarkeit verbessert.

Einundzwanzig Labore sammelten Daten, über 2.200 Personen nahmen teil; nach den vorab festgelegten Ausschlüssen gingen 17 Labore mit 1.550 Teilnehmenden in die Hauptauswertung ein. Der geplante Vergleich der beiden Protokolle war am Ende nicht durchführbar — nicht weil er misslang, sondern weil es nichts zu vergleichen gab. Unter keiner der Bedingungen zeigte sich ein Effekt der Mortalitätssalienz auf die Weltbildverteidigung. Die Autoren ziehen daraus zwei mögliche Schlüsse, und ihre Zusammenfassung lässt beide offen:

This suggests that the original finding was either a false positive or the conditions necessary to obtain it are not yet understood or no longer exist

Richard A. Klein u. a., Many Labs 4 (2022) [Das legt nahe, dass der ursprüngliche Befund entweder ein falsch positives Ergebnis war oder dass die Bedingungen, unter denen er zustande kommt, noch nicht verstanden sind oder nicht mehr vorliegen.]

Der Kontrast zwischen r = .35 und diesem Nullbefund ist der eigentliche Fall. Eine Metaanalyse fasst zusammen, was veröffentlicht wurde; eine vorregistrierte Multi-Labor-Studie erzeugt ihre Daten selbst und legt vorher fest, wie sie ausgewertet werden. Wo beide Verfahren so weit auseinanderliegen, ist die Differenz kein Rauschen, sondern ein Befund über die Literatur.

PrüfungUmfangErgebnis
Rosenblatt u. a., Gründungsexperiment1989Mortalitätssalienz verändert das Urteil
Greenberg u. a., die Verzögerung1994der Effekt braucht eine Pause zwischen Reiz und Messung
Burke u. a., Metaanalyse277 Experimentemittlerer Effekt r = .35
Many Labs 4, vorregistriert21 Labore, 2.220 Personenunter keiner Bedingung ein Effekt

Eine Erklärung, die weniger verlangt

Die Terror-Management-Theorie ist nicht die einzige Deutung ihrer eigenen Befunde. Steven Heine, Travis Proulx und Kathleen Vohs schlugen 2006 ein sparsameres Modell vor: Menschen brauchen Bedeutung — ein Gefüge erwarteter Zusammenhänge, durch das sie die Welt wahrnehmen. Wird dieses Gefüge gestört, bekräftigen sie ersatzweise andere Zusammenhänge, auch in ganz anderen Bereichen. Die Autoren nennen das fluide Kompensation und beobachten sie nach sehr verschiedenen Bedrohungen: Angriffen auf den Selbstwert, Unsicherheit, Zurückweisung — und eben auch Sterblichkeit.

Wenn das stimmt, ist der Tod nicht die Wurzel, sondern ein Fall unter mehreren. Wer denselben Befund auf zwei Wegen erklären kann, hat noch keine Entscheidung getroffen; man erkennt hier die Nachbarschaft zur kognitiven Dissonanz, in der ebenfalls eine gestörte Ordnung wiederhergestellt wird, notfalls anderswo.

Angst, Sinn und die Grenzen der Deutung

Von der Theorie unabhängig bleibt die Erfahrung, um die es geht. Existenzielle Angst ist nicht automatisch eine Störung; sie kann anzeigen, dass etwas Wertvolles auf dem Spiel steht. Wird sie dauerhaft überwältigend, führt sie zu Panik, Zwang oder schwerer Vermeidung, ist fachliche Hilfe angezeigt. Philosophie ersetzt dann keine Diagnostik.

Ebenso wenig trägt die Umkehrung, aus einer Haltung zum Tod auf einen Menschen zu schließen. Humor kann Abwehr, Nähe oder kulturelle Gewohnheit sein; Schweigen kann Angst ebenso wie Privatheit bedeuten. Wer religiöse Überzeugung, Gelassenheit oder Aktivismus vorschnell als „Todesangst“ entlarvt, hat eine Theorie angewandt, die genau dort am schwächsten belegt ist, wo sie am verlockendsten klingt.

Was bleibt

Die Kautionsstudie von 1989 gilt weiter als das, was sie ist: ein einzelnes Experiment mit 22 Personen, dessen Unterschied die Schwelle der Signifikanz knapp unterschritt: F(1, 20) = 4.70, p < .05. Elegant angelegt, oft nacherzählt, nie unter denselben Bedingungen wiederholt. Die Theorie dahinter ist nicht widerlegt — sie ist unbelegt an der Stelle, an der sie am stärksten behauptet wurde. Was gilt, ist die Beobachtung, dass Menschen nach Bedrohungen ihrer Ordnung diese Ordnung bekräftigen. Strittig ist, ob der Tod dabei eine Sonderstellung hat oder eine Bedrohung unter vielen ist. Und offen ist, ob das Fach den Grundeffekt noch einmal so zeigen kann, dass andere Labore ihn wiederfinden; die Autoren von Many Labs 4 halten genau das für die Voraussetzung, unter der man diesem Forschungsfeld weiter vertrauen kann.

Im Alltag erkennt man den Unterschied an der Richtung des Arguments. Wer sagt, die Sterblichkeit mache das Leben dringlicher, sagt etwas über sich und kann recht haben. Wer sagt, eine bestimmte politische Haltung sei in Wahrheit verdrängte Todesangst, beruft sich auf einen Laborbefund — und der ist, nach dem gegenwärtigen Stand, kein tragfähiger Boden für eine Ferndeutung. Die Endlichkeit stellt eine Frage, die niemand delegieren kann: Wenn Zeit nicht Besitz, sondern Bedingung ist — wofür soll sie reichen? Eine Antwort darauf ist keine Effektstärke.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Greenberg, J., Pyszczynski, T., & Solomon, S. (1986). The causes and consequences of a need for self-esteem: A terror management theory. In Public Self and Private Self. Springer.

    Die Erstformulierung der Theorie — nötig, um zu zeigen, dass sie als Erklärung des Selbstwerts begann und nicht als Todesforschung.

  2. Becker, E. (1973). The Denial of Death. Free Press.

    Der Text, aus dem die Theorie ihre Grundidee nimmt. Er ist Kulturphilosophie, kein Experiment — und der Artikel hält beides auseinander.

  3. Rosenblatt, A., Greenberg, J., Solomon, S., Pyszczynski, T., & Lyon, D. (1989). Evidence for terror management theory: I. Journal of Personality and Social Psychology, 57(4), 681–690.

    Das Gründungsexperiment mit den Richterinnen und der Kaution — die Szene, mit der jede Darstellung des Feldes beginnt.

  4. Greenberg, J., Pyszczynski, T., Solomon, S., Simon, L., & Breus, M. (1994). Role of consciousness and accessibility of death-related thoughts in mortality salience effects. Journal of Personality and Social Psychology, 67(4), 627–637.

    Der Befund zur Verzögerung — und genau das Experiment, das Many Labs 4 wiederholte.

  5. Pyszczynski, T., Greenberg, J., & Solomon, S. (1999). A dual-process model of defense against conscious and unconscious death-related thoughts. Psychological Review, 106(4), 835–845.

    Die theoretische Begründung dafür, warum der Effekt eine Pause braucht — eine Zusatzannahme, die die Prüfung erschwert.

  6. Burke, B. L., Martens, A., & Faucher, E. H. (2010). Two decades of terror management theory: A meta-analysis of mortality salience research. Personality and Social Psychology Review, 14(2), 155–195.

    Die zusammenfassende Zahl von r = .35 aus 277 Experimenten — die eine Seite des Kontrasts, um den es geht.

  7. Klein, R. A., Cook, C. L., Ebersole, C. R., u. a. (2022). Many Labs 4: Failure to replicate mortality salience effect with and without original author involvement. Collabra: Psychology, 8(1), 35271.

    Die andere Seite, vorregistriert und mit den Originalautoren am Entwurf beteiligt — und die Fundstelle des Zitats.

  8. Heine, S. J., Proulx, T., & Vohs, K. D. (2006). The meaning maintenance model: On the coherence of social motivations. Personality and Social Psychology Review, 10(2), 88–110.

    Die Erklärung, die weniger verlangt: nicht die Todesangst, sondern jede Störung des Sinnzusammenhangs. Sie erklärt dieselben Befunde mit einer Annahme weniger.

  9. Frankl, V. E. (1946/2006). … trotzdem Ja zum Leben sagen.

    Die klinische Gegenstimme: Sinn als Aufgabe, nicht als Abwehr. Der Artikel führt sie, weil die Theorie ihn zur Schutzfunktion erklärt.

  10. Heidegger, M. (1927). Sein und Zeit.

    Die philosophische Vorgeschichte des Sein-zum-Tode — die Denkfigur, die die Theorie experimentell zu prüfen beansprucht.